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Mitten in Absurdistan:Gefangen im Eis

Wie eine Bootsfahrt durch Moskau zum Abenteuer wird, was das Alm-Öhi-Klischee bei Fremden in der Schweiz bewirkt, und warum Uruguay das ideale Land für Nichtraucher ist.

SZ-Korrespondenten berichten Kurioses aus aller Welt.

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Adelboden

26th International Alpine Beard Competition

Quelle: Getty Images

Das Männlein trägt Vollbart, Filzhut und eine alte Drahtbrille. Um das Alm-Öhi-Klischee perfekt zu machen, müsste der Bart noch weißer sein, doch sonst ergänzt er genial die Schweizer Postkartenmotive, die am Postbus-Fenster vorbeiziehen. Das findet auch die rundliche Dame neben ihm. Sie komme aus Essen, sagt sie, dann trägt sie ihrem Sitznachbarn ethnologische Betrachtungen vor: Düsseldorf, Köln, Koblenz, Mainz - den ganzen Rhein sei sie mit dem Zug abgefahren. Überall so lebenslustige Menschen, "alles Jecken". Der Mann brummt nur. Die Schweizer hingegen, fährt sie fort: Alle so ernsthaft, obwohl ja quasi auch aus dem erweiterten Rheingebiet. Der Mann brummt wieder. "Kommen Sie eigentlich aus den Bergen hier?", fragt die Dame an der Endstation. "Nee", sagt der Mann, der erstmals zu Wort kommt. "Aus Herne."

Moritz Baumstieger, SZ vom 05.01.2013

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Moskau

Väterchen Frost regiert in Moskau

Quelle: dpa

Besuch aus Deutschland. Eine Bootsfahrt geht immer, dafür wirbt auch ein Anbieter, der seine Schiffe sogar durch Eisschollen treibt. Es knackt und kracht, dass die Bordmusik übertönt wird. Was für ein Spektakel, das Reißen und Verdrängen der Eisplatten zu spüren, während Moskau vorbeifließt: Neujungfrauen-Kloster, Sperlingshügel, Erlöser-Kathedrale. Ach, so eine Fahrt könnte ewig dauern. Viel zu schnell will das Schiff wieder kehrtmachen. Aber warum macht es denn nicht kehrt? Der Motor dröhnt, Bootsmänner tauchen auf. Das Schiff steckt fest. Gefangen im Netz der Schollen. Eine tolle Panne, dass die Zeit einfriert, ausgerechnet im besten Moment, den angestrahlten Kreml und die Basilius-Kathedrale vor Augen. Mehr als eine Stunde dauert die Extraportion Ausflug, dann wird das Schiff abgeschleppt. Die Tour hat sich rentiert.

Frank Nienhuysen, SZ vom 05.01.2013

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Montevideo

Dampf einer elektronischen Zigarette

Quelle: Frederic J. Brown/AFP

Ich rauche nicht, aber wenn, dann würde ich es in Uruguay eventuell sein lassen. Bilder und Warnhinweise auf Zigarettenpackungen sind mittlerweile aus einigen Ländern bekannt, aber Uruguay mag es jetzt besonders schaurig. Die Marlboro-Schachteln schmücken gerade Fotos eines Mannes mit offenem Mund und Schläuchen in der Nase. Dazu ein Totenkopf und der Hinweis: "Rauchen verursacht Hirninfarkte." Dann gibt es die Ansicht einer üblen Gebiss-Ruine, darüber steht: "Zigaretten reduzieren schrittweise Geschmackssinn und Geruchssinn." Das wäre schade, schon wegen des hiesigen Rotweins der Traube Tannat. Die Regierung des schönen, ruhigen Landes zieht eine besonders harte Offensive gegen den Qualm durch, trotz Klagen von Philipp Morris. Der Ex-Präsident ist Krebsarzt. Der aktuelle Präsident hat mit dem Rauchen aufgehört.

Peter Burghardt, SZ vom 05.01.2013

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... München

Übernachten auf dem Flughafen Schlafen Passagiere Terminal

Quelle: dpa

Nach drei Stunden auf dem Rollfeld geht es zurück in den Bus und zum Terminal. Ein Defekt an der Maschine, die die letzte nach Berlin gewesen wäre. Und nun? Eine kurze Nacht im Flughafenhotel, dann der Rote-Augen-Flieger in der Früh. Doch erst werden alle Passagiere umgebucht, einer nach dem anderen. Das dauert, um Mitternacht sind nur zwei Schalter besetzt. Nach 30 Minuten Anstehen ist die Stimmung gereizt, nach einer Stunde wird gezetert, gestritten, gedrängelt. Am Schalter schiebt sich von der Seite ein Business-Typ vor mich. Jetzt noch Streit anfangen? Nein, tief durchatmen. Auch als der Typ beim Abgang ein triumphierendes Lächeln im Gesicht trägt. Nun bin ich ja dran. Aber was ist da los? Ein gespielt erschrockener Blick hinter dem Schalter: "Da hat der Herr vor Ihnen doch das letzte Zimmer im Billig-Hotel bekommen. Da müssen Sie wohl ins Fünf-Sterne-Haus."

Malte Conradi, SZ vom 05.01.2013

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... New York

A reveler uses the bathroom at Smith's Bar and Grill during SantaCon in New York

Quelle: REUTERS

Am Rockefeller Center tauchen drei junge Männer mit rot-weißen Mänteln, Zipfelmützen und Synthetikbärten auf. Direkt gegenüber stolpern zwei weitere mit Pappbechern aus einem Bistro. Ein Dutzend Weihnachtsmänner laufen an einer Edelboutique vorbei. Und ein Schwarm Weihnachtsfrauen in kurzen Kleidchen. Erst fünfzig, dann hundert, dann zweihundert Zipfelmützen. Eine Asiatin tippt einen bulligen Polizisten an. "Was ist denn hier los?", fragt sie ihn. Er nuschelt etwas. Sie: "Marathon?" Er schüttelt den Kopf. "Nein Ma'am. SantaCon. Inoffizielle Weihnachtsparade."

Dann schiebt er seine Mütze aus der Stirn und erklärt, dass sich Tausende junge Leute auf einer Onlineplattform verabredet haben und jetzt verkleidet zum Central Park ziehen. "Für einen Weihnachtsgottesdienst?" "Nein Ma'am. Um sich zu betrinken." 

Laura Hertreiter, SZ vom 22./23.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... St. Anton

Skisaison im Allgäu teilweise eröffnet

Quelle: dpa

St. Anton ist ein sehr spezieller Skiort, der nachts immer auf jugendlich macht, nachmittags aber manchmal spießig wirkt. Ungefähr so wie die Dame, die in der Fußgängerzone gerade forschen Schrittes links überholt. Markenhose und Daunenjacke sitzen perfekt, das Make-up sowieso, nur eine schwere Plastiktüte in der Hand raubt ihr die Noblesse. Im Arm hält sie ein paar Ski, viel zu kurz für sie selbst. Gehören wahrscheinlich dem jungen Mann neben ihr. Der zieht ein Gesicht, das so gar nicht ins Bild des Skiortes passt und hält im Schneematsch maulend mit der Mutter Schritt. Die Hände stecken in den Hosentaschen, der kleine Körper ist auf Krawall getrimmt. Schließlich fragt sie: "Jetzt haben wir dir Ski gekauft, und wir haben Skischuhe gekauft. Was willst du eigentlich noch?" "Ich will Fußball spielen", antwortet der Knirps.

Dominik Prantl, SZ vom 22./23.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... München

Blaubeeren Blueberrys

Quelle: AFP

Im Supermarkt kriegt sich ein Paar am Obstregal in die Haare. Er: "Du willst Blaubeeren kaufen? Im Winter?" Sie: "Ach stell' dich nicht so an, die tu' ich mir ins Müsli, ganz ausnahmsweise." Er: "Hast du 'ne Ahnung, was für 'ne Ökobilanz die haben? Wo kommen die eigentlich her?" Er reißt die Packung an sich. Sie: "Sag mal, spinnst du jetzt?!" Er studiert ausführlich das Etikett, dann: "Sag ich doch. Die kommen von den Myrtillen." Sie: "Myrtillen, nie gehört." Er: "Keine Ahnung, wo die sind, aber bestimmt verdammt weit weg." Sie kauft die Blaubeeren trotzdem, für 2,99 Euro. Als man selbst wieder zu Hause ist, lässt einen die Frage nicht mehr los. Wo genau liegen die Myrtillen? Bei den Antillen vielleicht, also in der Karibik? Das wäre eine ziemlich weite Anreise für eine Müsli-Zutat. Google weiß es besser. Myrtille ist französisch und heißt - Blaubeere.

