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USA:Keine Spur von Johnny Cash

"Eigentlich schon", antwortet der Darsteller verlegen, "deshalb werde ich auch oft für Johnny Cash gehalten."

(Foto: Grafik: Melissa Wolf)

Erstaunlich genug diese Verwechslung, schließlich trat Johnny Cash immer in Schwarz auf, um sich von den Wagoners dieser Welt in ihren papageienbunten Bühnenanzügen abzusetzen. Und zur Opry hatte er immer ein gespaltenes Verhältnis. 1965 trat er während seines Auftritts die Bodenscheinwerfer aus und wurde auf Lebenszeit verbannt.

1967 machte die Opry einen Rückzieher, Johnny Cash war zu groß geworden, um ihn zu ignorieren. Heute fällt es schwer, sich Johnny Cash in der Opry vorzustellen, angesichts der kunterbunten Programmmixtur.

In Richtung Memphis, wo Johnny Cashs Karriere begann, ändert sich die Topographie. Keine Wälder und Hügel mehr, stattdessen abgeerntete Baumwollfelder. Im Radio läuft Cashs "Folsom Prison Blues" mit der legendären Textzeile "I shot a man in Reno, just to watch him die". In den 1960ern ist Cash in Folsom aufgetreten, später auch in St.Quentin, einem der härtesten Gefängnisse der USA. Und Marshall Grant war dabei.

Marshall Grant war immer dabei, von den frühen fünfziger Jahren bis 1976, als er sich mit Cash wegen dessen Tablettensucht verkrachte und kurz darauf die Kündigung erhielt. Später haben sie sich wieder vertragen, aber das ist eine andere Geschichte. Mit Luther Perkins an der elektrischen Gitarre bildete der Bassist Marshall Grant die Tennessee2, die Begleitband von Johnny Cash.

Grant sitzt in einem Restaurant in Hernando, Mississippi, gleich hinter der Grenze zu Tennessee. Die Speisekarte ist überschaubar, es gibt Burger und Sandwiches. Um ihn herum vierschrötige Männer mit Baseballkappen, die über viel zu dünnem Kaffee brüten und jeden Ankömmling misstrauisch beäugen. Marshall Grant ist groß und schlank, sein Haar schütter.

Er ginge für Anfang 60 durch, tatsächlich ist er 79: "Nüchtern war Johnny Cash der beste Mensch, der je gelebt hat, nur Jesus hat ihn überragt. Aber auf Amphetaminen wurde er das exakte Gegenteil, dann behandelte er jeden wie Dreck, seine Musiker, seine Eltern - einfach alle."

Die Nebenstraße da draußen, Grant zeigt aus dem Fenster, so sahen früher die Highways aus: einspurig, voller Schlaglöcher. Tourneen waren Stress: abends der Auftritt, nachts ein Nickerchen, im Morgengrauen raus und dann stundenlang unterwegs zum nächsten Konzert - tagein, tagaus.

Irgendwann waren die Pillen da. Johnny Cash kam nie mehr davon los, anders als im Film, der 1968 mit der Hochzeit eines drogenfreien Johnny Cash endet. Der Film. Marshall Grant schnaubt verächtlich. Dieses Happy End...

In Wirklichkeit kamen nach den Amphetaminen die Operationen und mit ihnen die Schmerzmittel. Am Ende konnte Johnny Cash nicht mehr sehen und hören, Lunge und Nieren kollabierten. "Aber letztlich waren es seine Dämonen, die ihn umgebracht haben", sagt Grant: "Der Tod des Bruders, den er nie verwunden hat, die eigene Sündigkeit und das Erbe einer Kindheit in bitterer Armut: Seine Eltern hatten nichts, absolut nichts, und diese Erfahrung prägt einen."

In Memphis, der Hafenstadt am Mississippi, dreht sich alles um Elvis. Das ehemalige Studio von Sun Records, wo seine Karriere begann, veranstaltet im Stundenrhythmus Führungen. Johnny Cash, der seine ersten Platten ebenfalls für Sun aufnahm, wird nur in einem Nebensatz erwähnt.

Nur auf der Beale Street ist das anders, der Amüsiermeile von Memphis. Doch während der Broadway in Nashville eine Talentschmiede für junge Country-Musiker ist, wird hier das Gestern beschworen. So auch von Gary Hardy and the Memphis 2 im Blues City Café.

Gary Hardy trägt eine randlose Brille, und seine Haare sind nicht mehr ganz so blond. Er ist wer in Memphis. In den 1980ern leitete er das Sun Studio, heute firmiert er als musikalischer Direktor der Galloway Church, der Kirche, in der Johnny Cash zum allerersten Mal auftrat. Eigentlich der ideale Ort für ein Museum, sinniert Gary Hardy.

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