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Alpinismus:Pionierinnen in Kirgisistan

eisklettern

Findet das Thema Frauenförderung im Alpinismus einerseits sehr wichtig, andererseits geht es ihr "auch sehr auf den Geist": Dörte Pietron, 40, erreicht mit ihren Fähigkeiten am Berg Profi-Niveau.

(Foto: oh)

Dörte Pietron war die erst sechste Bergführerin in Deutschland, jetzt fördert sie den weiblichen Nachwuchs im Alpinismus. Sie hält "das Frauenthema" für wichtig, ist aber auch davon genervt.

Von Nadine Regel

Vor etwa hundert Jahren bestieg die Frankfurterin Eleonore Noll-Hasenclever 21 Viertausender und führte andere Frauen auf Gipfel. Ein Novum zu dieser Zeit, in der Frauen sich gerade erst das Wahlrecht in Deutschland erkämpften. Es blieb lange einsam für die Pionierin. "Der Frauenalpinismus ist ein Jahrhundert hinterher", sagt Dörte Pietron bei einem Spaziergang nahe Isny im Allgäu. Hier lebt die 40-Jährige seit zwei Jahren. Pietron war die erst sechste Bergführerin in Deutschland. Jetzt fördert sie mit dem Deutschen Alpenverein (DAV) den weiblichen Nachwuchs im Alpinismus. "Seitdem es den Mädels-Expeditionskader gibt, hat sich die Zahl der deutschen Bergführerinnen mehr als verdoppelt", sagt Pietron.

Alpinismus, das ist die Kernkompetenz des Alpenvereins. "Das Bergsteigen ist aber immer unpopulärer geworden", sagt Pietron. Die Leute strömten mehr in die Kletter- und Boulderhallen, als sich in Schnee, Eis und Fels fortzubewegen. Das erkenne man auch daran, dass es weniger internationale Begehungen von Bedeutung gibt, an denen Deutsche beteiligt gewesen sind. Das alpine Ausbildungsprogramm der Expeditionskader geht diese Problematik an. Die Männer feierten vergangenes Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum. Dörte Pietron war 2003 die erste Frau, die es in ein gemischtes Team schaffte. Seit 2011 gibt es auch auf ihre Initiative hin den reinen Frauenkader.

Im Oktober 2020 wählten Pietron und ihr Team aus 30 Bewerberinnen den aktuellen Expeditionskader aus - sechs Frauen. Die Ausbildung dauert normalerweise zwei Jahre, dieses Mal pandemiebedingt sogar drei Jahre. Bisher absolvierten die Frauen zwei Trainings; Eisklettern in den Dolomiten und Klettertechnik im Allgäu. "Wir sind alle sehr motiviert", sagt Pietron.

Wenn man sich Bilder vom neuen Kader und ihrer Trainerin ansieht, weiß man zunächst nicht, wer Pietron ist. Die 40-Jährige fügt sich mit ihrer schlanken, sportlichen Figur, ihrem zum Zopf gebundenen Haar perfekt in die Gruppe der 18- bis 26-Jährigen ein. Erst kürzlich kletterte sie ihre erste Route der Schwierigkeit 11-, was Profi-Niveau entspricht.

Eine junge, dynamische Frau in einer Männerdomäne. Das "Frauenthema" finde sie einerseits sehr wichtig, sagt Pietron. Aber eigentlich gehe ihr das "auch sehr auf den Geist". Ihre Interessen hätten "schon immer eher in den männlichen Stereotyp gepasst". Mit Beginn ihres Physikstudiums in ihrer Heimat Heidelberg im Jahr 2000 begann sie mit dem Klettern und Bergsteigen. Sie war von Anfang an mehr mit Männern unterwegs - normal für sie, für andere etwas Besonderes. "Aber wenn man nicht darüber redet, wird sich nichts ändern", sagt sie. In jedem Sport trenne man zwischen den Geschlechtern. Der Alpinismus hinkt dabei aber so hinterher, dass man noch nicht einmal sicher sagen könne, ob Frauen Männern beim Bergsteigen sogar physiologisch voraus seien.

Junge Frauen, die sich für den nächsten Ausbildungszyklus fit machen wollen, sollten ihre jetzigen Stärken weiterverfolgen, aber auch versuchen, Allrounder zu werden

Dörte Pietron bildet nun jedenfalls die nächste Generation starker Alpinistinnen aus, auch, um neue Vorbilder zu schaffen. Die Ausbildung umfasst bis zu 50 Tage im Jahr. "Da werden die Grundlagen gelegt, das Wissen verfestigen müssen sie dann selbst", sagt Pietron. Den Abschluss bildet eine gut einmonatige Expedition außerhalb der Alpen, also ein großes Projekt, bei dem die jungen Frauen als Team ihr Wissen und Können unter Beweis stellen müssen. Bei dem aktuellen Kader lägen die Stärken eher beim Klettern. Obwohl sich bei den Schwerpunkten trotzdem Unterschiede ergäben. Das sei auch gut, weil die Frauen so voneinander lernen könnten. Schlussendlich sollen sie als Team lernen, die Stärke jeder Einzelnen zu nutzen, um Projekte zu realisieren, die sie allein niemals bewältigen könnten. Der Teamaspekt spielt bei der Auswahl eine große Rolle.

Wichtig ist auch das Thema Risikomanagement. "Alpinismus auf hohem Niveau bleibt gefährlich", sagt Pietron. Das alpine kombinierte Gelände ist extrem komplex und es ist unmöglich, alles 100-prozentig einschätzen zu können. "Unser Ziel ist es, eigenverantwortliche Bergsteigerinnen zu entlassen, die potentielle Risiken erkennen und einschätzen lernen", sagt sie. Innerhalb des DAV spielt auch das Thema Nachhaltigkeit eine große Rolle, speziell auch im Hinblick auf die Kader. Die Expeditionen finden in Indien, Kirgisistan oder Pakistan statt. Sind die Flüge zum Ziel gerechtfertigt? Ja, findet Dörte Pietron. "Wenn man in ein anderes Land kommt, die Kultur kennenlernt und hautnah sieht, wie sich der Klimawandel auswirkt, dann steigt auch die Bereitschaft, etwas zu tun", sagt sie.

Junge Frauen, die sich für den nächsten Ausbildungszyklus fit machen wollen, sollten ihre jetzigen Stärken weiterverfolgen, aber auch versuchen, Allrounder zu werden. "Man muss auf jeden Fall schon fundierte alpine Erfahrung mitbringen", sagt Pietron. Auf das sportliche Niveau komme man leicht. Sich schnell im Schneegelände bewegen zu können, sei im alpinen Gelände jedoch wertvoller, als einen 10er klettern zu können. Sie selbst begann drei Jahre vor ihrer Aufnahme in den Kader 2003 mit dem Bergsteigen. "Da habe ich aber auch jede Minute genutzt und war extrem viel unterwegs", sagt Pietron. Ende Juni steht nun der nächste Lehrgang an. Eleonore Noll-Hasenclever würde sich wohl über die Mitstreiterinnen freuen.

© SZ/pps/lein
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