Tanja Rest, SZ vom 22./23.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Pondicherry

A woman is seen as she prepares tea at her tea shop in Kathmandu

Quelle: Reuters

Alkohol ist in Indien ein spezielles Thema. Viele Inder trinken nicht. Bier und Wein haben immer noch den Ruch des Unschicklichen, die meisten Läden und Lokale gar keine Lizenz. Was nicht bedeutet, dass dort nichts ausgeschenkt wird. Ein Restaurant in Pondicherry. Da wir nicht sehr indisch aussehen, ergreift der Kellner sofort die Initiative: "Bier? Kein Problem. Heißt bei uns nur anders. Darf ich grünen Tee servieren?" Wenig später stellt er mit verschwörerischer Miene eine Porzellan-Kanne und zwei Tassen auf den Tisch. Inhalt: Kingfisher-Bier.

Er hat Spaß am Klandestinen. "Noch Tee?", fragt er grinsend im Zehn-Minuten-Takt. Oder: "Na, unser grüner Tee schmeckt Ihnen aber!" Auf den anderen Tischen stehen: gut 20 Teekannen. Zu Huhn und Lamm. Um acht Uhr abends. Als staatlicher Kontrolleur müsste man hier blind sein - oder bestochen.

Marten Rolff, SZ vom 15./16.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... London

The Conservatives Hold Their Annual Party Conference

Quelle: Getty Images

Die meisten Mitschüler meiner Kinder in der katholischen Primary School sind Iren oder Polen. Yvonne, eine so wuchtige wie exzentrische polnische Mutter, hat unsere Familie besonders ins Herz geschlossen. Kürzlich am Schultor deutet sie auf meinen schicken neuen Pork-Pie-Hut (schwarz, klassische schmale Krempe, für zehn Pfund erstanden). "Du wirst lachen!", jubelt Yvonne. "Jonathan hat etwas so Komisches gesagt!" Aha, was denn?

"Er hat gesagt: Ich glaube, Alexander ist ein deutscher Spion." Seltsame Bemerkung für einen Fünfjährigen. Wie kommt er darauf? Jonathan tritt gerade aus der Tür. "Schwarzer Mantel, schwarzer Hut", sagt er. Und ich dachte, ich sehe aus wie Popeye Doyle aus den "French Connection"- Filmen. Von jetzt an werden die Kinder nur noch in der blauen Leinenkappe abgeholt. Die ist auch schick.

Alexander Menden, SZ vom 15./16.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... München

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Ein Winterabend in der Stadt, alles ist langsam, die Kälte bremst, der Schnee macht die Leute geduldig, die Autofahrer unsicher, zögerlich. Und plötzlich ist er da: der Bus. Pünktlich. Sonst ist das nie so, der Wagen ist immer zu spät, manchmal fällt er ganz aus. An diesem kalten Mittwoch aber kommt er auf die Minute genau. Der Busfahrer ist neu, er lächelt kurz und fädelt sich mit einem eleganten Schwung wieder in den Verkehr ein. Zügig fährt er auf die nächste Kurve zu. Zu schnell?

Nein, genau in dem Moment, wo der Bus rutschen könnte, wird er langsamer, nimmt die Kurve im perfekten Bogen. Er ist nie zu schnell, nie zu langsam, alles ist eine fließende Bewegung. Kurz bevor er aussteigt, sagt ein Mann zu dem Fahrer: "Sie machen das gut im Schnee." Der Fahrer blickt auf. Dann sagt er: "Bin ich aus St. Petersburg. Kann ich das."

Jochen Arntz, SZ vom 15./16.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Schliersee

BOB Zug auf der Großhesseloher Brücke, 2011

Quelle: Robert Haas

Im Zug von München nach Schliersee. Alle Plätze in den Abteilen sind belegt mit Skifahrern und Schneewanderern. Zwei ältere Männer in Bundhosen setzen sich geruhsam auf eine Treppenstufe. Eine schimpfende Dame nähert sich, auf der verzweifelten Suche nach einem Sitzplatz. Sie zürnt mit der Deutschen Bahn, die den Reisenden nie genügend Plätze bietet. Dann scheucht sie die beiden Männer auf der Treppe auf, die sie gefälligst durchlassen sollen. Die Herren stehen auf, lassen die Dame passieren, setzen sich wieder und beobachten sie, alles schweigend.

Die Dame entfernt sich, weiter zeternd und schimpfend, auf der aussichtslosen Suche nach einem doch noch freien Sitzplatz. Nach einer Weile sagt der eine Mann: "Na ja, so schlimm is' a wieder ned." Und nach noch einer Weile sagt der andere: "In Russland war's schlimmer."

Birgit Lutz, SZ vom 15./16.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... San Francisco

Abandoned VIP stairway is seen on a road at the airport in Sirte

Quelle: REUTERS

Der Warteraum am Flughafen von San Francisco für die Economy-Passagiere ist voll, viele sitzen auf dem Boden und vertreiben sich die Zeit bis zum Abflug mit ihren iPads und iPhones. Ich schaue mich um. Mein Blick bleibt bei einem Mann hängen, der so dick ist, dass ich mich frage, wie er elf Stunden in einem der schmalen Economy-Sitze überleben wird. Hoffentlich wird der nicht neben mir sitzen. Dann beginnt das Boarding. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass der Mann zwei Reihen vor mir Platz zu nehmen versucht. Als wir in Frankfurt landen, dauert es ewig, bis wir aussteigen können.

Dann die Durchsage: Wir müssen die Treppe hinauf ins Terminal nehmen, die Rolltreppen sind kaputt. Schnaufend klärt der dicke Mann seine Begleiterin auf: "Weißt du, warum die Deutschen so dünn sind? Weil sie immer nur Treppen steigen." 

Thorsten Schmitz, 8./9.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... München

Lemmy Kilmister, Rock im Park 2004 in Nürnberg

Quelle: dpa/dpaweb

Motörhead-Konzert in München. In der Halle stehen Kerle in Metal-Kutten, um die ich sie 1985 auf dem Volksfest in der Vorstadt schlimm beneidet habe. Der Soundbrei ist laut, Männer mit Cowboy-Stiefeln schütteln die Köpfe, schütten Bier in sich hinein. Der Typ direkt vor mir trägt einen Band-Aufnäher auf der Jeansjacke, deren Ärmel abgeschnitten sind. Beide Schulterenden sind mit fuchsschwanzartigen Fellapplikationen benäht. Das ist keine Ironie, das ist mutig. Der mehr als zwei Meter große Mann dreht sich um und spricht mich an. Gibt es jetzt Ärger?

Ob ich nicht vor ihm stehen möchte, wäre ja schade, wenn ich die Band nicht sehe, sagt er tatsächlich. Dann nimm er ein Tuch aus der Gesäßtasche und tupft sich den Schweiß von der Stirn. Das alles ist Motörhead: Konservativismus, bewährter Kleidungsstil und beste Manieren.

Sebastian Herrmann, SZ vom 8./9.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Mumbai

Mumbai Four Seasons

Quelle: Mumbai Four Seasons

Megacity = Megaparty. Die Gleichung führen alle Publikationen an, die sich mit dem Nachtleben in Mumbai befassen. Ausgehen im 20-Millionen-Moloch? Unbedingt!, ruft etwa der Guardian - und rät zur "Aer"-Bar auf dem Dach des Hotels Four Seasons. Weil: Mega-Panorama, Mega-Leute ("Bollywoodstars!") und Mega-Drinks. Blöde Floskeln, klar. Andererseits: Die Neugier siegt immer. Also ab in den 34. Stock.

Oben hat sich, zu Standard-House und Gin Tonic (elf Euro), das junge, reiche Indien versammelt; Mumbai hat angeblich mehr Millionäre als Manhattan. Die smoggetrübte Aussicht ist surreal grandios, doch das Publikum hat andere Sorgen: Equipment positionieren. Am Nebentisch (vier Personen) heißt das etwa: Zwei Samsung-Telefone, vier iPhones, zwei iPad-Mini, ein iPad-Maxi, ein Macbook Air. Am Tisch: Totenstille. Die Party hat begonnen.

