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1. FC Köln:Kampfeinheit mit Kraftmeier

Köln, RheinEnergieStadion, 18.01.20: Jhon Cordoba (M) (Köln) köpft das 1:0 Tor und jubelt ausgelassen mit Mark Uth (L)

Kölner Sieggaranten: Zugang Uth, Talent Thielmann, Torjäger Cordoba, Torschütze Hector (von links).

(Foto: Mika Volkmann/imago images)

Kölns Stürmer Jhon Cordoba trifft auch gegen Wolfsburg und beschert dem FC erstmals seit 19 Jahren vier Siege in Serie.

Von Philipp Selldorf, Köln

Als der 1. FC Köln zuletzt vier Bundesligaspiele nacheinander gewann, bezahlten die Bundesbürger noch mit der D-Mark. Trainer am Geißbockheim war der strenge Ewald Lienen, der Pressekonferenzen dazu nutzte, vor den Gefahren von Weißmehlbrot zu warnen, und seitdem sind nicht nur viele, viele lebensgefährliche Weißmehlbrötchen verzehrt worden, sondern auch viele Jahre ins Land gegangen. Jetzt hat Lienens Nachfolger Markus Gisdol die alte Marke eingestellt, indem seine Elf 3:1 gegen den VfL Wolfsburg gewann, und dennoch hat das Stadion in Müngersdorf nicht unbedingt Kopf gestanden nach dem vierten Sieg in Serie. Man nahm den Erfolg mit Dankbarkeit und Applaus zur Kenntnis, das schon, aber es war auch ein wenig Gewöhnung beim Publikum zu spüren. Aus der Kurve kamen zwar Gesänge, die den Europacup thematisierten, doch das war wohl nur ein Scherz.

Dass die Einheimischen ihre Gefühle unter Kontrolle hatten, lag auch an den undramatischen Umständen, unter denen das Spiel aufs Ende zuging. Die Kölner hatten vom VfL nicht mehr viel zu befürchten, obwohl sich Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner später dazu aufgerufen fühlte, seine Spieler für die Selbstverständlichkeit zu loben, "bis zur letzten Minute alles gegeben" zu haben. Das Problem des VfL bestand darin, dass seine Profis in gewissen Phasen der Partie eben jene Alles-Geben-Mentalität hatten vermissen lassen, was den Kölnern zwischenzeitlich ein 3:0 ermöglichte. Spätestens nach dem dritten Treffer, den Jonas Hector im Anschluss an eine Ecke und eine Vorlage von Rafael Czichos erzielte (62.), schien alles entschieden zu sein.

Die Wolfsburger trotteten zum Anstoß, als ob es sie nichts anginge und ihnen nichts so egal wäre wie dieser 0:3-Rückstand. Niemand haderte, keiner diskutierte mit dem Nebenmann. Nach Renato Steffens 1:3 kaum vier Minuten später besserte sich das Bild, aber von einer leidenschaftlichen Aufholjagd musste man nicht sprechen. Mittelfeldspieler Xaver Schlager war einer der wenigen, der richtig nach vorn drängte. Doch die Kölner wehrten sich.

Der Mann, von dem nach Abpfiff alle schwärmten, war jener Spieler, den Wolfsburgs Manager Jörg Schmadtke im Sommer 2017 nach Köln geholt hatte: Jhon Cordoba war ihm seinerzeit als FC-Sportchef 17 Millionen Euro Ablöse wert gewesen, doch der Angreifer wurde nicht nur sein teuerster, sondern auch verhängnisvollster Transfer in Köln. Kurzfassung: Cordoba zündete nicht, es gab Kritik, Schmadtke war beleidigt, kündigte, der FC stieg ab.

Nun schoss Cordoba gegen Schmadtkes Wolfsburger zwei Tore, und der Kölner Zugang Mark Uth schwärmte, so einen habe er "noch nicht gesehen: Du kannst ja jeden langen Ball auf Jhon spielen, der macht ihn irgendwie fest". Dabei musste sich der Kolumbianer Cordoba als alleinige Sturmspitze ständig gegen die beiden Wolfsburger Innenverteidiger Brooks und Tisserand behaupten. Doch auch in Überzahl bekam der VfL den extrem widerspenstigen Kraftmeier nicht in den Griff.

FC-Trainer Gisdol staunte über seinen Mittelstürmer, der offenbar über die Jahreswende noch mehr Muskeln angesammelt hat: "Jhon war schon eine richtige Maschine, aber jetzt ist er irgendwie noch robuster geworden. Dennoch war es vor allem ein Sieg der von Kapitän Hector gesteuerten Kölner Kampfgemeinschaft, der weiterhin die hausgemachten Talente Noah Katterbach, Ismail Jakobs und Jan Thielmann angehören. Ihr Anteil an der Wende beim zuvor demoralisierten FC geht weit über eine symbolische Geste der Erneuerung hinaus. Es gibt keinen Grund, ihre Plätze den etablierten Profis zurückzugeben, die für sie auf die Bank wechselten.

"Unfassbar abgezockt", fand Verteidiger Czichos den Auftritt der Junioren. Katterbach, 18, und Jakobs, 20, bilden auf links ein sehr schnelles und auch effektives Duett, Thielmann, 17, sorgte für Unruhe in der VfL-Deckung. Die Drei seien gewiss nicht als "Eintagsfliegen" zu betrachten, sagte Gisdol, aber er deutete auch an, dass er demnächst wieder andere Spieler bevorzugen könnte. Der Trainer verwaltet einen übergroßen Kader, mancher Kölner mit Anspruch saß auf der Tribüne.

Der Aufschwung des FC muss sich daher außer sportlichen auch innerbetrieblichen Herausforderungen stellen. Zumal der gebürtige Kölner Uth (geliehen aus Schalke) umgehend in die erste Elf einrückte und sofort zum Ecken- und Freistoßbeauftragten ernannt wurde. Uth bereitete die 1:0-Führung vor und gab, so Gisdol, ein Debüt "ohne Anlaufzeit - er hat funktioniert, als wäre er nie weg gewesen".

Etwas Glück hatten die Kölner allerdings benötigt für den nächsten Befreiungsschlag im Abstiegskampf. Die erste Viertelstunde sah es so aus, als sei ein potentielles Spitzenteam bei einem potentiellen Absteiger zu Gast. Doch Wolfsburg vergab seine Chancen kläglich, und Schmadtke bilanzierte bitter: "Wirkamen gut ins Spiel - aber 15 Minuten reichen nicht."

© SZ vom 20.01.2020

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