Adam Ondra im Interview:"Sogar eine 10a wäre möglich"

Lesezeit: 6 min

Adam Ondra auf einer 9c-Route 2017 in Norwegen

Auf dem Weg zur 9c: Adam Ondra im Fels.

(Foto: Pavel Blazek)

Adam Ondra gilt als bester Kletterer der Welt. Er hat vermutlich sogar die erste Route im Schwierigkeitsgrad 9c bezwungen - und damit die Grenzen seines Sports verschoben. Im Interview erklärt er, warum es möglich ist, noch schwierigere Routen zu klettern.

Interview von Nadine Regel

Kein anderer kann so viele Erfolge in den unterschiedlichen Kletterdisziplinen vorweisen wie Adam Ondra: Der 25-jährige Tscheche überzeugt nicht nur im Sportklettern am Fels, sondern ist auch ein ausgezeichneter Wettkampfkletterer sowie Olympia-Favorit und fühlt sich in Bigwalls wie der "Dawn Wall" im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien wohl, der schwierigsten Mehrseillängenroute der Welt. Ondra ist bekannt für die Erstbegehung extrem schwieriger Kletterrouten. In der SZ erklärt er, warum er so gut ist.

SZ: Mit 13 Jahren sind Sie das erste Mal eine 9a geklettert - ein Schwierigkeitsgrad, den nur wenige Kletterer überhaupt erreichen. Wann hat sich Ihr Talent abgezeichnet?

Adam Ondra: Ich war erst drei Jahre alt, da habe ich im Dreck unter den Felsen gespielt, meine Eltern beobachtet und wollte auch klettern. Als ich sechs Jahre alt war, ging ich das erste Mal zu einem Wettkampf. Ich wurde Dritter. Die kleine Trophäe stellte ich über mein Bett - und ich dachte in diesem Moment, dass ich mehr Trophäen bekommen wollte. Ich habe schnell gemerkt, dass ich sehr talentiert war, auch, weil alles so natürlich kam. Und bald wurde mir klar, dass Klettern das Beste ist, was ich mir vorstellen kann. Ich war total besessen davon und wollte einfach nur so gut wie möglich sein. Als ich sieben Jahre alt war, hatte ich schon den Traum, ziemlich genau so zu leben, wie ich jetzt lebe.

Die Erfolge fliegen Ihnen also einfach so zu?

Es ist sehr harte Arbeit. Ich trainiere sechs Tage die Woche. Vier bis fünf Stunden am Tag. Es ist aber sehr selten, dass ich mich zum Training zwingen muss, weil ich es einfach so liebe. Klettern ist ein sehr körperlicher Sport. Man muss stark sein, aber es hängt auch viel von der Art und Weise ab, wie man klettert. Man muss offen sein für neue Techniken, neue Bewegungsabläufe. Um richtig gut klettern zu können, muss man viele Jahre trainieren. Zumindest in der Vergangenheit war ich nie wirklich der Stärkste, aber immer derjenige, der seine Kraft am besten nutzt.

Schwierigkeitsgrade im Klettern

Fast jedes Land hat eine eigene Skala, um die Schwierigkeit einer Kletterroute zu bestimmen. Die in Deutschland gängige Skala ist die der Internationalen Union der Alpinismusvereinigungen (UIAA). Diese wird in römischen Ziffern angegeben (zum Beispiel V+). Die französische Skala (in arabischen Ziffern und Buchstaben: 9a) kommt zudem auch in Sportkletterrouten zum Einsatz, wobei im Alpinklettern die UIAA-Skala angewandt wird. Eine Ausnahme in Deutschland bildet das Bewertungssystem im Elbsandsteingebirge in Sachsen. Eine Tabelle hilft, um die einzelnen Schwierigkeitsgrade zu vergleichen. Merkmale zur Einschätzung einer Route sind die Komplexität der Bewegungen, die Qualität der Griffe und Tritte und die Neigung der Wand. Die derzeit (noch unbestätigte) schwierigste Route der Welt "Silence" (9c) von Adam Ondra entspricht einer XII auf der UIAA-Skala.

Mit der Route "Silence" in der Hanshelleren-Höhle in Norwegen haben Sie im September 2017 Klettergeschichte geschrieben. Laut Ihrer Bewertung handelt es sich um eine Route im Schwierigkeitsgrad 9c. Aktuell endet die Skala bei 9b+. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie es sein könnten, der die Skala erweitert?