Marten Rolff, SZ vom 8./9.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Nizza

HITCHCOCK "ÜBER DEN DÄCHERN VON NIZZA"

Quelle: dpa

Marché aux Fleurs, Nizza. Dauerregen, ein Himmel von undurchdringlichem Grau an der Côte d'Azur. "Cary Grant, here?", will die Amerikanerin mit einem Flehen in der Stimme wissen. Ihre Jeans ist bis hinauf zu den Knien nass, die dicken Brillengläser sind voller Tropfen. Die Marktfrau zögert für den Bruchteil einer Sekunde, sagt dann unter heftigem Nicken: "Oui, oui, yes, here!" Die Amerikanerin strahlt und kauft eine einzelne Rose.

Niemand brächte es an diesem tristen Tag übers Herz, ihr zu sagen, dass die berühmte Szene aus "Über den Dächern von Nizza" gar nicht hier gedreht wurde. Hitchcock hatte den Blumenmarkt ein paar Straßen weiter nachbauen lassen.

Jutta Czeguhn, 1./2.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Peking

Städtebau in Peking

Quelle: picture-alliance/ dpa

Im Auto der Maklerin. Auf dem Weg zu wieder einer Wohnung in wieder einem Hochhaus. "Spanischer Stil", kündigt sie an. So spanisch wie das auf 40 Stockwerken in Peking halt geht. Die junge Maklerin, Ende 20, versucht, dem Fahrer, Anfang 30, ihren Personalausweis zu entwinden. "Gib den zurück."

"Lass mich doch." "Los, sofort." "Hehe." Die beiden flirten. Sie will nicht, dass er sich ihr Ausweisfoto ansieht. Sagt sie. "Das ist sooo alt." "Was hast du denn?", sagt er. "Da siehst du doch super aus." Sie schmollt. Er: "Echt! Viel besser als jetzt." Kein Zweifel, er hält das wirklich für ein Kompliment. Sie: sprachlos. Dann sind wir da. Der Wolkenkratzer ist weiß gestrichen. Spanien.

Kai Strittmatter, SZ vom 1./2.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Buenos Aires

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Quelle: AFP

Die Stadtteile Palermo und Recoleta in Buenos Aires sind garantiert die Orte mit den meisten Hunden pro Mensch. Da kann Berlin einpacken. Außerdem haben die Hunde sicher nirgendwo anders einen so guten Stoffwechsel, liegt wohl am weit verbreiteten Duft nach Grillfleisch. Ein beliebter Hundebaum steht vor unserem Wohnblock. Wirklich jeder Hund pinkelt da hin.

Und Argentiniens Hundeausführer haben bis zu zwanzig oft riesige Tiere an der Leine, die ihre natürlichen Haufen natürlich haufenweise hinterlassen. Wer da mit dem Rad unterwegs ist und nicht aufpasst, nimmt unweigerlich ein Stück im Reifenprofil mit. Selber schuld, wer durchs Minenfeld radelt.

Peter Burghardt, SZ vom 1./2.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... München

Leser, 1938

Quelle: SCHERL

Nicht etwa der Postbote, Amazon oder gar wir sind schuld an dem Dilemma. Es ist der Buchhändler im Erdgeschoss. Was muss der auch immer unsere Päckchen annehmen. So müssen wir abends mit dem Abholzettel zu ihm gehen, uns erst für den dreisten Postboten entschuldigen und dann für uns selbst, weil wir hier nicht einkaufen, sondern den Mann nur Zeit und Mühe kosten. Der übergibt uns das Päckchen, so freundlich, als wäre ihm nicht klar, dass da ein Buch drin ist. Nun bestellen wir oft schlechten Gewissens, wenn wir wieder einen Abholzettel gefunden haben, telefonisch ein weiteres Buch bei ihm und holen dann am nächsten Tag beides unten ab. Selten so viel gelesen.

Martin Wittmann, SZ vom 1./2.12.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Rom

Städtetipps von SZ-Korrespondenten Rom

Quelle: AFP

Das Restaurant an der Spanischen Treppe wäre verlockend gewesen, aber da werden bestimmt nur Touristen abgezockt. Ganz in der Nähe findet sich an der Piazza San Silvestro ein Café mit Sonnenterrasse; die Kellnerin ist so schön wie ihre Stadt und mit einem Einfühlungsvermögen ausgestattet, das an Hellsichtigkeit grenzt. "Colazione?" Si, per favore. "Un omelette?" Si. "Un po' di pane?" Si - und einen Caffelatte, bitte. Sie fixiert einen mit wissendem Röntgenblick und verkündet in einem Ton, der Widerspruch nicht duldet: "Un doppio!" Ach, die Römer sind großartig, sie verstehen es einfach zu leben.

Der Caffelatte kommt, das Brot kommt, das Omelette kommt. Die Sonne scheint, nie wieder will man von hier fortgehen müssen. Dann kommt die Rechnung. 28,75 Euro. Für seine zehn Euro war der Kaffee aber auch wirklich nicht schlecht.

Tanja Rest, SZ vom 24./25.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Paris

A general view shows the exterior of the Gare de l'Est train station in Paris, several hours before the start of a general transport strike

Quelle: REUTERS

November in Paris, grau in grau. Schön ist das nicht. Der Gare de l'Est ist nach allen Seiten offen. Es zieht. Wer hier warten muss, hat Pech gehabt. Denkt man. Doch die Stadt meint es gut in diesen Tagen, sie hat Heizstäbe aufgestellt. In Reih und Glied stehen sie am Ende der Gleise, alle zehn Meter einer. Um sie herum rücken die Leute zusammen. Auch der Mann, der hier im Bahnhof sauber macht, freut sich. Er hat einige Bänke vor sich an diesem Tag. Jetzt aber steuert er erstmal auf eine zu - sie steht direkt neben einem Heizstrahler.

Den Lappen in der einen und Putzmittel in der anderen Hand wischt er über ihr Holz, quetscht das Tuch zwischen die Rillen, poliert das Metall. Liebevoll tut er das. Vier Mal in einer halben Stunde. Er hat Geduld mit den Leuten, die dafür mehrmals aufstehen müssen. Ist doch gut für alle: So schön warm und sauber hier.

Katrin Kuntz, SZ vom 24./25.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Buenos Aires

Children stand over a garbage container during a one-day nationwide strike in Buenos Aires

Quelle: REUTERS

Herrliche Zeit in Buenos Aires. Die Jacarandas blühen und lassen violette Blätter regnen, zwischen sintflutartigen Regengüssen scheint auch immer wieder hartnäckig die Sonne. Die Bäume duften im Frühling Südamerikas, das Problem ist nur, dass es an jeder Ecke grauenhaft nach Müll stinkt. Am Sonntag kurz vor Mitternacht klingelte das Telefon, es war die Stadtverwaltung: Bitte stellen Sie den Abfall in den nächsten Tagen nicht auf die Straße, die Müllabfuhr streikt.

Es streikt ständig irgendwer in Argentinien oder blockiert Straßen. Am Dienstag riefen zwei Gewerkschaften zum Generalstreik gegen die Regierung auf und legten Teile der Hauptstadt lahm, die Müllfahrer machten mit. So türmen sich die Mülltüten erst drinnen im Treppenhaus und dann draußen auf dem Bürgersteig. Sonst aber wie gesagt eine wunderbare Zeit.

Peter Burghardt, SZ vom 24./25.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Siem Reap

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Quelle: AFP

Ist schon merkwürdig, in einem Land zu sein, in dem viele sich kaum ein Stück Fleisch leisten können - und dann offeriert der Koch in Siem Reap ein "Königsmenü": Languste aus dem Mekong an Reis, Froschschenkel, Schokoladensoufflé. All das, was Norodom Sihanouk gerne aß, Kambodschas kürzlich verstorbener Altkönig. Eine Speisereise durch die Geschichte. Als Sihanouk jung war, gehörte Kambodscha zu Französisch-Indochina (Frosch, Soufflé), im Sozialismus blieb nur der Reis.

Zurück aus dem Exil in der Heimat (Languste), verzieh sein Volk dem "König-Vater" selbst die Zusammenarbeit mit den Roten Khmer. "Er war der Baum, unter dem wir Schatten fanden", sagt die Reiseführerin, Tränen in den Augen. Was bleibt ihnen auch? Eine korrupte Regierung. Ein ungeliebter Thronfolger. Königlich geht es hier nur dem Gast.

