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Polen:Durchs wilde Masuren

Gut hundert Kilometer lang ist der Wasserweg mit seinem üppigen Grün.

(Foto: Mark Delete/mauritius images/Alamy)

Der Fluss Krutynia zieht jedes Jahr Tausende Paddler an, die auf einem perfekt erschlossenen Wasserweg die Seenplatte erkunden wollen. Besonders reizvoll wird es im Herbst.

Ein grüner Baldachin aus Ästen und Blattwerk wölbt sich über den Paddlern. Das Wasser ist so klar, dass man am Grund feines Gras in der Strömung wallen sieht wie Frauenhaar. Als wären es dazu passende Haarspangen, schimmern an anderen Stellen silbern die Schalen von Süßwassermuscheln, sie sind eine bevorzugte Nahrungsquelle des Flussotters. Wer auf der Krutynia unterwegs ist, versteht, warum einige stark gewundene Abschnitte des Wasserwanderwegs mit dem Amazonas verglichen werden. Was wohl hinter der nächsten Flussbiegung wartet? Ein weiterer Pflanzentunnel oder ein See mit freier Sicht auf einen auffliegenden Reiher, einen Fischadler, einen Storch?

Polen, besonders die Masurische Seenplatte im Nordosten des Landes, ist Storchenland. An die 50 000 Tiere, ein Viertel der Weltpopulation des Weißstorches, Ciconia ciconia, nisten dort im Sommer, auf Dächern, Schornsteinen, Strommasten, sogar auf dem Turm des neugotischen Schlosses in Sorkwity (Sorquitten), das einst der ostpreußischen Adelsfamilie Mirbach gehörte und nun einer neuen Zukunft entgegenträumt. Manch ein Dorf in Masuren hat mehr Störche als Einwohner, das ist auch in Sorkwity so. Paddler auf der Krutynia blicken immer wieder staunend nach oben, wenn ein Storch mit einer Spannweite von bis zu 2,20 Meter, einen Frosch oder eine Maus im Schnabel, über sie hinweg segelt.

Allzu lang sollte man freilich nicht in die Luft schauen, denn zur romantischen Wildnis der Krutynia gehört auch, dass sich die Bäume zuweilen tief über das Wasser beugen. Kollisionen mit im Wasser treibenden oder herabhängenden Ästen sind gar nicht mal so selten. Da der Fluss aber sehr gemächlich dahinfließt, ist das Schlimmste, was dabei passieren kann, dass man baden geht. Trocknen kann man sich am Ufer, an einer Wasserstation, wo die Bootsfahrer ohnehin gern für eine Einkehr anlegen.

Zehn solcher Wasserstationen gibt es an der Krutynia-Route, der wohl populärsten Paddelstrecke der Masurischen Seenplatte. In guter post-sowjetischer Tradition sind sie durchnummeriert. Größe und Lage der Wasserstationen variieren, doch deren Ausstattung ähnelt sich. Sie werden von der PTTK, der Gesellschaft für Tourismus und Landeskunde, einem landesweiten Verein, betrieben. Zwischen Birken und Trauerweiden finden die Gäste am Ufer den Bootsanleger, den Bootsverleih, dahinter einen Campingplatz mit Ferienbungalows, ein Gasthaus mit Pensionszimmern. Wer Luxus sucht, ist hier fehl am Platz. Aber für Paddler, Radfahrer und Wanderer ist das hier eine gut funktionierende Infrastruktur, um naturnah und günstig Urlaub machen zu können.

Übernachtungsgäste frühstücken in den Wasserstationen reichlich und deftig. Schon morgens gibt es heiße Würstchen und polnische Wurstspezialitäten, aber auch Brei oder Pfannkuchen mit Waldbeeren. Die Köchinnen der Wasserstationen scheinen sich gegenseitig übertreffen zu wollen, in einem heimlichen Wettbewerb, wer die größte Auswahl an Piroggen hat. Es gibt die Teigtaschen gefüllt mit Fleisch, Fisch, Pilzen, Gemüse oder Pflaumen. Sie schwimmen in Suppe oder werden mit Salat oder Sauerkraut serviert. Hunger muss niemand leiden auf der Paddelstrecke zwischen der Wasserstation Nummer eins in Sorkwity und der Nummer zehn in Ruciane-Nida. Gut hundert Kilometer lang ist der Wasserweg. Er führt durch 16 lang gestreckte Rinnenseen, der Fluss selbst ist nur Zubringer von See zu See und misst lediglich circa 30 Kilometer.

Wer nur eine Teilstrecke oder eine Tagestour machen möchte, lässt sich per Kleinbus von der Wasserstation zum gewünschten Startpunkt bringen und am Ziel abholen. Besonders die Polen kämen vermehrt für solche Kurz- und Eintagestouren, sagt Robert Wróbel, Direktor des Touristischen Informationszentrums in Mrągowo (Sensburg). Deutsche Gäste hingegen bleiben gern länger, sie gelten als passionierte Langstreckenpaddler. "Während der Sommerferien ist hier Hochbetrieb, dann sind täglich bis zu 2000 Boote auf dem Wasser", sagt Wrobél. Dann ist Rushhour auf dem kleinen Fluss.