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Tourismus in Tunesien:Bikinis am Strand, Alkohol in den Hotels

Um die Hoffnungen nach der Revolution nicht zu enttäuschen, muss die Regierung Touristen und Investoren anlocken.

Das Warten auf die Revolution war kalt und einsam. Stundenlang saß Belgacem Salem vor dem Campement Méhari, einem Zeltdorf in der Sahara. In der Hand das Handy, auf dem Kopf den blauen Eschech der Tuareg hockte er im Sand. Sein Chef hatte ihn hierher geschickt. Aus Angst, das wütende Volk könnte seinen Zorn an den Zelten auslassen, in denen sonst Touristen aus Europa schlafen und dabei für eine Nacht so viel zahlen, wie Salem in einer Woche verdient: 95 Dinar, also etwa 50 Euro.

Die Nachricht aus Sidi Bouzid hatte sich schnell verbreitet. Ob auf Facebook, Twitter oder in den vielen SMS, die Salems Mobiltelefon vibrieren ließen - überall war die Rede von Mohamed Bouazizi, dem 26 Jahre alten Gemüsehändler, der sich mit Benzin übergossen und angezündet hatte. Das war am 17. Dezember 2010, es war der Beginn der tunesischen Revolution und des arabischen Frühlings. 13 Monate sind seither vergangen, der autokratische Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali wurde gestürzt, sein korrupter Clan sitzt im Gefängnis oder ist wie er ins Ausland geflohen. Die Revolution hat in Tunesien gesiegt - doch die Wirtschaft liegt am Boden.

2011 gab es kaum Wachstum, die Auslandsinvestitionen sind eingebrochen und erschwingliche Kredite unerreichbar. Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit bei 15 Prozent, tatsächlich ist mindestens jeder Vierte ohne Job, schätzen Experten. Um es endlich besser zu haben, waren die Tunesier vor einem Jahr auf die Straße gegangen. Dafür war Mohamed Bouazizi gestorben - und dafür hatten sie protestiert. Sie hatten sich vom Tränengas der Polizei nicht aufhalten lassen, auch nicht von den Knüppeln, nicht von den Schüssen. "Dégage, dégage", schrien sie: "Hau ab, hau ab!" Ben Ali, der seit 1987 herrschte und dessen Bild in allen Büros hängen musste, sollte abtreten. Er, so empfanden es viele der zehn Millionen Tunesier, war schuld an ihrer Misere. Der Diktator präsentierte eine heile Welt, doch gerade im Landesinneren, wo auch Bouazizi wohnte, kämpften die Menschen ums Überleben.

Jeder dritte Job hängt vom Tourismus ab

Salem zum Beispiel hat zwei Brüder und zwei Schwestern, keiner von ihnen hat einen festen Job. "Ich bin ein Mann der Wüste", sagt er selbst. Doch von der Wüste allein konnte er auch nicht leben. Eine Lehre hatte er nie gemacht, an ein Studium nicht einmal gedacht. Es würde ihm ohnehin nur wenig helfen: Von den jährlich 80.000 Uni-Absolventen finden nur die wenigsten einen Job, mit dem sie sich eine Wohnung leisten, eine Hochzeit finanzieren, eine Familie ernähren könnten. Das war vor der Revolution so, und es ist heute nicht anders. Salem blieben nur zwei Möglichkeiten: in den Phosphatminen von Gafsa anheuern oder in einem Touristencamp. Knochenarbeit oder Handlangerjob, früh sterben oder wenig verdienen. Die Entscheidung war leicht.

Jeder dritte Job in Tunesien hängt vom Tourismus ab. Den wenigen Westlern, die noch ins Landesinnere kommen, hilft Salem jetzt, sich wie Abenteurer zu fühlen. Er macht für sie Lagerfeuer, fängt Skorpione, setzt sie den ganz Mutigen auf die Hand. Für einen Tuareg ein Witz, "aber es ist ein Job".