Monika Maier-Albang, SZ vom 24./25.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Abuja

Westerwelle besucht Nigeria

Quelle: dpa

Zum Beruf des Außenministers gehört es, dass er auf seinen Reisen in alle Welt beschenkt wird. Es können ziemlich kuriose Gaben sein, wie sich kürzlich bei Guido Westerwelles Besuch in der nigerianischen Hauptstadt Abuja wieder zeigte. Dort beehrte er die Nationalmoschee. Deren Exekutivsekretär übergab Westerwelle Infobroschüren zum Islam ("für Ihre Freizeit"). Eines der Hefte trägt den pikanten Titel "Ist Polygamie fair gegenüber Frauen?".

Sollte Westerwelle je Zeit finden, darin zu blättern, könnte er über jene Passage stolpern, in der die deutsche Nachkriegszeit als Beweis dafür herhalten muss, wie vernünftig Polygamie ist. Deutsche Frauen mussten sich von britischen und US-Soldaten ausnutzen lassen; hätten sie sich bloß einen deutschen Mann teilen können! Umtausch ist bei Außenminister-Geschenken ausgeschlossen.

Caroline Ischinger, SZ vom 17./18.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Goma

A woman carries live chickens on her head as she sells them along a street in Goma

Quelle: REUTERS

An der Straße des Friedens in Goma steht eine große Ruine. Ein mehrstöckiges Gebäude, mit weit aufgerissener Flanke. Ist es ein Zeugnis des Krieges, der hier im Ostkongo mit seinen Milizen immer wieder aufflammt? "Ganz falsch", sagt der Chauffeur fröhlich, "das ist das Werk unserer Stadtplanung." Es ist nämlich so, dass da ein frecher Hausbesitzer einfach zu weit auf die Straße hinaus gebaut hat, und das durfte natürlich nicht unbestraft bleiben.

Also rückte bald ein Abrisskommando an und hat das schöne neue Haus kurzerhand mit einer sehr eigenwilligen Methode in Form gebracht. Ein Drittel haben sie vorne abgeschnitten, so dass die Straße nun wieder breit genug ist. Den Rest der Ruine darf der Mann behalten. Einfach eine Mauer drauf auf die offene Seite und alles ist wieder gut. Was wäre Goma ohne seine fixen Stadtplaner.

Arne Perras, SZ vomn 17./18.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Moskau

RUSSIA-FEATURE

Quelle: AFP

In Moskau gibt es einen neuen Werbesport. Anzeigen werden des nachts per Schablone einfach direkt auf den Asphalt gesprüht, etwa für den Radl-Verleih, Sofort-Fotos oder eine Thai-Massage. Wenn das Prinzip beim Passanten verfängt und Gewinn bringt, mag es auch die Aufmerksamkeit der getürmten Freundin sichern, dachte sich offenbar ein Moskowiter und hinterließ voller Schwermut eine lange, bunte Botschaft auf dem Bürgersteig. "Julia, ich liebe Dich! Kehr zu mir zurück. Du bist mein Leben", ist zu meinen Füßen zu lesen. Dazu noch ein gebrochenes rotes Herz.

Gleich eine ganze Spur hat der Unglückliche auf diese Weise gelegt, und sie führt direkt zum Eingang einer Moskauer Musik-Akademie. Acht Asphalt-Anzeigen in Folge, das dürfte nicht unbemerkt bleiben, aber insgesamt etwa hundert Euro kosten. Teure Julia.

Frank Nienhuysen, SZ vom 17./18.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Venedig

Insel San Giorgio Maggiore

Quelle: AFP

Im überlaufenen Venedig ein halbwegs passables Restaurant zu finden, ist alles andere als einfach. Am Ende folgen wir ermattet einem Tipp im Reiseführer, der eine Osteria im Stadtteil Cannaregio mit den üblichen Schlagworten anpreist: alles frisch zubereitet, Preis-Leistung super, kaum touristisch. Vor allem aber: direkt am Kanal gelegen. Besondere Empfehlung: die Tische am Fenster mit Blick aufs Wasser, sooo romantisch! Was offenbar auch andere finden.

Vor Ort wird klar: Kein Führer oder Forum, wo die Osteria nicht gelistet ist - Lonely Planet, Dumont, Trip Advisor ... Wer von wem abgeschrieben hat? Ganz egal, der Wirt findet's toll. Er hat gefühlte 20 Bewertungen großkopiert, um sie für die Gäste aufzuhängen. Mehrere Quadratmeter Papier. Doch wohin damit in einer überladenen Pinte? An die Fenster! Wasserblick? Gibt's jetzt vor'm Lokal.

Marten Rolff, SZ vom 10./11.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Kairo

A supporter holds a poster of Egypt's President Mursi at Tahrir square in Cairo

Quelle: REUTERS

Nach dem Start lehnt sich der Ägypter im Flugzeugsitz zurück und schließt die Augen. Beim Essen kommt man ins Gespräch. Nach dem Start habe er gebetet, sagt er, auch seine Frau sei sehr fromm. Aber von den Muslimbrüdern halten sie nichts: "Was zwischen mir und Gott ist, geht keinen was an", sagt er. Dumm, dass er als Ingenieur beruflich inzwischen ausschließlich von Islamisten umgeben ist. Da nützt auch seine Bekanntschaft mit dem neuen Präsidenten Mursi nichts, mit dem er aufgewachsen ist, den er für freundlich, wenn auch weich hält. "Fast ein Mädchen."

Mit dieser Maschine reist er nach Deutschland, England und Paris, um Expertise im Straßenbau einzuholen. Auf dem Tahrir-Platz hat er Blumen pflanzen lassen. "Wer weiß", sagt er nach der Landung, "wenn ich zurückkomme, macht meinen Job vielleicht schon einer mit Bart."

Sonja Zekri, SZ vom 10./11.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Wien

HUNDERTWASSER-HAUS IN WIEN

Quelle: DPA

Wien ist neulich erst wieder zur Metropole mit der höchsten Lebensqualität gekürt worden, was mindestens genauso viel mit den sozialen Errungenschaften der Stadt wie mit ihren äußeren Reizen zu tun hat. Aber ob jene, die solche Ranglisten erstellen, auch Toiletten in ihre Wertung einbeziehen? Das öffentliche Örtchen am Hundertwasserhaus zum Beispiel ist architektonisch spektakulär, macht aber seekrank.

Die legendärste Toilette der Stadt ist jene unter der Wiener Oper; wer etwa die Traviata genießen will, kann sich in der Opernpassage musikalisch einstimmen. Aus der Toilette, dekoriert im Gründerzeitkitsch, dringt laut: Johann Strauss. Vor ein paar Jahren durften die Männer hier noch in Pissoirs pinkeln, die die Form geöffneter Frauenmünder hatten. Aber das war den Frauen wohl ein bisschen zu viel Lebensqualität für ihre Männer.

Cathrin Kahlweit, SZ vom 10./11.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Rostock

Baufällige Hochschulen

Quelle: dpa

Vor dem ersten Morgenblau hebt sich düster die Backstein-Silhouette der Marienkirche ab. Der Nordwest hat die Regenwolken der Nacht weggefegt. In Rostock beginnt ein neuer Tag. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus bauen die Händler ihre Stände auf. Um die Ecke rumpelt quietschend eine blau-weiße Straßenbahn, Linie 6, Fahrtziel Mensa. Die Bahn ist voll. Lauter junge Leute, die meisten haben Backpacks dabei, einer hat sich eine selbstgedrehte Zigarette hinters Ohr gesteckt.

Sie sind auf dem Weg zur Uni. In Rostock geht es noch immer so früh los. Der Grundkurs "Germanistische Linguistik" beginnt freitags um 7.15 Uhr. Und um 7.30 Uhr die "Einführung in die Strahlentherapie" der Mediziner. Die Mathematiker sind da schon längst auf den Beinen: Das Seminar "Funktionentheorie und Laplace-Transformation" läuft bereits seit 7 Uhr.

Reymer Klüver, SZ vom 10./11.11.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Helsinki

Helsinki Finnland Sauna

Quelle: AFP

Im Herbst nach Helsinki? Eine erfrischende Idee. Sechs Grad, Dauerregen, gegen 17 Uhr wird es dunkel. Die meisten Finnen huschen mit gesenktem Kopf durch die Stadt. Man möchte ihnen auf die Schulter klopfen und zurufen: Kopf hoch, es wird bald wieder hell, spätestens in sechs Monaten.

Bis dahin ist folgender Satz wichtig: "Onko täällä saunaa?" (Gibt es hier eine Sauna?) Die Zeit zwischen den Saunagängen überbrückt man am besten mit einer "Kahvipaussi" (Kaffeepause) in der "Baari" (Bar).

