Reisebuch "Jet Lag":Kopf und Bett zerwühlt

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Der Fotograf Chien-Chi Chang ist pausenlos unterwegs. Meist übernachtet er in Flughafenhotels - und beobachtet, wie Reisende aus der Zeit fallen.

Von Stefan Fischer

Die ersten zwei Aufnahmen, gegenüberliegend auf einer Doppelseite, gewähren Blicke durch Gardinen hindurch ins Freie. Das eine Foto ist in Yangon, Myanmar aus einem Hotelzimmer heraus entstanden, das andere in Wien in einer Lounge des Flughafens. Die beiden Motive sind programmatisch für den Fotoband "Jet Lag" des Taiwanesen Chien-Chi Chang. Durch die Gardinen ist der Blick auf die Welt eingetrübt - aber auch behütet. Und entspricht damit jeweils der Gemütsverfassung des Fotografen im Moment, in dem die Aufnahmen entstanden sind.

Chien-Chi Chang arbeitet für die Agentur Magnum, er ist unentwegt unterwegs. Manchmal dauert es mehrere Monate, bis er wieder einmal zurück ist in der New Yorker Zentrale. Und zu Hause ist er auch nur selten - seit ein paar Jahren ist Changs Wahlheimat einer Frau wegen Graz. Viele Nächte verbringt er in Flughafen-Hotels. Wobei: Es ist nicht immer nachts, wenn Changs Reisen bei einem Zwischenstopp für ein paar Stunden unterbrochen werden und sein Körper sich nach Ruhe, nach Schlaf sehnt. Und nicht immer kann Chang schlafen, wenn die Nacht hereinbricht. "Jet Lag" dokumentiert die Ermüdungen des Reisens, die Augenblicke der Erschöpfung. Aber auch die Aufgekratztheit des Übernächtigten. Der dauerhafte Jet Lag, heißt es im Nachwort, sei eine Lebensform - und ein Balanceakt, bei dem stets die endgültige Trennung droht: vom Ehepartner, den Kindern, seinem Land, der Zeit, ja der Welt selbst. Im internationalen Flugverkehr ist diese Trennung globalisiert.

Bildband "Jet Lag"

Immer wiede zeigt Chang Hotelbetten - hier ein Foto aus Taipeh.

(Foto: ©Chien-Chi Chang / Magnum Photo)

Rund ein Dutzend Fotografien von Hotelzimmern hat Chang ausgewählt, meistens zeigen sie ein zerwühltes Bett. Deren Aussagekraft ist zwiespältig. Manches wirkt behaglich und sieht nach Nestbau aus, anderes deutet eher auf Unruhe und Rastlosigkeit hin. Manches lässt einen freudigen, anderes einen überstürzten Aufbruch erahnen. Auf einem der Bilder ist das Bett unbenutzt. Weil Chien-Chi Chang das Zimmer soeben erst betreten hat, oder weil keine Aussicht bestanden hat auf ein paar Stunden der Regeneration?

Selbst in Taipeh, der Hauptstadt seines Geburtslandes, verbringt Chang Nächte in Flughafenhotels - eines Nachts hat er das Ergebnis einer offensichtlichen Einpersonen-Badezimmer-Party dokumentiert.

Aber immer geht es auch weiter, zu neuen Zielen, neuen Abenteuern und neuen Begegnungen. Auch das zeigt Chien-Chi Chang auf seinen Schwarz-Weiß-Bildern: die Freude des Wartens, die Ungeduld, dass es endlich los geht. Die Hoffnung, die mit jedem Aufbruch verbunden ist. Sie spiegelt sich in den Gesichtern von Passagieren, in der Betriebsamkeit auf den Flughäfen, in den Kondensstreifen am Himmel. Allerdings gelingt es Chang auch, in den eingespielten Mechanismen des Flugbetriebes die Phasen der Kraftlosigkeit und des Innehaltens wahrzunehmen.

Für ein Foto hat Chang ein Mosaik aus Dutzenden "Nicht stören"-Schildern gelegt. Für ein anderes eines aus etlichen Bordkarten. Stop and go. Mal mit, mal ohne Orientierung.

Chien-Chi Chang: Jet Lag. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015. 120 Seiten, 39,80 Euro.

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