America's Cup:Deutsche Mäzene segeln nicht

Vom Scheitern der America's-Cup-Kampagne 2008 hat sich der hiesige Segelsport nie erholt - jetzt gibt ein positives Zeichen.

Von Thomas Gröbner, Bermuda/München

Eine letzte Gemeinheit lauerte im Sund von Bermuda noch auf die Kohlhoff-Brüder. An der letzten Wende, im finalen Rennen des America's Cup der Nachwuchssegler. Das schwedische Team hatte die Deutschen gerammt, hilflos dümpelten sie in den Wellen, während die Konkurrenz davonzog. Erst im Augenblick der Ohnmacht sorgte das Brüder-Trio Kohlhoff also für das Aufsehen, für das es den weiten Weg nach Bermuda auf sich genommen hatte. Die Kameras fingen nun ein, wie die Deutschen, als herumtreibendes Hindernis, den eigentlich chancenlosen Briten zum Sieg verhalfen. Am Ende schleppten sie sich auf Platz sieben ins Ziel, punktgleich mit dem Letzten, Gastgeber Bermuda, einer zusammengewürfelten Mannschaft aus Boxern, Schwimmern und Rugbyspielern.

"Ich bin von mir super enttäuscht", sagt Steuermann Paul Kohlhoff danach. "Wir hätten ein Ausrufezeichen setzen können, auch an die Kritiker und an die Segelgemeinde." Es war ja überhaupt eine Überraschung, dass es das Team beim Youth America's Cup ins Finale der wichtigsten Nachwuchs-Regatta des Segelsports geschafft hatte. Die Kohlhoff-Brüder Paul, Max und Johann organisieren ihr siebenköpfiges Team in Eigenregie, ohne finanzielle Hilfe vom Segel-Verband, ohne Mäzene, mit eigenen Sponsoren und Crowdfunding.

Doch um konkurrenzfähig zu sein, fehlte dann doch "bares Geld", meint Paul Kohlhoff. Während die anderen Teams zwei Wochen mit den empfindlichen Katamaranen übten, konnten sich die Deutschen nur eine Woche leisten. Bis zu 75 000 Euro hätte eine zweite gekostet, ein Drittel des gesamten Budgets, rechnet Kohlhoff vor. Und trotzdem gelang ihnen (wenn auch nur im Nachwuchsrennen), was der deutsche Segelsport zuletzt nicht vermochte. Mutige Kampagnen sind rar geworden, seit 2008 wagt sich niemand mehr an die Herausforderung America's Cup. Damals war das "United Internet Team Germany" angetreten, mit dem hochdekorierten deutschen Segler Jochen Schümann und mit großem Getöse. Der Plan: die Segelwelt herauszufordern. Es wurde nichts.

Yachting - America's Cup

Nein, es hat nicht alles geklappt für Team Germany beim Youth America's Cup (hier geht Segler Moritz Burmester kurz über Bord) - aber ein Achtungserfolg war der Ausflug nach Bermuda trotzdem.

(Foto: Don Emmert/AFP)

Immerhin ist das Scheitern der Deutschen von 2008 sehr gut dokumentiert. Schnäppchenjäger konnten sich freuen über eine Sofaecke (440 Euro), einen Tisch-Kicker (33 Euro) und auch über die Regatta-Yacht (330 000 Euro) - alles landete beim Räumungsverkauf in Valencia, wo eigentlich der Cup stattfinden sollte. Doch weil sich der Titelverteidiger, das Schweizer Alinghi-Team, und Herausforderer Oracle USA jahrelang wegen Regelfragen vor Gerichten stritten, blutete die Konkurrenz finanziell aus. "Diese Zeit hat dem Segelsport sehr weh getan", sagt Schümann.

Schümann vermisst "die richtigen Leute an der richtigen Stelle"

Von diesem Rückschlag hat sich das deutsche Segeln noch nicht erholt. Dabei war das "United Internet Team" 2008 aufgepumpt mit Selbstvertrauen und den Millionen des deutschen Milliardärs Ralph Dommermuth. Gerade hatte man Schümann vom Schweizer Titelverteidiger Alinghi geholt, und in Karol Jablonski hatte man einen Taktiker verpflichtet, den sie auf dem Wasser den "weißen Hai" riefen. Mit diesem Team wollte Deutschland den vorletzten Platz bei der ersten Teilnahme 2007 vergessen machen. Doch das Warten machte die Sponsoren mürbe, erst 2010 startete das Duell, mit nur zwei Teams.

Trotzdem gibt es immer wieder vollmundige Versprechen. Zuletzt hatte der ehemalige Segelweltmeister Roland Gäbler 2015 den deutschen Einstieg verkündet. Danach kam - nichts. Für Schümann war das ein "Ego-Spiel", und "albern". Der America's Cup, bei dem die Teams zusammen 350 Millionen Euro investieren, sei eine "Herausforderung, für die der deutsche Segelsport insgesamt antreten muss", sagt Schümann: Gäbler wolle sich wohl ins Gespräch bringen, "aber mehr ist das nicht".

Jochen Schümann ist kürzlich 63 Jahre alt geworden, er kommentiert nun fürs Fernsehen die Übertragungen der Rennen vor Bermuda. Man erreicht ihn dieser Tage am Handy, er ist auf dem Weg nach Saint- Tropez. Schümann klagt: "Unsere Milliardäre sind nicht so zeigefreudig wie in anderen Ländern." Der hochgezüchtete Wettbewerb ist auf Gönner angewiesen. 100 Millionen Euro kostete die Titelverteidigung des Oracle Team USA vor vier Jahren gegen Neuseelands Auswahl.

Um mitzuhalten, fehle in Deutschland ein sportlicher Leuchtturm, mit der Strahlkraft von olympischen Medaillen, erklärt Schümann. "Für den einzelnen Milliardär und die Sponsoren ist es schwierig, die richtigen Leute identifizieren zu können." Immerhin gäbe es ein paar, die Achtungszeichen gesetzt haben, sagt Schümann, und nennt Philipp Buhl. Jetzt haben auch die Kohlhoff-Brüder aufgezeigt. Die senden einen Aufruf an Jochen Schümann: "Es wäre schon schön, von ihm unterstützt zu werden", sagt Paul.

Trotzdem könnte es ihr einziger Auftritt beim America's Cup bleiben. Denn der Verband macht keine Hoffnung: "Eine eigene America's-Cup-Kampagne können wir nicht auf die Beine stellen", stellt Torsten Haverland klar, der Vizepräsident des Deutschen Segler-Verbands. Das sei zu teuer - schließlich habe man auch die Verantwortung für den Freizeit- und Breitensport. "Wenn das Verständnis für den Leistungssport und für professionelles Segeln fehlt, ist es doppelt schwer. Es scheint so, als wären nicht die richtigen Leute an der richtigen Stelle", schimpft Schümann. Dabei sei der America's Cup mit seiner Technologie-Hatz auf dem Wasser eigentlich wie gemacht für die Deutschen. "Wir müssen die Herausforderung nur aufnehmen. Ich glaube, das würden sich alle deutschen Segler wünschen."

© SZ vom 23.06.2017
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