1. FC Nürnberg:Übermütig in der Wilden Maus

Lesezeit: 3 min

1. FC Nürnberg - Hannover 96

Ernüchtert: Nürnbergs Torwart Christian Mathenia bleibt nach dem 1:5 im Schneeschauer auf dem Boden sitzen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Der Club kassiert gegen Hannover 96 eine heftige 2:5-Niederlage und rutscht Richtung Abstiegszone. Sorgen will sich Trainer Robert Klauß keine machen, er ist aber "wachsam".

Von Thomas Gröbner, Nürnberg

Irgendwann hätte Robert Klauß seine Spieler vielleicht bremsen sollen. Vielleicht nach dem Gegentor zum 1:3, oder nach dem 1:4 für Hannover. "Das waren Wirkungstreffer", stellte der Trainer des 1. FC Nürnberg fest, "das hat man gesehen." Doch obwohl seine Mannschaft taumelte wie nach vier Fahrten mit der Wilden Maus auf dem Oktoberfest, griff sie weiter an - und wurde von eiskalten Hannoveranern durchgeschüttelt. "Es ist teilweise naiv, wie wir Fußball spielen", stellte Klauß fest. Sein Angreifer Manuel Schäffler nannte es wenig charmant einfach nur: "blöd."

Wie in einer "Achterbahnfahrt" fühlte sich Club-Torhüter Christan Mathenia nach der krachenden 2:5 (1:2)-Heimniederlage. Dabei haben Vergnügungsparks im Moment ja gerade geschlossen, und das Max-Morlock-Stadion war am Sonntag im dichten Schneetreiben auch kein einladender Ort, einen entspannten Sonntag zu verbringen. Im Gegenteil: Nach 90 Minuten drängte sich die Frage auf, ob diese Saison schon wieder eine Spielzeit mit wenigen Höhen und vielen Tiefen werden könnte.

"Direkte Duelle, Standardsituationen, das sind die entscheidenden Punkte, da waren wir unterlegen."

Nürnberg rannte an, Hannover traf fast nach Belieben, das war das Bild in der zweiten Hälfte. "Übermut" attestierte Klauß seiner Mannschaft, die nach vorne stürmte und sich hinten entblößte. "Mich ärgert, wie wir verteidigen", er werde "hart ins Gericht gehen" mit den Spielern - auch wenn er seine Mannschaft nicht drei Tore schlechter gesehen hatte.

Dabei hatte er ja gewarnt vor den Ausnahmekönnern auf Seiten von Hannover 96. "Abhängig" seien die Niedersachsen von Genki Haraguchi und Marvin Ducksch, und da wollte der Trainer eigentlich ansetzen: "Das wird unsere Aufgabe sein, sie nicht zur Entfaltung kommen zu lassen." Was immer Klauß sich zurechtgelegt haben mochte, der Plan ging nicht auf. Es dauerte nicht lange, bis die beiden ihre Klasse bewiesen: Haraguchi setzte Ducksch ein, der im Strafraum von Asgar Sörensen niedergerissen wurde. Den fälligen Strafstoß verwandelte Ducksch selbst zur Führung (19.). Wenig später dann der nächste Rückschlag: Nach einer Ecke setzte sich 96-Innenverteidiger Timo Hübers im Luftduell gegen Manuel Schäffler durch, Christian Mathenia konnte dem wuchtigen Kopfball nur hinterherschauen (24.).

"Direkte Duelle, Standardsituationen, das sind die entscheidenden Punkte, da waren wir unterlegen. Da waren wir heute nicht gut genug", so lautete die recht simple Analyse von Klauß. Immerhin: Nürnberg lässt sich inzwischen nicht mehr beeindrucken von Gegentoren, das darf Klauß durchaus als Fortschritt werten. Einen abgefälschten Schuss von Robin Hack drückte Angreifer Manuel Schäffler am zweiten Pfosten mit dem Kopf ins Tor (35.).

Die Hannoveraner hatten einige Jubelvariationen einstudiert, und sie hatten genug Gelegenheiten, ihre Choreografien vorzuführen. Haraguchi (58.) bekam nach seinem feinen Distanzschuss den Schuh poliert, Florent Muslija führte komplizierte Fingerzeichen für die Kameras vor nach seinem Freistoßtor (72.), und Patrick Twumasi (86.) tanzte nach seinem Treffer wie ein schlecht geölter Roboter.

Klauß reagierte auf die Torflut, indem er die Offensivkräfte Sarpreet Singh und Fabian Schleusener brachte, Letzterer gilt ja als Experte für späte Glücksmomente. Nürnberg griff weiter mit dem Mut der Verzweiflung an und kam durchaus zu Gelegenheiten: Einen Schuss von Singh (77.) lenkte Hannovers Schlussmann Esser an die Latte, bei einer Vierfach-Chance im Anschluss warf sich die halbe 96-Mannschaft in die Schussbahn. Danach traf immerhin Johannes Geis per Freistoß (89.), mehr als kosmetische Korrektur war sein Tor zum 2:5 aber nicht mehr.

Muss man sich also Sorgen machen um den 1. FC Nürnberg? Nur einen Punkt holte der Club im Jahr 2021, die Abstiegszone rückt langsam wieder näher, dabei hatte Klauß den Januar als richtungsweisenden Monat ausgerufen. Und nun? "Sorgen helfen nicht, um Probleme zu lösen", findet Klauß. Er sagt aber auch: "Wir sind wachsam."

Der Club ist im Moment weit davon entfernt, perspektivisch wieder nach oben zu blicken

Dabei hätte es gegen Hannover so etwas wie ein Klassentreffen sein können, bei dem man dem Banknachbarn von damals zeigt, was aus einem geworden ist. 2019 waren Nürnberg und Hannover gemeinsam aus der Bundesliga abgestiegen - und beide laufen seither ihren Ansprüchen hinterher. Hannover hat das Ziel Aufstieg ja durchaus offen formuliert, Nürnbergs Sportvorstand Dieter Hecking gab vor dem Spiel immerhin die Losung aus, man wolle zumindest perspektivisch wieder nach oben blicken. Davon ist man im Moment weit entfernt am Valznerweiher. Vor dem Duell mit dem Tabellennachbarn Jahn Regensburg am Mittwoch (20.30 Uhr) liegt der Club auf Rang zwölf, mit nur fünf Punkten Abstand auf den Relegationsrang.

Das Tor von Geis rief am Ende schon gar keine Emotionen mehr hervor, nach seinem abgefälschten Schuss drehte er sich einfach um und marschierte zurück in die eigene Hälfte. Bloß raus aus dieser Achterbahnfahrt. Es waren ein paar Loopings zu viel gewesen für die Nürnberger.

Zur SZ-Startseite