Während die Jacke trocknet, kann man die Grundzüge der finnischen Sprache studieren: Mops heißt "Mopsi", Parkplatz "Parkkipaikka". Am besten geht das in einem Lokal mit finnischem Fitness-Programm. Die Sportbar heißt "Fressi" und vereint alles, was der frierende Finne braucht: "Urheilu" (Sport), Sauna, "Hampurilainen" (Hamburger), Alkoholi.

Titus Arnu, SZ vom 27./28.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... London

Skyfall Premiere London Daniel Craig

Quelle: AFP

Plötzlich ist es so, als hätte jemand den Fernseher eingeschaltet: Bond-Darsteller Daniel Craig ist da, seine Gattin Rachel Weisz, Judi Dench und sogar Prinz Charles und seine Camilla. Die Menschen jubeln. Ihr TV-Schirm ist ein hell erleuchtetes Fenster im ersten Stock der Royal Albert Hall.

Viele Fans sind zu klein oder einfach zu spät zur Weltpremiere von "Skyfall" gekommen, als dass sie durch die Menschenmenge am Roten Teppich irgendetwas hätten erkennen können. Das ist ihr Moment. Sie bleiben mitten auf der Straße stehen und starren gebannt nach oben auf das leuchtende Rechteck, kommentieren jede noch so kleine Geste der Schauspieler.

Vergessen sind der Nieselregen und das frustrierende Ausharren in der Kälte. Dass ihnen die Prominenz dabei ausschließlich ihre Rückseiten präsentiert, tut dem Zauber kaum Abbruch.

Lena Jakat, SZ vom 27./28.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Luxemburg

Luxemburg Alzette Altstadt

Quelle: dpa-tmn

Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg ist immer wichtiger geworden in den vergangenen Jahren, er verströmt das Selbstbewusstsein einer Superinstanz. Lang nicht mehr da gewesen - auf welcher Seite der Avenue Kennedy war das Gebäude nochmal? Einer der vielen behördlich gekleideten EU-Menschen müsste das doch wissen, doch die ersten drei Krawattenträger heben hilflos die Schultern. Selbst ein uniformierter Pförtner kennt nur den Namen seiner Behörde.

Eine elegante junge Frau präsentiert schließlich erfreut ein Gerichtsgebäude, aber irgendwie scheint es seltsam verändert, und tatsächlich, es ist bloß der Gerichtshof der EFTA.

Auf der anderen Seite der Avenue zeigt sich dann doch noch die vertraute Fassade. Eine Nachfrage zur Sicherheit, aber der Mann im Anzug sagt nur: "Ich bin nicht von hier".

Wolfgang Janisch, SZ vom 27./28.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Imbituba

3000 Meilen über das Meer - Reisen auf den Spuren der ´Titanic"

Quelle: dpa-tmn

Vor Brasiliens Küste, angenehm weit weg von der Heimat. Aber wer sitzt bei der Walbeobachtung mit im Boot? Österreichische Touristen sowie Musiker der bayerischen Blaskapelle "Die Karolinenfelder", die hier drei Wochen lang bei einem exotischen Oktoberfest aufspielen.

Bald zeigt sich ihnen zwischen den Wellen der erste Wal. Eine Schau, die durchaus interessiert zur Kenntnis genommen wird. Richtig zünftig wird es freilich erst, als einer der seekranken Österreicher über die Reling speit. "Schau dir an, wie der die Fisch füttert", schreit einer der nun begeisterten Bayern, "jetzt weiß ich auch, wieso die Österreicher keine Marine haben."

So geht das eine Weile, und noch an Land wird kopfschüttelnd gefeixt. Ein gelungener Ausflug also, ganz nach dem Motto, wie es auf den Pullis der Karolinenfelder zu lesen ist: "Stimmung, Schwung, Humor".

Martin Wittmann, SZ vom 20./21.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... New York

Mitten in ... New York Abschleppwagen

Quelle: AFP

New York ist ja im Großen und Ganzen doch eine Stadt, in der es eher gemächlich vorwärts geht. Stundenlange Ampelphasen, der unschöne Bummelkordon aus Taxis überall...

Zügig sind eigentlich nur die Abschleppwagen. Die allerdings wirklich. Man ist noch dabei, die kryptischen Ausnahmeregeln des Parkregelungsschildes zu studieren, schon ist das Auto weg. Sie kommen irgendwo aus dem Boden und verschwinden blitzschnell wieder mit ihrer Beute.

Deshalb sind die Stellen, wo man das Lösegeld bezahlt, auch die eigentliche Agora der Stadt: Hier kommen alle zusammen und sind vor den maulfaulen Schaltertanten alle gleich. Die mit den kleinen Autos, die mit den großen Autos - und neulich stand sogar ein Fahrer in UPS-Uniform da. Kein Wunder, dass in New York Post und Pakete immer erst abends ausgeliefert werden können.

Peter Richter, SZ vom 20./21.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Imeretien

Mitten in ... Imeretien Orthodox Kirche

Quelle: REUTERS

Orthodoxe Christen bekreuzigen sich, wenn sie zufällig eine Kirche sehen, im Bus etwa, oder beim Spaziergang. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen. Autofahrer in Osteuropa sind flott unterwegs, bremsen gern spät und überholen ziemlich selbstbewusst. Man gewöhnt sich daran und denkt, wenigstens haben sie beide Hände am Lenkrad. Dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat, ist offensichtlich. Außer neulich in Georgien, bei einer Autofahrt von Tiflis in die Region Imeretien.

Sanft windet sich die Straße durch die hügelige, üppig-grüne Landschaft. Wir fahren zügig, fliegen an Kirchen und Kathedralen vorbei. Es gibt viele davon, und der Fahrer ist gläubiger Christ. An jedem der Gotteshäuser nimmt er die Hand vom Steuer und bekreuzigt sich - bei voller Fahrt. Wir sind am Ende trotzdem heil angekommen. Gott sei Dank.

Frank Nienhuysen, SZ vom 20./21.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Las Vegas

Mitten in ... Las Vegas Waffenhändler

Quelle: AFP

Ja, genau so habe ich mir einen amerikanischen Waffenhändler vorgestellt: schwarze Uniform, Anstecker der Gewehrbesitzerlobby NRA am Revers, markiger Kurzhaarschnitt und ja, auch das: ein fester Händedruck. Das obligatorische "How are you?", und schon legt er los: Womit er denn dienen könne?

Er habe da eine Smith & Wesson im Angebot, Modell 29, wie bei "Dirty Harry". Oder, wenn es etwas Größeres sein soll: Eine AK-47, bekannt als Kalaschnikow. Oder, für die Freundin, ein kleiner pinker Revolver fürs Handtäschchen? Hinten, auf der Schießbahn, könne sie ihn auch gleich ausprobieren. Ach ja, und ob ich Kinder habe? Für die habe er nämlich die perfekte Überraschung für den Geburtstag - das "Kids Package". 22 Schuss mit einem Gewehr, 22 Schuss mit einer Pistole und dazu ein Souvenir. Was will man mehr?

Frederik Obermaier, SZ vom 20./21.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Yosemite

Mitten in ... Yosemite

Quelle: REUTERS

Die Nachrichten sind nicht gerade einladend: Von einem Hantavirus-Ausbruch im kalifornischen Yosemite-Nationalpark ist die Rede, und ausgerechnet dorthin soll die Reise gehen. Mäuse sollen das gefährliche Virus auf Dutzende, Hunderte, vielleicht gar Tausende Touristen übertragen haben.

Am Eingang des Parks verteilen Ranger Zettel. Sie warnen vor den Mäusen - und vor dem Campingplatz "Curry Village". Mehrere Menschen sind schon tot. Sie haben dort übernachtet, hatten Kontakt mit den Mäusen oder mit ihrem Kot, mit dem Virus. Einen zugelassenen Impfstoff gab und gibt es nicht. Deutschlands Gesundheitsämter warnen bereits.

Okay, ein Besuch im Seuchengebiet also. Bei der Touristeninfo redet niemand von irgendeinem Virus und hinter dem Namen Curry Village steht auch nur ein einziges Wort: "ausgebucht".

Frederik Obermaier, SZ vom 13./14.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Neukölln

Mitten in ... Neukölln

Quelle: dpa-tmn

Langsam schiebt sich der gelbe Bus durch die Straßen Neuköllns. Heiko, der Busfahrer, hat nach 24 Jahren im Dienst sein Aufgabengebiet etwas erweitert. Er gibt den Alleinunterhalter, flirtet mit alten Damen - auch mal mit den jüngeren - und erzählt allerlei Berliner Anekdoten. Doch plötzlich verfinstert sich das Gesicht hinter dem Zehntagesbart. "Aba wir ham ja hier in Berlin diese zugezogenen Leute, die uns unsere Stadt kaputt machen."

