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3. Liga:Es hallt unterm Zeltdach

Tuerkguecue Muenchen v SV Wehen Wiesbaden - 3. Liga

Herbstfußball unterm Zeltdach: Beim Comeback des Olympiastadions als Spielstätte gab es ein diskretes Null-zu-Null.

(Foto: Thomas F. Starke/Getty Images)

Ligafußball ist nach 15 Jahren zurück im Olympiastadion. Beim Spiel zwischen Türkgücü München und Wehen Wiesbaden finden die Höhepunkte neben dem Rasen statt.

Von Christoph Leischwitz

Das Stadion hätte ein Tor verdient gehabt. Aber es passte dann schon ein bisschen zur herbstlichen Stimmung, dieses 0:0 zwischen Türkgücü München und dem SV Wehen Wiesbaden im Münchner Olympiastadion. Sie hatten an diesem trüben Samstagmittag tatsächlich das Flutlicht anschalten müssen, dessen neue LED-Lampen die Stadt München rund 100 000 Euro gekostet hatte. Der Olympiaturm zeigte auf der Wetterseite eine lange Regenrinne, es nieselte, das Spiel plätscherte dahin. Und dann waren ja kurzfristig auch noch Zuschauer untersagt worden. Über 1000 Karten hatte der Drittliga-Aufsteiger Türkgücü München schon verkauft gehabt, bevor am Freitag das Verbot aus dem Rathaus kam. Darunter, so war zu hören, befanden sich zahlreiche so genannte Groundhopper aus ganz Deutschland. Fans also, die exotische Stadien sammeln wie andere Menschen seinerzeit Briefmarken.

Am 14. Mai 2005 hatte hier Stephan Lehmann, der Stadionsprecher des FC Bayern ins Mikrofon geschrien: "Und jetzt machen wir es zum letzten Mal im Olympiastadion: Hier ist die Mannschaftsaufstellung des FC Bayern München!" 2012 folgte noch ein Einzelevent, ein Frauen-Pokalfinale. Doch seitdem war hier nicht mehr Fußball gespielt worden.

Türkgücüs Sercan Sarerer war ein paar Sekunden nach 14 Uhr der erste Ballkontakt in diesem Drittligaspiel vorbehalten. In der einst von Bayern-Fans bevölkerten Südkurve hatten sie eine Türkgücü-Fahne aufgespannt. Die Besonderheit dieses fußballhistorischen Tages hatte ja auch noch eine weitere Dimension, eine politische: "Türkgücü München - Traditionen bewahren - Kulturen und Menschen verbinden" - das stand auf der Bande hinter der Nordkurven-Tor. Vor dem Spiel hatten sie über die alten Lautsprecher auch noch das Lied Doppelherz von Herbert Groenemeyer und Andac Berkan Akbiyik eingespielt. "Einmal hier und dann da zuhause", heißt es darin unter anderem. Das gilt ja auch ein bisschen für Türkgücü, den ersten von Migranten gegründeten Verein im deutschen Profifußball, der aber noch keine feste Heimspielstätte hat - so kam es ja auch dazu, dass das Olympiastadion für den Fußball wieder aufgesperrt wurde, Türkgücü darf maximal zwölf seiner 19 Partien im Grünwalder Stadion austragen. Dass am vierten Spieltag die Premiere in der Ersatzheimat gefeiert wurde, das war dann aber auch ein Stückweit der Pandemie geschuldet: Normalerweise hätte an diesem Wochenende der München Marathon stattgefunden, und der hätte natürlich Vorrang gehabt.

Als Torschütze nach über 15 Jahren Ligapause konnte sich also niemand in die Geschichtsbücher eintragen. Am nächsten kamen dieser Ehre Türkgücüs Marco Holz (77.) und Wehens Benedict Hollerbach (87.), die Latte und Pfosten trafen. Türkgücü spielte gegen Ende etwas vorsichtiger als in den drei Partien zuvor, Trainer Schmidt führte das auch darauf zurück, dass man eine Woche zuvor bei Waldhof Mannheim nach 4:2-Führung noch 4:4 gespielt hatte. Die Partie hatte aufregend begonnen, entwickelte dann aber über weite Strecken einen herbstlich-trostlosen 0:0-Charakter.

"Es ist kultig", schwärmte Türkgücüs Trainer Alexander Schmidt trotzdem von dem Stadion, aber Begeisterung kam auch bei ihm nicht auf. "Mit Zuschauern wäre es uns natürlich lieber gewesen", befand er. So waren dann auch die Anweisungen der Trainer, die sich mitsamt ihrer Auswechselspieler vor der Gegengerade befanden, selbst auf der Haupttribüne noch zu hören. Spiele vor leeren Rängen gab es viele in den vergangenen Monaten, doch so ein weitläufiges Stadion scheint irgendwie noch ein bisschen leerer zu sein. Der Aufenthalt im Olympiastadion wirkte ein bisschen wie ein Museumsbesuch oder wie in einer leeren Kathedrale: faszinierend, aber auch dezent und nur bedingt emotional. Der Zuruf eines Spielers, der Pressschlag oder der Schiedsrichterpfiff, all das hallte vom Stadion-Zeltdach zurück. Und schrie förmlich nach den Körpern von Zuschauern, die den Schall schlucken würden.

Schmidt erzählte kurz von schönen Kindheitserinnerungen, die man mit diesem Stadion verbindet, er erwähnte das Champions-League-Finale von 1997, als Borussia Dortmund Juventus Turin besiegte. Der einzige am Samstag Anwesende, der in diesem Stadion schon einmal gespielt hat, war Michael Hofmann. Der 47-jährige Torwarttrainer von Türkgücü legte dann auch noch einen beckenbauerhaften Spaziergang auf der Tartanbahn hin, und schaute die leeren Ränge hinauf, als ob er sich gerade an alte Zeiten zurückerinnerte. Im April 1998 hatte er hier sein erstes Erstligaspiel bestritten mit 1860 München (ein 3:1 gegen Hertha BSC), er hatte hier gegen Leeds United in der Champions League-Qualifikation gespielt und mit Gianluigi Buffon die Handschuhe getauscht. "Ich bekomme hier Gänsehaut", hatte er vor dem Spiel in einem Clip der Olympiapark GmbH gesagt.

Während seines Spaziergangs lief das Spiel übrigens noch. In den Schlussminuten fand er sich weit entfernt von der offiziellen Coaching Zone auf der Höhe der Torlinie wieder und feuerte die Abwehr an, die sich am Schluss eines Gegentores erwehren musste. Das gelang dann ja auch. Wenn Türkgücü schon keinen eigenen Torschützen feiern konnte, so blieb dem immer noch ungeschlagenen Aufsteiger zumindest die Peinlichkeit erspart, ausgerechnet hier die erste Niederlage im Profifußball hinnehmen zu müssen.

© SZ vom 11.10.2020/dsz

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