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Reisebücher zum Leben in China:Traditionell anders

Zwei Fotografinnen machen sich ein Bild von China. Und nehmen dabei bewusst in Kauf, sich verwirren zu lassen.

Rezension von Stefan Fischer

Auf ein Hase-und-Igel-Spiel haben sich die beiden Fotografinnen Stefanie Schweiger und Rosemarie Zens jeweils eingelassen. Eines unter erschwerten Bedingungen. Denn die beiden Frauen wissen nicht einmal gewiss, in welche Richtung sie laufen sollen. Und, um im Bild zu bleiben: Sie haben es jede mit mehr als zwei Igeln zu tun, die ihnen da stets voraus sind.

Aber sie lassen sich beide ein auf diesen ungleichen Wettkampf. Denn sie wollen sich ein Bild von China machen. Im Wissen darum, dass zweierlei immanent ist in dem Land wie in kaum einem anderen: die stete, rasante Veränderung. Und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Notgedrungen müssen ihre Bildbände also fragmentarisch bleiben. Heterogen in ihrer Aussage und Bildsprache, unvollständig, bewusst Leerstellen lassend. Das macht die beiden Bücher spannend. Weil sie sich auf die steten Veränderungen einlassen, anstatt zu dokumentieren, was im nächsten Augenblick ohnehin schon überholt ist. Weil sie sich weder in die Historie flüchten noch einem Fortschritt huldigen, der auch nur ein Teil der Wahrheit ist.

Doch die beiden Frauen bleiben ganz in der Gegenwart und fest auf dem Boden der Tatsachen

Und so darf man sich keineswegs täuschen lassen vom Untertitel, den "The Magic of Yuanfen" trägt, das Buch, das Stefanie Schweiger zusammen mit Phoebe Hui veröffentlicht hat: Es sei eine Suche nach Meistern der Heilung und alter chinesischer Weisheit. Doch die beiden Frauen bleiben ganz in der Gegenwart und fest auf dem Boden der Tatsachen. Ihr Blick ist ein aufgeklärter, und so sind ihre Recherchen nicht frei von Reibereien.

Wobei es ihnen nicht darum geht, mögliche Scharlatane zu enttarnen. Sie nehmen die Traditionen ernst, verklären nur nichts und sehen immer auch die weltliche Dimension. Den nachtragenden Jähzorn eines Schamanen, den Geschäftssinn einer Feng-Shui-Designerin. An zehn Beispielen zeigen sie, wie althergebrachte Glaubenssysteme versuchen, kompatibel zu bleiben mit der gesellschaftlichen Realität um sie herum, um eine Zukunft zu haben. Chinesischer Pragmatismus.

Die Fotografin zeigt eine Gleichzeitigkeit von vorindustrieller, industrieller und postindustrieller Lebensrealität

Anders ist der Ansatz von Rosemarie Zens. Drei Mal hat sie China bereist, über einen Zeitraum von 20 Jahren. Jedes Mal war sie in einem anderen Land. Und auf jeder einzelnen dieser Reisen war sie überdies in unterschiedlichen Ländern. Das jedenfalls ist ihr Eindruck, und das vermitteln auch ihre Fotografien in "Moon Rabbit". Sie zeigt eine Gleichzeitigkeit von vorindustrieller, industrieller und postindustrieller Lebensrealität. Manchmal auf einer einzigen Fotografie. Ein Land, das so veränderungswütig ist, dass kaum noch jemand mitkommt. Wo Menschen am einen Ort etwas aufbauen, das woanders, ein paar Hundert Kilometer weiter, schon längst als antiquiert gilt.

"Verwirrung" heißt eines der Kapitel in Zens Buch. Wer die beiden Bände liest und betrachtet, muss bereit sein, sich verwirren zu lassen. Dann hat er die Chance, hinter Klischees zu gelangen.

Stefanie Schweiger, Phoebe Hui: The Magic of Yuanfen. Searching for Masters of Healing and Ancient Chinese Wisdom. Kerber Verlag, Bielefeld 2020. 262 Seiten, 35 Euro.

Rosemarie Zens: Moon Rabbit. The Chinese Journey. Kehrer Verlag, Heidelberg 2020. 160 Seiten, 42 Euro.

© SZ
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