Bange Stille im Bus. Links und rechts ziehen Dönerbuden, Backshops und Internet-Cafés vorbei. Auf den Bürgersteigen davor gehen Frauen mit Kopftüchern und Männer in exotischen Gewändern. Ist Heiko etwa ein Ausländerfeind?

Auf einmal atmet Heiko lautstark aus. "Diese Westdeutschen! Immer diese Westdeutschen! Aber zum Glück ist die Welt bei uns in Neukölln noch in Ordnung!"

Malte Conradi, SZ vom 13./14.102012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Sarajewo

Mitten in ... Sarajewo

Quelle: Käppner

Bosnien ist ein Land, in dem Katzentherapeuten und Fledermausschutzprogramme nicht die Rolle spielen wie bei uns daheim. Dafür gibt es in den tiefen Bergwäldern viele Bären und Wölfe, weil aus Furcht vor Minen kein Mensch diese Wälder und Berge betritt. Der Krieg ist lange vorbei. Die Minen bleiben.

Am Rand der Hauptstadt Sarajewo aber sind sie geräumt. Es ist sehr dörflich. Schweine liegen auf den Wiesen, ein Esel döst im Schatten. Und dort, im Vorgarten eines Hauses, hockt der Bär. Er ist ein großer Kerl, eingesperrt in einen Käfig. Neugierig schaut er. Ob er Einbrecher abschrecken soll?

Die Ortskundigen sagen, er trete des öfteren auf Jahrmärkten und Volksfesten auf, an der Kette geführt von seinen Besitzern. Vom Käfig aus kann er die Berge sehen. Dort leben die wilden Vettern, und wir hoffen, dass er das nicht weiß.

Joachim Käppner, SZ vom 13./14.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Dharamsala

Mitten in ... Dharamsala

Quelle: Getty Images

Über den Dalai Lama will Rajib reden. Aber nicht darüber, was Seine Hoheit dieser Tage hier im Exil die ausländischen Pilger lehrt. Der junge Mann zeigt auf die Tribüne, auf der das geistliche Oberhaupt der Tibeter mal gesessen und sich ein Cricket-Match angeschaut hat. Ob er da wieder Platz nehmen wird, wenn Indien im Januar England zum Länderspiel empfängt?

Unwissende behaupten, beim Cricket passiere nicht viel, aber in diesem Fall ist allein das Stadion eine Attraktion. Eingebettet in die Ausläufer des Himalaja liegt das Dharamsala Cricket Stadium, die vorbeieilenden Wolken lassen die Berge immer wieder für ein paar Sekunden verschwinden.

Er sei noch nie in seinem Leben in einem anderem Cricket-Stadion gewesen, erzählt Rajib. Er ist Stammgast in einer der schönsten Arenen der Welt - und kommt sogar, wenn niemand spielt.

Tobias Matern, SZ vom 13./14.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Barcelona

Spanish Tourism On The Costas

Quelle: Bloomberg

Am Strand von Barcelona, die Sommerhitze ist vorbei, der Abstand zwischen den Handtüchern größer geworden. Kinder baden, Frauen lesen, Männer blicken Frauen nach, was man eben so macht, wenn man noch ein paar Tage Urlaub hat - oder, wie viele Leute, seit Monaten Arbeit sucht und sich über Strandtage schon nicht mehr so richtig freuen kann. Es ist das ewig gleiche Spiel, auch die Bierverkäufer, Eisverkäufer, Fächerverkäufer gehören dazu, auch sie sind müde, der Sommer war zu heiß. Einen Mann nur gibt es hier, der niemals müde wird: es ist der Donut-Mann, man hört ihn von Weitem. Er trägt Shorts und auf dem Kopf eine Platte Gebäck. Er rennt zehn Meter, bleibt stehen, kreist mit den Hüften. Er singt ein Lied. Bald heben sich Hände aus drei Richtungen. Es mag Krise sein, in Spanien. Das Donut-Geschäft aber blüht.

Katrin Kuntz, SZ vom 6./7.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Peking

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Quelle: AFP

Zugreisen in China sind ein Vielfaches komfortabler geworden als noch vor zehn Jahren, da man nur die Wahl hatte zwischen "hart sitzen" und "weich sitzen". Und dennoch gibt es kaum ein Ministerium, das einen schlechteren Ruf hätte als das der Eisenbahn. Das liegt an Ministern, die 18 Konkubinen mit ihren Bestechungsgeldern durchfütterten. Das liegt aber auch an dem Onlinebuchungssystem, das in diesen Tagen wieder Frust verbreitet. Angeblich hat die Bahn zehn Jahre an dem System gearbeitet und 40 Millionen Euro für Verbesserungen ausgegeben. "Wieso ist es dann schwerer, darauf zu landen als auf den Diaoyu-Inseln?", spottete ein Kritiker. Extra für die Herbstferien wurde die Buchungsseite aufgehübscht. Die bemerkenswerteste Neuerung: Man fliegt nicht mehr gleich raus. Jetzt kann man online Schlange stehen. Stundenlang.

Kai Strittmatter, SZ vom 6./7.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... New York

Radeberger Exportbierbrauerei

Quelle: dpa

Die günstigste Art und Weise, jetzt von hier nach Deutschland zu kommen, ist Radeberger trinken. Absolutes Spitzenbier, sagt der Chef vom Grocery-Store. Allerdings sagt er das über jedes Bier, das man länger ins Auge fasst, sogar über Brooklyn Lager, denn der Mann ist Muslim und trinkt selber gar keins. Die Spitzenbierbrauerei aus Sachsen verlost unter ihren amerikanischen Kunden jedenfalls gerade Flüge nach Deutschland. Auf dem Bild ist das Brandenburger Tor zu sehen. In Deutschland wirbt Radeberger immer mit der Semperoper im benachbarten Dresden.

Da steht man dann und rechnet: Wenn sich von New York aus Berlin zu Dresden verhält wie von Berlin aus Dresden zu Radeberg - heißt das dann, dass Radeberger in Los Angeles mit dem Eiffelturm wirbt? Habe leider in Kalifornien noch nie welches gesehen.

Peter Richter, SZ vom 6./7.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Kiew

Alte Bettlerin in Kiew, 2003

Quelle: DPA-SZ

Manche Dinge, denkt man, ändern sich nie: der Geruch des Ostens, eine Mischung aus Abgasen, Putzmitteln und Birkenlaub. Männer in schwarzen Lederjacken, die so breitbeinig dastehen, als wollten sie die Straße für sich. Frauen auf turmhohen Stöckelschuhen, die durch tiefe Schlaglöcher balancieren. Sieben Bauarbeiter um ein Loch im Asphalt, sechs rauchen, alle schweigen, keiner arbeitet. Grimmige Frauen, die tief unten in der Metro in einem Kabuff hocken und die Rolltreppe kontrollieren. Alles so wie vor zehn Jahren, vor zwanzig, vor dreißig. Doch halt, was tut die verhärmte Babuschka da, die am Straßenrand Nüsse verkauft , um ihre magere Rente aufzubessern? Die alte Frau, ganz Business-Lady, holt ein Smartphone aus der Tasche und informiert im Befehlston ihren Fahrer, sie wolle abgeholt werden. Neues Bild, alter Ton.

Cathrin Kahlweit, SZ vom 6./7.10.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Dubai

Wut

Quelle: digitalstock

Die Blonde am Transitschalter des Flughafens in Dubai ist eindeutig nicht zum Arbeiten aufgelegt. Die Schlange vor ihrem Schalter wird hinten immer länger und vorne kein bisschen kürzer. Ich komme aus Kabul und denke, jetzt sei alles gut. Was man so denkt. Am Schalter ist jetzt ein Araber, der außer einem Harem auch einen Kindergarten mit sich führt. Die Blonde am Schalter scheint den Tag zu verfluchen, an dem sie geboren wurde. Direkt vor mir in der Schlange steht ein Ehepaar mit Kleinkind.

Der mopsähnliche Knabe jault und patscht seiner Mutter mit den Händen ins Gesicht. Ich ziehe eine Fratze, von der ich hoffe, dass sie der eines Kinderfressers nahe kommt. Augenblicklich lässt der Mops von seiner Mutter ab und hört auf zu jaulen. Er betrachtet den Fratzenmacher interessiert, beinahe liebevoll. Er hat einen Bruder im Geiste gefunden.

