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1. FC Köln:"Es ist zum Kotzen"

1. FC Köln - 1899 Hoffenheim

Abschied ohne Tränen: Achim Beierlorzer bei seiner letzten Pressekonferenz als Kölner Trainer.

(Foto: Rolf Vennenbernd / dpa)

Pünktlich zu Karneval gibt der 1. FC Köln ein raderdolles Bild ab: Sportchef Veh weg, Trainer Beierlorzer entlassen, und der Wunschkandidat Labbadia sagt ab.

Als Frank Aehlig, der kommissarische Sportchef des 1. FC Köln, am Samstag am Geißbockheim die Eigenschaften des Trainers beschrieb, hörte sich das an, als habe der Klub eine sehr gute Lösung für seine Probleme gefunden: "Er ist ein kompetenter Trainer, und er hat eine Art, eine Mannschaft zu führen, die ihn als Typ gut ankommen lässt." Aehlig sprach also über einen Mann, der fachlich versiert ist, der ein Team leiten kann und eine gewinnende Persönlichkeit ist. Freilich redete er nicht über den neuen Trainer des 1. FC Köln, sondern über jenen, den der Klub soeben in Urlaub geschickt hatte, um Platz für den nächsten zu schaffen. Achim Beierlorzer, 51, das stellte Aehlig noch klar, habe sich in den vier Monaten seines Wirkens "keine gravierenden Versäumnisse" zuschulden kommen lassen. Doch weil er mit seinem Team zu selten gewonnen hat, sind nun andere Kriterien maßgebend: "Es geht in unserer Situation auch um den Glauben, den wir aufrechterhalten müssen."

Dieser Glaube wurde am Freitagabend in der Partie gegen die TSG Hoffenheim ein weiteres Mal erschüttert. Nicht allein wegen des 1:2, der achten Niederlage in der laufenden Saison, sondern auch wegen der frustrierenden Umstände: Soeben hatte, mitten in der Nachspielzeit, Kölns Mittelstürmer Simon Terodde denkbar knapp die Chance zum 2:1 versäumt, da ergab sich im Gegenzug im Strafraum des FC ein Zweikampf, auf den Schiedsrichter Robert Kampka mit einem Freistoß für die Gastgeber reagierte. Bis sich seine Kollegen vom Fernsehgericht meldeten. Als Kampka dann zum Videoschirm an der Mittellinie eilte, wendete sich Beierlorzer vom Spielfeld ab und lächelte ein sarkastisches Lächeln. Er ahnte, was folgen würde: Hoffenheim bekam einen Elfmeter, und Jürgen Locadia erzielte unter Pfiffen und zornigem Geschrei das 2:1 für die Gäste. Anschließend waltete Stadionsprecher Michael Trippel auf eine Weise seines Amtes, die etwas vom üblichen Protokoll abwich. "Es ist zum Kotzen", rief er ins Mikrofon.

Er dürfte damit die Gefühle der Beteiligten treffend wiedergegeben haben. "Das müssen wir jetzt erst mal verarbeiten, das ist schon knallhart", gab Angreifer Terodde die Gefühlslage der Kollegen wieder und empfahl, erst mal Abstand zu gewinnen. "Alle mal wieder ein bisschen runterfahren", riet er, "wir sind im Abstiegskampf."

Die Geschehnisse im Geißbockheim sind allerdings nicht dazu angetan, rund um den Verein Ruhe und Gelassenheit herzustellen. Synchron zum Schlusspfiff teilte der Klub mit, dass Sportchef Armin Veh und der FC ab sofort getrennter Wege gingen, das ohnehin für den Sommer angekündigte gegenseitige Lebewohl wird damit vorgezogen, angeblich "einvernehmlich". Das Kommuniqué zur Scheidung zu verschicken, nachdem sich gerade die nächste dramatische Niederlage vollendet hatte, das zeugte zwar nicht gerade von Feingefühl. Vehs vormaliger Assistent Aehlig verteidigte jedoch die Kommunikationspolitik: "Wir wollten den vollen Fokus auf das Spiel legen. Danach hätte es aber keinen Sinn mehr gemacht, Armin mit irgendwelchen erfundenen Gründen anschließend nicht mehr sprechen zu lassen." Er habe seit Donnerstagabend Bescheid gewusst: "Armin ist seiner Verantwortung als Geschäftsführer bis zum Schluss nachgekommen. Die Bekanntgabe seines Entschlusses, nicht zu verlängern, hat aber als Beschleuniger gewirkt." Ursprünglich hatte man geplant, zumindest bis zum Jahresende zusammenzuarbeiten.

Mitten in der sportlichen Krise richtet sich der Klub auf den neuralgischen Positionen in Provisorien ein. Während Aehlig den Sport verantwortet, übernehmen Beierlorzers Assistenten André Pawlak und Manfred Schmid die Arbeit mit dem Team. Der Beschluss, den im Sommer geholten Beierlorzer zu entlassen, sei eine gemeinsame Entscheidung der operativen Abteilungen und der Gremien des Klubs gewesen, erklärte Aehlig. Man möchte das beinahe als Fortschritt werten, denn die Vielzahl der am Prozess beteiligten Instanzen und Personen - Geschäftsführung, Präsidium, Mitgliederrat, "Gemeinsamer Ausschuss" inklusive Beirat und Aufsichtsrat - lässt den FC als Debattierklub erscheinen, der mehr gegenläufige Interessen und Strömungen zu vereinen sucht als die SPD.

Wie es um die Einheit im Klub bestellt ist, wird sich zeigen, wenn über die Besetzung der vakanten Posten zu entscheiden ist. Einen ersten Vorstoß hat Aehlig bereits unternommen, indem er Kontakt zum logischen Kandidaten für den Noteinsatz aufnahm, doch Bruno Labbadia, 53, ließ sich erst gar nicht aufs Gespräch ein. Er stehe für ein Engagement nicht zur Verfügung, teilte er Aehlig mit. Für die Kölner ein Alarmsignal: Labbadias Absage wirkt wie der Befund eines Experten, der den Job ablehnt, weil er ihm zu riskant erscheint.

Beierlorzers letztes Spiel als FC-Trainer war ein Stück aus dem Abstiegskampf, aber kein klassisches Beispiel des Versagens. Auch die siegreichen Gäste gaben zu, dass ein Remis den Spielverlauf korrekt wiedergegeben hätte. Die Trennung vom Trainer entsprach dennoch der allgemeinen Erwartung. Schon nach der Niederlage in Düsseldorf (0:2) am vorigen Sonntag hatte Beierlorzer zur Disposition gestanden. Unter anderem war es Vehs Fürsprache, die ihm eine Bewährungsfrist verschafft hatte. Am Freitagabend verzichtete der Betroffene auf ein Plädoyer in eigener Sache, die Vereinsoberen müssten selbst wissen, ob sie nun "den Reset-Knopf drücken" wollten, erklärte er gelassen. Mit der undankbaren Situation im chaotischen Köln hatte sich der aufrechte Franke arrangiert und innerlich bereits Abschied genommen.

So sucht der 1. FC Köln nun abermals einen kompetenten Trainer, der kraft Persönlichkeit die verunsicherte Mannschaft zu führen versteht.