1. FC Nürnberg Eskorte für den Bus

Gestocher im Nebel: Der Nürnberger Toerles Knoell gegen Oliver Huesing.

(Foto: Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images)

Der Club bewahrt in Rostock dem Chaos und den Randalen zum Trotz die Nerven. "Das ist ja keine Mannschaft, die stählern ist und alles schon erlebt hat", sagt Trainer Köllner.

Von Christoph Ruf

Man konnte sich am Mittwochabend schon vorstellen, was in einem Menschen vorgeht, der quälend lange Sekunden inmitten eines gellenden Pfeifkonzertes herumsteht. Zumal, wenn es auch noch ihm selbst gilt. Ein kurzer Anlauf, Hundertstelsekunden, bis das Hirn realisiert, was das Auge gesehen hat. Tor für Nürnberg, große Erleichterung. Endorphinflut. So oder so ähnlich ging es den vier Elfmeterschützen, die in Rostock dafür sorgten, dass der Club mit 6:4 nach Elfmeterschießen ins Achtelfinale des DFB-Pokals einzieht.

Es war also eigentlich kein Wunder, dass nach dem Spiel die übermäßige Ausschüttung von Adrenalin und Glückshormonen noch sehr deutlich aus der Spielanalyse von Spielern und Trainern sprach. Der ebenso zutreffenden wie leicht beleidigten Einschätzung des Rostocker Spielers Julian Riedel - "Wenn die heute irgendwo besser waren als wir, dann nur im Elfmeterschießen" - mochte nämlich im Nürnberger Lager keiner beipflichten. Trainer Michael Köllner war voll des Lobes über seine Mannschaft, die sich "ins Spiel gebissen" habe. "Und es spricht schon für Qualität, wenn du bestehst, obwohl 25 000 pfeifen." Auch Christian Mathenia, der zwei Mal vom Elfmeterpunkt nicht überwunden werden konnte, hatte bestanden. Der Keeper hatte "einen Gegner gesehen, der über sich hinausgewachsen ist", und fand den Verlauf "typisch für ein Pokalspiel".

Der Club hatte sich mit Glück in die Verlängerung gerettet, erst in der Schlussminute glich Adam Zrelak zum 1:1 aus (90.). Und in der Verlängerung traf Federico Palacios nach erneuter Rostocker Führung (103.). Die Unzulänglichkeiten in der Defensive müssen den Verantwortlichen Sorgen machen. Es war ja nicht nur das Slapstick-Tor zum 1:0, bei dem sich zuerst Robert Bauer und dann Simon Rhein blamierten. In fünf, sechs Szenen konnten sich die lebendigen und ballsicheren Rostocker ungestört in den Nürnberger Sechszehner kombinieren, die Zone zwischen Nürnberger Abwehr und Defensive war ein einziges Vakuum. Genau das sprach Tim Leibold, der mit einem prima Pass das 2:2 vorbereitet hatte, auch klar an: "Wir haben eine katastrophale erste Halbzeit gespielt und brutal viele Fehler gemacht. Gegen stärkere Gegner fangen wir da drei, vier Stück." Köllner formulierte es so: "Wenn du als Erstligist ins Elfmeterschießen musst, bist du nicht der König des Spiels gewesen."

Als dann schließlich auch die Pressekonferenz vorbei war, stieg der Nürnberger Tross in einen Bus, dessen Heckscheibe Rostocker Gewalttäter in der Nacht zuvor mit einem Steinwurf zerstört hatten. Er war provisorisch geflickt worden. Die Fahrt zum Stadion mit Polizeibegleitung hatte wenig mit einem normalen Fußballspiel zu tun. "Vorne eine Eskorte, hinten eine Eskorte", erzählte Köllner. "Da fühlst du dich wie ein Schwerverbrecher oder ein Staatspräsident, der im politischen Wirrwarr am Kippen ist. Da sitzen 19- und 20-Jährige im Bus drin. Das kannst du als Mannschaft nicht ganz verdrängen."

"Total krank" fand das nicht nur Köllner, der sich durch den offenbar sehr großen Stein, der im Bus gefunden wurde, an das Attentat im April vergangenen Jahres in Dortmund erinnert fühlte. Mit Fußball hatte das genauso wenig zu tun wie die Tatsache, dass gut 300 Clubfans, die mittags die Auseinandersetzung mit Rostockern gesucht hatten und von der Polizei eingekesselt worden waren, zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Rückweg ins Fränkische waren, weil die Polizei sie nicht mehr ins Stadion lassen wollte. Oder die Tatsache, dass Zivilpolizisten zuvor einen Schuss abgegeben hatten, weil Rostocker Fans in Stadionnähe FCN-Fans angegriffen hatten. "Und dann kriegst du mit, was in der Stadt los ist", sagte Köllner. "Das ist ja keine Mannschaft, die stählern ist und alles schon erlebt hat."