Stefan Klein, SZ vom 29./30.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Ettal

Lebensmittel werden teurer -  Schweinsbraten

Quelle: Victoria Bonn-Meuser/dpa

Die Ettaler Mühle ist das, was man eine bayerische Traditionswirtschaft nennt. "1701" ist als Baujahr stolz über der Eingangstür des betagten, gut erhaltenen Hauses gepinselt. Drinnen dunkles Holz, draußen Biergartentische unter Kastanien, dazwischen Dirndl-gewandete Bedienungen, die Schweinsbraten, Haxe, Sauerkraut, Obatzten herantragen. Das Bier kommt vom benachbarten Benediktinerkloster, ebenso der Kräuterlikör für danach. Als Ausflugslokal ist die Mühle bei Wanderern und Radlern schon lange beliebt, inzwischen kommen sogar chinesische Touristen.

So auch die zwei jungen Damen, die sich an einem der Biergartentische niederlassen und die Karte studieren. Die Kellnerin tritt heran. "Chinese food?", fragt eine Besucherin. Die Kellnerin stutzt und schüttelt den Kopf. Wortlos lächelnd stehen die zwei auf und verlassen das Lokal.

Viola Schenz, SZ vom 29./30.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Paris

FASHION-FRANCE-BALMAIN

Quelle: AFP

Die Balmain-Show im Grand Hôtel war wie immer, also Lederröhren, Mikrominis, Oberteile mit zu viel Stickereien, zu viel Glitter und viel zu breiten Schultern. "An den osteuropäischen Markt gerichtet", wie man hier höflich formuliert. Aber die Balmain-Mädchen sind die schönsten der Pariser Modewoche. Giraffengroß, drumstick-dünn, alienhafter Augenabstand, Beine bis zur Gurgel. Als sie hinterher aufs Trottoir staksen, schluchzen Passantinnen innerlich, Fotografen bekommen diesen Tunnelblick, der den Jagdinstinkt verrät.

Einer blonden Russin galoppieren sie über die halbe Rue Scribe hinterher, bis die sich umdreht (der Pulk: Überraschung), lächelt (der Pulk: Begeisterung) und eine Zigarette schnorrt (Ekstase, alle Objektive im Anschlag). Da dreht sie sich um, federt zu ihrer Mercedes-Limousine und: verpufft.

Tanja Rest, SZ vom 29./30.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Berlin

Pressekonferenz zum Familienmonitor

Quelle: dpa

Ein Warteraum am Flughafen Tegel, die Luft steht, es stauen sich die Passagiere von zwei Flügen nach Frankfurt, weil der eine Flug Verspätung hat. Manager unterrichten gehetzt ihre Sekretärinnen, Touristen bangen um ihre Anschlussflüge, alle sind genervt. Plötzlich betritt Bundesfamilienministerin Kristina Schröder den Warteraum. Baby- und Handtasche werden von ihrem Leibwächter getragen, die Tochter von ihr selbst.

Der Tochter gefällt es nicht auf dem Arm der Mutter, sie beginnt zu brüllen. Kristina Schröder ist das Gebrülle peinlich, weil jetzt ungefähr 200 Menschen zuschauen, wie die Ministerin ihre Tochter zu besänftigen gedenkt. Und was macht Schröder? Sie setzt die Tochter auf dem Boden ab, wo sie zwischen den Beinen der genervten Passagiere herumkrabbelt. Viele Mienen hellen sich plötzlich auf.

Thorsten Schmitz, SZ vom 29./30.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Brüssel

Mitten in ... Brüssel

Quelle: iStock

Man kann es durchaus mit der Angst zu tun bekommen, an der Place de Merode. Genauer gesagt: an der gleichnamigen, nur sparsam ausgeleuchteten U-Bahn-Station.

Nichts ahnend fährt man die lange Rolltreppe hinauf, unterhält sich mit der Begleitung und blickt dann, oben angekommen, überrumpelt in sechs überaus grimmige Gesichter. Sie gehören sechs Uniformierten, die, breite Schultern an noch breiteren Schultern, jeden Weg hinaus versperren. In der zweiten Reihe: Hundeführer mit Schäferhunden. Die belgische GSG 9? Eine Ringfahndung? Antiterroreinsatz rund ums EU-Viertel?

Ach was. Nur eine seltsam martialische Art, über die Erfüllung billigster Pflichten zu wachen: "Die Fahrausweise!", knurren die Uniformierten, und man will danach lieber nicht so genau wissen, was mit Schwarzfahrern in Belgien so passiert.

Javier Cáceres, SZ vom 22./23.9.2012

50 / 60

Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Trabzonspor

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Quelle: AFP

Jetzt ist die Zeit des Palamut, und wo wäre dieser Bruder der Makrele besser als in Trabzon am Schwarzen Meer? Fehlt nur noch ein Bier.

Trabzon ist konservativ. Am Tisch vor der Fischbraterei flanieren fast nur Frauen mit Kopftuch vorbei. Aber schon in einer Seitengasse lockt ein Bierpalast mit frisch Gezapftem. Doch leider: Erster Stock nur Männer, Dachterrasse auch. Rettung gibt es nur im Zwischengeschoss: "Damsiz Girilmez" steht da - ohne Frauen kein Zutritt. Die Anwesenden halten sich zwar nicht dran, aber wir bekommen Bier - und Fußball. Trabzonspor spielt und gewinnt.

In der Nacht vor dem Hotel: Trommelwirbel. Fans von Trabzonspor feiern. Sie tragen Kopftücher und Spielershirts über den züchtigen Röcken. Es sind alles Frauen. Und sie alle lieben einen Mann: Halil Altintop (im Bild links). Der Ex-Schalker hat das Tor geschossen.

Christiane Schlötzer, SZ vom 22./23.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Hannover

Waschtag

Quelle: dpa

Die Urlauber sehen müde aus. Leicht apathisch hocken sie im frühen Flieger von Dubrovnik nach Hannover. Etliche haben mitten in der Nacht aufstehen müssen, um den Flughafen zu erreichen. Damit das Schiff sie rechtzeitig von einer der kroatischen Inseln zum Festland bringt. Bei starkem Wind hatte sich die Barkasse durch die hohen Wellen der Adria geschaukelt. Kein Spaß morgens um zwei Uhr. Die Erholung von zwei Wochen Urlaub in Kroatien droht zu entgleiten.

Mit leichtem Holpern setzt die Maschine in Hannover auf. Der Stewart trällert unangenehm fröhlich seinen Willkommensgruß, plötzlich weicht er von den üblichen Formeln ab. "Sie sollten heute keine Zeit mit Wäschewaschen vergeuden", sagt der Mann. "Es wartet einer der letzten heißen Sommertage auf Sie." Manchmal ist eine Heimkehr eben doch überraschend schön.

Kristina Läsker, SZ vom 22./23.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Caracas

-

Quelle: AFP

Interessant, dieser Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Im schicken Viertel Altamira steht die Jugendvor der Bar Lola, einem angesagten Lokal mit lauter Musik. Die Besucher schimpfen über den sozialistischen Ölpräsidenten Hugo Chávez. Fast niemand mag ihn hier, aber so schlimm scheint es für die meisten Gäste nicht zu sein.

Sie fahren mit Geländewagen von der Größe einer Dampfwalze vor und steigen vor der Kneipe aus, das Parken erledigt das Hauspersonal. Die Frauen tragen turmhohe Absätze, Männer trinken Whiskey aus turmhohen Gläsern. Viele Damen haben zudem bei der Oberweite nachhelfen lassen, ein Statussymbol in besseren Kreisen. So debattiert man über die anstehenden Wahlen und hofft auf den Sieg des Oppositionellen Henrique Capriles (Bildmitte).

Fragt man den Türsteher, wer gewinnt, flüstert er: "Natürlich Chávez."

Peter Burghardt, SZ vom 22./23.9.2012

53 / 60

Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Caracas

A motorcycle rides past a campaign mural promoting Venezuelan President Hugo Chavez in Barinas

Quelle: Reuters

Im Straßenverkehr von Caracas gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste: Man steckt bis zur Verzweiflung fest, denn im Öl-Land Venezuela ist Benzin billiger als Limo, und Monsterstaus sind normal. Die zweite: Man riskiert sein Leben. Versuchen wir mal Variante zwei und steigen auf ein Motorrad-Taxi. Der Fahrer reicht einen schiefen Helm, und los geht's mit Vollgas über die Stadtautobahn, unter Reklametafeln für Hugo Chávez, den Präsidenten. Gleich werden wir zwischen Geländewagen zermalmt, denkt man sich bei jedem Überholmanöver.

