Silber für Deutschland-Achter:Im Schatten der Piraten

Rowing - Men's Eight - Final A

Siegwegschnappen: Diese Paradedisziplin des Deutschland-Achters ging diesmal an Neuseeland.

(Foto: Leah Millis/Reuters)

Deutschlands Flaggschiff muss sich den überraschend starken Neuseeländer geschlagen geben. Das Paradeboot bleibt aber mit dem Doppelzweier die erfolgreichste Vertretung der Olympia-Ruderer.

Von Volker Kreisl, Tokio

Sie sind zwar nicht mehr so jung wie zuletzt bei den Spielen in Rio de Janeiro, und doch treibt sie immer noch der Geist der Bande von damals an. Da schafften sie es über ihren Team-Spirit zu Erfolgen, sie machten alles gemeinsam, zum Beispiel feiern, trainieren, auch leiden.

Heute, fünf Jahre später, feiern sie immer noch exzellent, sogar morgens, kurz nach halb elf, in einem Langboot, das so kippelig ist, dass man jederzeit rausfallen kann, beim Fäuste recken, ins Wasser planschen, und beim Herzen des Vorder- und Hintermanns. Denn Team Neuseeland beherrscht nun eine dritte Qualität: Gewinnen.

Neuseelands Besatzung hat am Freitag souverän das Achterrennen in der Seitenbucht unterhalb der großen Brücke von Tokio gewonnen und damit die Favoriten überrascht. Der Deutschland-Achter um Steuermann Martin Sauer und der Achter der Briten, zwischen denen eigentlich ein fesselnder Zweikampf erwartet wurde, kamen hintendran ins Ziel. Immerhin, den Zweikampf gab es dann trotzdem, nur eben nicht um Gold, sondern um Silber. Und weil das Paradeteam des Deutschen Ruderverbandes die Briten doch noch haarscharf abfing, hatte man wenigstens eine Art Ersatzfinale noch für sich entschieden.

Rowing - Men's Eight - Medal Ceremony

Alles gegeben, die Briten noch abgehängt: Die Silber-Crew kann feiern.

(Foto: Piroschka van de Wouw/Reuters)

Zunächst aber saßen die Besatzungen der beiden Favoritenboote minutenlang still auf ihren Sitzen, starrten ins Wasser, in den Himmel oder auf den verschwitzten Rücken des Vordermannes, um allmählich zu verstehen, was passiert war. Warum durften die Neuseeländer da drüben jetzt so herzlich Party machen? Es war ja keinesfalls ein Zittersieg, diese Ruderer vom anderen Ende der Welt haben ihnen mit einer Drittelbootlänge Vorsprung den Sieg weggeschnappt, passenderweise in einem Boot mit schwarzem Bug, was unter anderem auch die Farbe der Piraten ist.

Was ist falsch gelaufen? "Nichts" - sagt der Steuermann

Seit Jahren schon ist das Siegwegschnappen im Ruderbereich Achter eigentlich eine Sache der Deutschen und Briten. Ihre Boote sind immer wieder die schnellsten, und zuletzt hatten die Deutschen den Jubelpart. Bei den Olympischen Spielen in London stahlen sie den Gastgebern die Show und gewannen, vier Jahre später in Rio de Janeiro revanchierten sich die Briten mit Gold vor Deutschland. Nun gewann das Duell wieder das Team von Bundestrainer Uwe Bender, aber eben im Schatten von Neuseelands Ruderern.

Was ist also falsch gelaufen? Nichts, sagte Martin Sauer, der langjährige deutsche Steuermann, der hier sein letztes Achterrennen gelenkt hat. Nach der ersten Enttäuschung, der Besinnungsphase, schipperten sie Richtung Steg und erkannten den Erfolg in diesem Rennen.

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"Wir haben heute gegen einen der professionellsten Verbände verloren, die es überhaupt gibt", erklärte Sauer. Diese kleine Föderation habe mittlerweile "die besten Riemenruderer des Landes in einen Achter zusammengepackt". Und weil obendrein auch die USA, die Niederländer und Australier im Finale standen und für Überraschungen gut sind, habe man sich teamintern erst gar nicht auf den Ziellinien-Klassiker mit den Briten fokussiert.

Das Rennen bestätigte das. Fast alle kamen auf gleicher Höhe vom Start weg, die Deutschen hatten zunächst einen leichten Vorsprung, aber die Hoffnung auf einen sicheren Abstand, von dem aus man die anderen kontrollieren konnte, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, das britische Boot erhöhte die Schlagzahl und blieb links auf Höhe des deutschen Achters, der wie immer in tannengrüner Farbe durchs Wasser schnitt. Auf der rechten Seite aber setzten dann plötzlich Neuseelands Ruderer zum Angriff an, früher als erwartet, bei 1000 Metern lagen sie vorne, bei 1500 betrug der Vorsprung auf die anderen schon gut anderthalb Sekunden.

Kurz sah es gar nach einer weiteren deutschen Niederlage aus

Vor allem aber: Auch das restliche Feld driftete nicht derart auseinander, dass man seine Taktik auf bestimmte Gegner ausrichten konnte. Das Ziel rückte näher und es blieb den Ruderern nichts anderes übrig, als alle Kräfte zu mobilisieren. Kurz sah es auch mal brenzlig aus für die Achterbesatzung und damit den ganzen Deutschen Ruderverband, sie schienen in diesem Moment nach einer Phase der Erfolge plötzlich am Boden zu landen, wie die Flugzeuge in der Einflugschneise, die hier exakt über den Köpfen der Ruderer liegt. Schließlich hatten die Tage zuvor bereits schwere Niederlagen gebracht.

Der Frauenvierer hatte sich, auf Silberkurs liegend, selbst geschlagen, durch ein falsch aufgesetztes und bremsendes Ruderblatt. Einen Tag später war es Oliver Zeidler, der favorisierte Einer-Ruderer in blendender Form, der das A-Finale verpasste, weil er im windgepeitschten Wasser zu früh Kräfte ließ und dann noch, wie er am Freitag erzählte, von einer Böe und eine Welle gleichzeitig erwischt wurde, "die hat mich dann in die Leine getrieben".

Das B-Finale hatte er erreicht, es ist sonst nicht sein Anspruch, doch diesmal hatte er es genutzt, um sein Selbstvertrauen ein wenig aufzurichten. Nach dem klaren Sieg kündigte Zeidler an, sich nun voll auf die Spiele 2024 in Paris zu konzentrieren.

Der Achter wiederum verfiel doch nicht in eine Schwäche. Im Gegenteil, Johannes Weißenfeld, Laurits Follert, Olaf Roggensack, Torben Johannesen, Jakob Schneider, Malte Jakschik, Richard Schmidt, Hannes Ocik und Steuermann Sauer hatten noch die Kraft, an Großbritannien vorbeizuziehen. Der Rhythmus passte exakt, vor der Ziellinie zogen sie die Ruder durch und kickten den Bug rechtzeitig drüber.

© SZ/fhas/bkl/jkn
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