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Sinnsuche auf Bali:Iss, zahl und geh!

Seit Elizabeth Gilbert auf Bali ihren Herzschmerz kuriert hat, davon in dem Buch "Eat, Pray, Love" berichtet und Hollywood dies zu einer Julia-Roberts-Schmonzette verwurstet hat, reisen sinnsuchende Frauen in Scharen nach Bali.

Auf der Rückbank kichern Anne-Claire, Leah und Maria. Vergnügte Flip-Flop-Mädchen, schulterlange Haare, kurze Hosen, alle Mitte zwanzig. Sie kommen aus Chicago und haben nach dem Studium ein Jahr als Englischlehrerinnen in Südkorea gearbeitet. Zum Nachdenken, sagt Maria. Nun machen sie auf Bali Urlaub, bevor sie wieder zurückfliegen. Glaubt ihr an Handlesen? Kichern. Irgendwie ist das nun doch ein wenig peinlich.

Bali

Willkommen zurück

Wir alle haben "Eat, Pray, Love" gelesen, und nun hocken wir in einem Bus, gefahren von Mario, der auf seine Visitenkarte drucken ließ, dass er in diesem Buch vorkommt, und das Cover sogar als Poster an die Heckscheibe geklebt hat. Mario spricht leise und grinst so freundlich, als wäre er unser Krankenpfleger. "Mario, wie war das denn mit Elizabeth Gilbert?" Er lächelt. "Nett. Sehr nett." Er war Rezeptionist in einem kleinen Hotel auf der Monky Forest Road in Ubud, als er die Autorin zu Ketut gebracht hat, zu dem wir nun auch rumpeln. Damals war das ein Gefallen, heute ist das sein Beruf. Ketut ist der Heiler aus dem Buch.

"Eat, Pray, Love" - essen, beten, lieben, damit hat die Journalistin und Schriftstellerin Elizabeth Gilbert ihren Herz- und Lebensschmerz kuriert. Mit diesem Buch wurde sie von der spröden Autorin wenig gelesener, ernsthafter Literatur zur imaginär besten Freundin von rund acht Millionen Frauen. So viele haben "Eat, Pray, Love" gekauft - ein Welterfolg. Gilbert hält mittlerweile Vorträge darüber, wie es sich mit solch einem Schicksal weiterschreibt. Nun ist da auch noch dieser Film, und weil in wirklich jeder Einstellung die liebreizende Julia Roberts zu sehen ist, kann man recht wenig dagegen haben.

Der Kinofilm verfolgt ein Jahr in Gilberts Mittdreißiger-Zeit. Von New York geht es über Rom nach Indien bis Bali. Dort ist dann alles gut, davor wird viel geheult, gewimmert, geschluchzt. Eine Reise also, aber warum nehmen so viele Frauen daran Anteil?

Draußen ziehen Reisfelder vorbei, drinnen im Bus wird diskutiert. Leah sagt: "Ich fand es interessant, mich zu fragen, wenn ich alles tun könnte, was würde ich machen?" Gilbert blieb vier Monate zum Pizzaessen in Rom, fuhr zum Meditieren in einen Aschram nach Indien und kam für vier Monate nach Bali, wo sie sich in den feschen Felipe verliebte. Ihr gerade erschienenes Nachfolgebuch heißt "Das Ja-Wort" und handelt vom Heiraten.

Man kann gut über dieses ganze Innerlichkeits-Ding lästern, die Yoga- und Selbstfindungsmissionierung. Auch die Mädchen auf der Rückbank distanzieren sich. Fans? Lieber nicht. "Ich habe es einfach gerne gelesen", sagt Maria.

Auf Fortpflanzung ausgelegt

Gilbert erzählt von einer großen Krise, Beziehungsende-Elend, Depressionen. Und dann von der Hippie-Sehnsucht des Sich-auf-die-Reise-Machens. Weil sie das aber in der abgeklärt ironischen Herangehensweise beschreibt, mildert sie jeden Einspruch, den man haben könnte, sofort wieder ab. Das Buch ist kein Ratgeber. Doch viele Leserinnen behandeln "Eat, Pray, Love" so wie wir im Kleinbus: als einen Reiseführer zum Glück. Sie machen das, was auch die Gilbert machte: Pasta essen, Yoga üben und auf die Zauberinsel Bali fahren.