Gleich zerfetzt es links und rechts die Kniescheiben. Doch der Meister flitzt virtuos durchs Gewühl und dreht sich bei Tempo 80 um, um aus seinem Leben zu plaudern. 50 Jahre alt, sieben Enkel, Nichtwähler, das schafft Vertrauen. Nach 15 Minuten sind wir am Ziel. Die Tour dauert sonst eine Stunde.

Peter Burghardt, SZ vom 15./16.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Stegersbach

Cappucino Culture Threatens Traditional British Breakfast

Quelle: Getty Images

Morgens um sechs streift die alte Dame in Flip-Flops und im Morgenmantel suchend durch die Flure des Hotels im tiefsten Burgenland. Schließlich holt sie Rat beim kurzbehosten Frühsportler. "Sie Herr, kennans ma sog'n, wo da Kroftraum is?", fragt die Frau im schönsten Wiener Dialekt. Kurz danach steht sie im Fitnessraum vor mit schweren Eisen behängten Geräten, vor Streckbänken, Ergometern und Laufbändern, entledigt sich ihres Frotteemantels und entert kurzentschlossen im Badeanzug einen Crosstrainer.

Ein paar Minuten marschiert Oma energisch dahin. "Ka Kondition", keucht sie, um sogleich freudigst ihren aktuellen Kalorienverbrauch kundzutun. Im Display leuchtet die Zahl 27 auf. "Drei moch i no, dann hob i a Zehntel vom Frühstück weg." Am Büfett trifft man die Dame wieder. Sie lädt sich gerade Eier mit Speck auf den Teller.

Werner Schmidt, 15./16.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Tel Aviv

RNPS IMAGES OF THE YEAR 2011

Quelle: REUTERS

Im September beginnt die schönste Zeit am Strand von Tel Aviv. Die Quallen sind weg und, pardon, auch die Franzosen, die im August jeden Quadratmeter Sand belegen. Überdies werden die Temperaturen langsam so angenehm, dass man beim Schwimmen nicht mehr sofort ins Schwitzen kommt. Doch plötzlich ist das Meer gesperrt!

Der Weg zum Wasser wird von einem hässlichen rot-weißen Plastikband abgeschnitten. Der Grund dafür ist keine Ölpest oder sonstige Verseuchung und auch kein Militärmanöver mit deutschen Atom-U-Booten. Die Bademeister streiken für bessere Arbeitsbedingungen - und die Stadt straft die Badenden. Am Strand patrouillieren nun städtische Inspektoren, mit Megaphonen und drohen mit Strafzetteln. Einmal Falschschwimmen kann 730 Schekel kosten, fast 150 Euro. Da hilft nur eins: Abtauchen.

Peter Münch, SZ vom 15./16.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Waldkirch

Spenden erwünscht

Quelle: dpa

Die frisch geputzten Fensterscheiben der pittoresken Altbauhäuser glänzen um die Wette mit den gepflegten Mittelklassewagen süddeutscher Autobauer, und über allem scheint eine blanke Sonne aus dem makellosen Himmel. Der Wochenmarkt bietet regionales Obst vom Biobauern, kaltgeschleuderten Honig aus dem Schwarzwald, und die freundlichen Verkäufer nehmen sich für jeden Kunden viel Zeit. Erdbeer- und äpfelbeladen führt der Weg ins sorglose Wochenende an einem Obdachlosen mit verfilztem Haar und drecksteifen Klamotten vorbei.

Hektisch wird die Geldbörse gesucht und dafür das Obst in einem Blumenkübel abgelegt. Während man noch überlegt, ob zwei Euro ausreichende Gewissenserleichterung bringen, ruft der Herr in Not in feinstem Badisch: "He Sie! Des is net fein, des Zeugs in de Blümle zu legen!"

Malte Conradi, SZ vom 15./16.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Rio de Janeiro

SZ EXTRA

Quelle: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

Der Taxifahrer bescheidet dem gerade eingestiegenen Gast, er habe jetzt eigentlich gar keine Zeit, er müsse zum Arzt. Zum Therapeuten. Ungefragt erzählt er dem Passagier, dass er lebenslang Kettenraucher gewesen sei, mehrere Schachteln täglich, aber nun aufgehört habe. Er gehe regelmäßig zum Psychologen, die Kur zahlt in Brasilien die Krankenkasse. Sehr vernünftig, erwidert der Gast.

Ja, sagt der Chauffeur, während das Taxi in einem der nervenzerfetzenden Monsterstaus von Rio de Janeiro steht, er habe manchmal seine Beine nicht mehr gespürt, ungünstig beim Fahren. Und als er es sein ließ, habe er Schweißausbrüche und zitternde Hände bekommen. Er fährt dennoch angenehm ruhig, und man lässt ihn am Fahrziel für die Rückfahrt warten. Der Brasilianer steigt aus, setzt sich in eine Bar und raucht gemütlich eine Zigarette.

Peter Burghardt, SZ vom 8./9.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Kassel

documenta Kassel

Quelle: dpa/dpaweb

Kinder, Kunst, Kassel, die drei Ks für die geduldige Mutter im Documenta-Sommer. Auf den Weinbergterrassen schlendert sie mit ihrem vielleicht sechsjährigen Sohn an den Werken Adrián Villar Rojas' vorbei. Skulpturen aus ungebranntem Ton sind das, Glocken, Kugeln, Zahnräder, aber auch Menschen. Und Tiere. Der Sohn ist ziemlich interessiert an den merkwürdigen Gebilden, besonders an einem: der Skulptur einer Frau, die ein Schwein säugt.

Junge und Mutter tauschen nun ein paar nachvollziehbare Fragen und unentschiedene Antworten aus, bis der schwer beeindruckte Junge sich schließlich abwendet - mit einem letzten Satz, der anschaulich beweist, dass selbst und vor allem rätselhafte Kunst, wenn sie denn gut ist, mit ihrem Betrachter, ob der nun jung ist oder alt, etwas anstellt, und sei es nur unterbewusst: "Ich hab' Durst."

Martin Wittmann, SZ vom 8./9.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... München

To match feature BULGARIA-SNAILS/

Quelle: REUTERS

Schon wieder eine Unterschriftenliste. Gegen was diesmal? Handymasten, Windräder, Gema-Gebühren? "Wir sammeln Unterschriften gegen das grausame Töten von Schnecken", sagt das zehnjährige Mädchen, das zusammen mit einer Freundin vor der Haustür steht. "Unser Lehrer hat uns das als Hausaufgabe gegeben." Einerseits möchte man gerne unterschreiben, weil die Kinder so nett fragen und es für die Schnecken-Todesliste wohl eine gute Note gibt. Andererseits sind Schnecken meine Erzfeinde. Sie fressen mir den Salat im Garten weg, was irgendwie auch grausam ist.

Also frage ich: "Wieso seid ihr gegen das Töten von Schnecken?" "Salz auf Schnecken streuen oder sie verbrühen, das ist doch gemein." "Was macht ihr denn in eurem Garten gegen Schnecken?" "Wir schneiden sie immer mit der Gartenschere durch, das spüren sie nicht."

Titus Arnu, SZ vom 8./9.9.2012

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Mitten in Absurdistan:Mitten in ... Leadville

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Quelle: Archivfoto: AFP

"Two Mile High City" nennen sie das Städtchen, weil es auf mehr als 3000 Metern Höhe liegt, mitten in der gar fabelhaften Rocky-Mountains-Landschaft von Colorado. Das Leben hier oben läuft ein bisschen langsamer - bis auf all die Biker und Hiker, die nach ihren atemlosen Trips in der dünnen Luft immer noch rastlos durch die Straßen tigern. Dabei kann man es hier auch gemütlich haben: im Silver Dollar Saloon.

Oscar Wilde hat hier schon gebechert, und der Revolverheld Doc Holliday soll einen Fünf-Dollar-Streit auf die ihm eigene Weise beendet haben. Gegenüber kauert ein Mann im Schneidersitz, Kopf nach unten, ein Schild mit beiden Händen haltend, jedoch ohne Becher, in den man Geld werfen könnte. Ein Blick auf sein Schild erklärt alles: "Gesucht: Tempomacher fürs 24-Stunden-Mountainbike-Rennen!" Probleme haben die in Colorado.

Thomas Becker, SZ vom 8./9.9.2012

© SZ/kaeb/dd

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