Tief in meinem Inneren hatte ich nie Zweifel daran, dass ich Klettergeschichte schreiben würde. Das Besondere dabei ist, dass ich mich damit nicht unter Druck setze. Ich klettere einfach und gebe alles, weil es mir wirklich Spaß macht. Das ist das größte Geschenk und Talent, das mir in die Wiege gelegt worden ist.

"Silence" war ein lang gehegter Traum von Ihnen. Zwei Jahre haben Sie darauf hintrainiert, sogar eigens die Route an einer Boulderwand nachgeschraubt.

Die Hanshelleren-Höhle habe ich das erste Mal auf einem Foto im Internet gesehen. Ich war sofort hin und weg. Nachdem ich mir die Höhle angesehen hatte, wollte ich diese Route klettern. Zwei Jahre lang war sie ständig in meinem Kopf. Insgesamt habe ich 14 Wochen in Norwegen verbracht, und auch zu Hause habe ich speziell für die Route trainiert. Ich habe versucht, alle spezifischen Bewegungen zu üben, die ich für "Silence" brauche. Die Route ist sehr überhängend mit nur sehr wenigen Griffen. Und noch nicht einmal diese Griffe sind gut. Es handelt sich um "Sloper", also Griffe, die oben schräg abfallen. Es ist sehr schwierig, diese zu greifen, man muss die Finger einsetzen wie eine Kneifzange. Das erfordert extrem viel Kraft.

Im Moment sind Sie der Einzige, der überhaupt eine 9c geklettert ist. Wer soll denn Ihre Einschätzung bestätigen?

Schwer zu sagen. Ich denke, es wird einige Jahre dauern, bis es bestätigt wird. Und gleichzeitig glaube ich, dass Alex Megos aus Erlangen vielleicht das Niveau hat, eine 9c zu klettern. Aber "Silence" ist sehr spezifisch und ich gebe zu, dass ich diese Route gewählt habe, weil ich wusste, dass sie sehr gut zu meinem Stil passt. Ich bin definitiv sehr gespannt, wie jemand anderes die Route angeht. Bis jetzt hat es noch niemand versucht. Wenn sie heruntergestuft werden würde, wäre das sehr peinlich für mich.

Aber Sie selbst neigen dazu, Routen von anderen Kletterern schlechter zu bewerten, wie kürzlich die Route "Meiose" von dem aus Bayern stammenden Pirmin Bertle in einem Sportklettergebiet in der Schweiz. Bertle schlug eine 9b vor, Sie stuften auf eine 9a+ herab.

Wenn es darum geht, die Bewertung vorzuschlagen, dann versuche ich, sie mit anderen Routen zu vergleichen. Ich drücke meine ehrliche Meinung aus. Und das ist es. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass es enttäuschend sein kann und sogar als respektlos angesehen werden könnte. Aber ich kann es nicht ändern (lacht). Natürlich ist meine Bewertung subjektiv. Aber um eine größtmögliche Objektivität zu erreichen, muss jeder ehrlich seine Meinung sagen dürfen.

Sehen Sie sich selbst als den Maßstab im Klettern?

Ja, und es ist eine Art Verantwortung (lacht). Die meisten Bewertungen basieren auf dem Vergleich mit anderen Routen, die ich gemacht habe. Ich bin wahrscheinlich die meisten der härtesten Routen der Welt geklettert. Also habe ich auch die meisten Vergleichsmöglichkeiten. Die Tatsache, dass die Route zu meinem Stil passt, beziehe ich in meine Bewertung mit ein. Jeder Kletterer hat seine Stärken und Schwächen. Ich habe immer versucht, die geringsten Schwächen zu haben.

Können wir uns bald auf eine 9c+ von Ihnen freuen?

Ich habe im Moment nicht das Niveau dafür. Ich kann es vielleicht an einem Punkt in meinem Leben schaffen, aber ich müsste mindestens noch zehn Jahre dafür trainieren. Und dann bin ich 35 Jahre alt. Ob ich dann noch an der Spitze stehen kann? Das ist die große Frage. Sogar eine 10a wäre möglich, aber ich denke nicht, dass ich jemals eine 10a klettern werde.

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