Indonesien

Es muss nicht immer Bali sein

Möglich, dass diese Frauen im trubeligen Rom nicht besonders auffallen. In Bali schon. Man erkennt sie an den Yogamatten, die unter den Achseln baumeln, und am Willen zum organisch-korrekten Amüsement. In den Buchhandlungen Balis kann man fünf verschiedene Yoga-Magazine kaufen, es gibt WLAN und den Soja-Latte. Das Buch, das alles lostrat, liegt zum Turm geschichtet neben der Kasse.

Aber kein Balinese würde je ein böses Wort über das sagen, was Elizabeth Gilbert angerichtet hat. Zu froh sind sie hier, dass sich die Touristen nicht mehr vor Terroristen fürchten. Schon jetzt steigen stetig die Urlauberzahlen, Reiseagenturen bejubeln einen Zuwachs von rund 20 Prozent. Die Reiseveranstalter überbieten sich bereits in speziellen Eat-Pray-Love-Angeboten: etwa Filmkulissen gucken, Pizza essen und meditieren.

Schon das Buch hat die Insel verändert. Im Reiseführer Lonely Planet wird es deshalb nur "the damn book" genannt, das verdammte Buch, das seit 2006 diesen nervigen Frauentyp nach Ubud gebracht hat: Frauen mit einer "Mischung aus Selbstgefälligkeit, Anspruch und zu viel Yoga und einer Spur Verzweiflung darüber, dass sie ihren Felipe eben noch nicht gefunden haben".

Vielleicht macht der Film Bali nun vollends zum Thailand der Mittdreißigerin, die sich endlich mal was gönnen will. "Auf Bali sollte jeder eine Affäre haben", sagt Gilberts brasilianische Freundin im Film und vermittelt in den Strandpartywirren zwischen einem hübschen Kerl, der bald sein T-Shirt abstreifen wird, und der vom vielen Meditieren etwas verstockten Schriftstellerin.

Es gibt wohl wenige Orte, die so sehr auf Fortpflanzung ausgelegt sind, wie diese sattgrüne Insel Indonesiens. Die Luft ist schwer und schwül, der Boden ist so fruchtbar, dass es passieren kann, dass aus einem Stock, den man in die Reisfelder wirft, ein paar Monate später ein Baum wächst. Für beziehungswillige Männer hat Elizabeth Gilbert einen sehr einfachen Rat: "Kommt in meine Lesung und stellt eine feinfühlige Frage. Wahrscheinlich werdet ihr dann mit 29 Telefonnummer von Frauen, die euch daten wollen, wieder weggehen."

"Das wird ein Alptraum"

Reisen nach Asien

Singapur bei Nacht

Scott hat eine andere Idee: "Ich stelle mich am Flughafen in die Ankunftshalle, in der Hand ein Schild: 'Geschiedene Amerikanerin, hier bin ich!'", sagt er und lacht trocken.

Scott hat dunkle Haare, britischen Humor, er ist Single und, nun ja, annäherungswillig. Wir sitzen am runden Stammtisch im "Naughty Nuri's". Hier treffen sich die Expats, Ausländer, die sich in Bali vom Leben anderswo erholen. Auch Scott ist Mitte dreißig, in England war er ein erfolgreicher Restaurantleiter, jetzt vermietet er eine Luxusvilla. Ein Job weit unter seinem Espritlevel, dafür hat er nun Zeit.

Keiner, der hier am Tisch sitzt, an dem auch schon Gilbert mit ihrem Felipe saß und trank, hat das Buch gelesen. Geflucht wird darüber trotzdem. Im Lokal, das hier Warung heißt, vom offenen Grill ganz benebelt, hängt ein "Eat-Pray-Love"-Cover an der Wand, allerdings in abgewandelter Form: "Eat, Pay, Leave" - iss, zahl, geh.

