Kolumne "Ende der Reise":Urlaub in Ikea-Land

Lesezeit: 3 min

Der Möbelhersteller sucht sich die Namen für seine Produkte auf der schwedischen Landkarte. Doch was sind das für Orte, die so heißen wie ein Regal, eine Kerze oder eine Klobürste?

Glosse von Stefan Fischer

Man vergisst das immer wieder, aber im Grunde verbringt Markus Söder sein komplettes politisches Leben in der Opposition. Und geriert sich dabei, obwohl selbst goliathgroß gewachsen, als listiger David, der es mit jedem scheinbar mächtigeren Gegner aufnimmt. Seien es der eigene Kanzlerkandidat, die Schwesterpartei, die Phalanx der übrigen Ministerpräsidenten oder wechselnde Bundesregierungen. Als Söder noch nicht Ober-Bayer war, hat er sein Frankentum in Opposition gebracht zu allem Oberbayerisch-Münchnerischem. Und hat etwa dem Bayerischen Rundfunk einen fränkischen "Tatort" abgetrotzt. Der Mann hat nun einmal seinen patriotischen Stolz.

Insofern möchte man sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, gäbe es eine deutsche Möbel- und Einrichtungshauskette mit monopolartiger Marktmacht, die das Ikea-Prinzip plagiieren und alle seine Produkte nach heimischen Seen und Flüssen, Land- und Ortschaften benennen würde. Das mag im Einzelfall zwar charmant sein und sogar etwas Glanz auf den Namenspatron lenken. Weil man beispielsweise geneigt sein könnte, das wohlige Gefühl, das sich beim Herumlümmeln auf der gemütlichen Sofalandschaft "Schweinfurt" einstellt, auch auf die von Haus aus nicht sonderlich gut beleumundete Stadt zu projizieren. Aber ein wackeliges Kellerregal "Steigerwald", gar ein schnöder Gurkenhobel "Nürnberg" oder, Gipfelpunkt aller Rufmordkampagnen, eine Klobürste "Pegnitz"? Und wehe, der Schlafzimmerschrank "Isar" sähe edler aus als das Modell "Main". Dann wäre aber mal Feuer auf dem Dach, da kenne einer den Söder. Der fühlt sich in seinem Fränkischsein schon zurückgesetzt, wenn kein bayerischer Sozialdemokrat Bundesminister wird. So viele Eimer "Bamberg" könnte man gar nicht mit Wasser befüllen, um diesen Brand wieder zu löschen.

In Schweden scheint man da weitaus gelassener zu sein. Mögen die Menschen, Einheimische wie Auswärtige, auch erst einmal an Mülleimer, Handtuchhalter oder Blockkerzen denken, wenn sie von Toftan, Voxnan oder Hemsjö hören, so sind ihnen diese Namen von diversen Einkaufsbummeln bei Ikea jedoch zumindest schon einmal geläufig. Die wichtigste Hürde im Tourismusmarketing ist damit also bereits genommen. Stellt man als Bewohner von beispielsweise Lökna, einem Dorf am Ufer des Bolmen, nun noch seine Ehrpusseligkeit hinten an und hat vielleicht sogar zwei Funken Selbstironie, dann packt man, um im Bild zu bleiben, entschlossen zur Klobürste. Nimmt die Vorlage aus dem Möbelhaus also auf und erklärt den Menschen, dass Bolmen zwar auch eine Klobürste ist, aber eben nicht nur. So steht es auf einem Plakat am Ufer des Bolmen, der ein hübscher See südlich des Store-Mosse-Nationalparks ist mit gleich mehreren Inseln.

Seen gibt es viele in Schweden, auch solche, die schön sind und Inseln haben. Aber es ist eben der Bolmen, der nun im Zentrum einer Werbekampagne der staatlichen Tourismusagentur Visit Sweden steht. Dem See wird es egal sein, eventuell für eine Klobürste gehalten zu werden. Die Anrainer könnten sich, wenn sie dumm wären, darüber ärgern. Weil sie es offenkundig nicht sind, packen sie geschäftstüchtig die Chance beim Schopf, die sich ihnen da bietet. Ihr See wird es sein, der künftig Urlauber anlockt. Wer am Bolmen seine Ferien verbringt, hat eine Geschichte zu erzählen, die nicht wie alle anderen von vielen Mücken sowie Elchen im Vorgarten handelt. Sondern von etwas, das nur von Werbung zu beeinflussende Eingeweihte wissen, die ihre heimeligen Ikea-Interieurs verlassen und zu den Ursprüngen zurückkehren.

Die Ikea-Menschen haben einen schrägen Humor

Wer nicht bis zum Sommer warten möchte, kann schon jetzt vom Drehstuhl Järvfjället aufstehen und an den Berg gleichen Namens in Schwedisch Lappland reisen. Oder, auf ähnlicher nördlicher Breite, ins Dorf Kallax. Herrliche Winterwunderlandschaften findet man dort vor. Je länger man durch die Visit-Sweden-Kampagne scrollt, desto erstaunlicher erscheint einem übrigens der schräge Humor der Ikea-Menschen. Die Ortschaft Kallax bringt man so wenig mit einem klobigen Regalsystem zusammen wie das Fischerdorf Skärhamn mit einer Türklinke. Und der See Bolmen ist alles andere als die Kloake Schwedens.

Wer nun missgünstig argumentiert, dass die 21 ausgewählten Reiseziele ohnehin schon ohne eigenes Zutun prominent geworden sind mittels Möbelkatalogen in Millionenauflage und nun auch noch eine Extraportion Aufmerksamkeit durch die schwedische Tourismusbehörde erhalten, dem sei gesagt, dass die Aktion nur fair ist. Denn die Orte haben alle dasselbe Problem: Sie sind nur äußerst schwer zu finden. Wer im Internet nach ihnen sucht, landet nämlich stets im Onlineshop eines Möbel- und Einrichtungshauses.

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