"Ich mache mir Sorgen um Bali", sagt der weißbärtige Brian Kenney Aldinger, der zusammen mit seiner indonesischen Frau Nuri das Lokal betreibt, für welches das Wort Restaurant eine Übertreibung wäre. Auch Fünf-Sterne-Verwöhnte sitzen hier an wackligen Holztischen im Grillgetöse und warten auf die formidablen Martinis und Spareribs. "Die Infrastruktur Balis ist nicht angelegt auf so einen Besucheransturm. Die Straßen sind für Mopeds und nicht für Busse gemacht. Das wird ein Albtraum."

Während der Dreharbeiten in Ubud wollte auch Julia Roberts mit ihrer Entourage bei Brian und Nuri essen. Doch das kleine Lokal war übervoll. Frau Roberts musste woanders hin. Brian erzählt das sehr stolz.

Bei Ketut, dem Heiler, werden die Touristinnen mittlerweile kleinbusweise abgeladen. Hier sieht man die Armut der Sechs-Sterne-Hotel-Insel, halbverfallene Häuser, Müll und Kinder, die uns mit großen Augen anstarren. Ketut ist ziemlich alt, wie alt, weiß keiner. Elizabeth Gilbert hat er jedenfalls an Yoda aus der "Star-Wars"-Reihe erinnert. Ihr hat er vorhergesagt, dass in ihrem Leben erst mal vieles noch ein wenig fieser, dann aber alles besser wird.

Nächster Programmpunkt: Shopping

Dumme Fragen von Touristen

"Wann wird der Nebel abgedreht?"

Und? Wie war es bei dir?

Die Amerikanerinnen sind aufgeregt. Maria, die gerade ihren neuen Freund in Korea zurückgelassen hat, glaubt, Ketut habe ihr etwas über ihren Ex-Ex-Freund gesagt, einen Amerikaner, mit dem es ungut endete. Und Anne-Claire wollte eigentlich Rat, welchen Berufsweg sie nun einschlagen soll. "Was immer du machst, du wirst erfolgreich sein", sagte Ketut. "Genau das ist ja das Problem", klagt Anne-Claire.

Als ich dran bin, fragt mich Ketut gleich: "Kennst du das Buch?" Das Ja belächelt er wie ein Geschenk, das man ihm zum Auspacken hinhält. Das Buch hat auch ihn berühmt - und für balinesische Verhältnisse sogar reich gemacht. Der Holzverschlag mit Veranda, auf dem wir sitzen, hat fünf Ableger, vor manchen stehen Käfige mit Papageien und Affen, Hühner picken herum.

Er ist ein kleiner Mann, braungebrannt, ein wenig verhutzelt. Die silbergrauen Haare sind schütter und nackenlang, er trägt ein seltsames, mit Comicaugen bedrucktes T-Shirt zum grün gemusterten Sarong. Auf ein Interview will er sich nicht einlassen. Zwei, drei Sätze lang beklagt er, dass er im Film nicht mitspielen konnte - die Nieren, Sie verstehen. Dann will er aus der Hand lesen.

Mit meiner ironischen Distanz komme ich hier nicht weit. Ich schwitze. Der Alte streichelt mir über den Arm, lobt meine Knie, sogar die Schultern. Er ist schwer zu verstehen, nuschelt zahnlos, aber was er sagt, klingt gut: "Reich, fidel bis hundert, wunderschön." Elizabeth Gilbert hat er etwas Ähnliches vorhergesagt. Nun ist ihr Leben Hollywoodgefidel, und sie sieht darin aus wie Julia Roberts. Wir steigen wieder in den Bus, der nächste Programmpunkt ist Shopping. Die Mädchen rätseln über die Wahrsager-Worte. "Findet ihr, ich sollte mich bei meinem Ex-Freund melden?", fragt Maria. Die anderen stöhnen.