La Grande Motte in Frankreich Sonnenterrassen für alle

Aus der Ferne sehen manche der Terrassenbauten aus wie Kartenhäuser.

(Foto: Regis Mortier)

Vor 50 Jahren empfing das südfranzösische Seebad La Grande Motte die ersten Feriengäste, heute ist es nicht nur bei Strandurlaubern beliebt. Dabei wurde der Architektentraum einst als Betonwüste geschmäht.

Von Antje Rößler

Wie aufgeblähte Segel, die gerade zur Fahrt übers Mittelmeer ansetzen, liegen die Häuser von La Grande Motte am Strand. Die Stadt fügt sich harmonisch in die flache Küstenlandschaft des französischen Languedoc ein. Filigrane Terrassen und Balkone verleihen den Betonbauten Leichtigkeit.

Der Visionär Jean Balladur erfüllte sich hier den Traum eines jeden Architekten: aus dem Nichts eine ideale Stadt zu erschaffen. Drei Jahrzehnte arbeitete der Franzose an dem Großprojekt. Seine weißen Stahlbetonbauten vereinen archaische Pyramidenformen mit fröhlichem Futurismus. Sie fügen sich zu einer Gartenstadt für Fußgänger und Radfahrer, zu einer architektonischen Einheit entlang des sieben Kilometer langen Strandes: mit Hafen und Campingplätzen, Kongresshalle und Casino, Freizeit- und Sporteinrichtungen. 1968 zogen die ersten Feriengäste ein. In diesem Sommer feiert La Grande Motte den 50. Geburtstag.

Jean Balladur arbeitete eng mit einem Landschaftsarchitekten zusammen, der zahlreiche Pinien, Platanen und Büsche anpflanzte. "Anfangs waren die Bäume noch klein, und die Stadt wurde als Betonwüste geschmäht", sagt Richard Felices, der früher das Kongresszentrum von La Grande Motte leitete und die Stadt wie seine Westentasche kennt. "Doch inzwischen hat sich die Vegetation entwickelt; die Stadt ist nun eine der grünsten Frankreichs."

La Grande Motte hat heute 110 000 Betten und empfängt mehr als zwei Millionen Touristen im Jahr. "Immer mehr Besucher kommen nicht nur zum Strandurlaub, sondern auch aus Interesse an der Architektur", sagt Jérôme Arnaud, der Leiter des Fremdenverkehrsamts, das auch Architektur-Führungen für Fußgänger und Radfahrer anbietet.

Neben den Sommergästen gibt es immer mehr ständige Bewohner; mehr als 9000 sind es inzwischen. Für sie entstanden Schulen, Sportanlagen und Geschäfte - viele bis Ende der Neunzigerjahre unter Aufsicht Balladurs. Die Nachfrage nach Immobilien steigt. Vor allem, seit La Grande Motte 2010 zum "Nationalen Erbe des 20. Jahrhunderts" erklärt wurde, ein Titel, der vor allem für Tourismus- und Marketingzwecke nützlich ist. Auch das andauernde Interesse an Mid-Century-Architektur beflügelt den Boom.

Der Staat kaufte Land, still und heimlich

"Für Einraum-Apartments muss man circa 4000 Euro pro Quadratmeter auf den Tisch legen. Bei Luxusobjekten in Wassernähe wird mindestens das Doppelte fällig", berichtet Arnaud. Neubauten, die dem ursprünglichen Stil gleichen müssen, machen inzwischen ein Zehntel der Wohnungen aus. Um den Mangel an Wohnraum zu beheben, sollen in den nächsten Jahren 530 weitere Wohneinheiten und ein neuer Hafen gebaut werden. Eine Herausforderung, soll doch die von Balladur gewünschte architektonische Homogenität gewahrt bleiben.

Die Entstehung von La Grande Motte war Bestandteil eines größeren Plans der französischen Regierung, an der Küste der Region Languedoc-Roussillon, die sich von der Provence bis zu den Pyrenäen und zur spanischen Grenze erstreckt, sechs Seebäder zu errichten. Man wollte die Touristenströme von den spanischen Badeorten umleiten und im Inland Unterkünfte für die wachsende Mittelschicht schaffen - als Kontrapunkt zur noblen Côte d'Azur. Still und heimlich erwarb der Staat das Land; weder politische Intrigen noch Spekulanten standen dem großen Wurf im Wege. Binnen weniger Jahre wurden Mückenschwärme vernichtet, Sümpfe entwässert, Straßen und Wasserleitungen gebaut.

Ein Philosoph als Baumeister

Das Bauministerium bestimmte Jean Balladur für die Planung von La Grande Motte, bei der man ihm freie Hand ließ. Balladur, Jahrgang 1924, hatte zuerst Philosophie studiert und für die Zeitschrift von Jean-Paul Sartre geschrieben. Später wurde er Architekt und arbeitete zeitweilig unter Le Corbusier. Seine Planung für La Grande Motte fiel in eine Zeit des Wirtschaftswachstums; die politische Umwälzung der Achtundsechziger stand bevor.

Der südfranzösische Ferienort kündet vom Aufbruch in eine neue Zeit, vom Streben nach einer besseren, freien Gesellschaft. Nicht das Auto, sondern der Mensch steht in La Grande Motte im Vordergrund. Fußgänger und Radfahrer bewegen sich auf eigenen Wegen unbehelligt durch angenehm schattige und windgeschützte Plätze, Alleen und Parkanlagen.

Um seiner Reißbrettstadt Leben einzuhauchen, knüpfte Balladur fantasievolle architektonische Bezüge. Anregen ließ er sich von der prähistorischen Pyramidenstadt Teotihuacán bei Mexiko-Stadt. "Balladur glaubte, die riesigen archaischen Stufenpyramiden besäßen die Kraft, in der fast menschenleeren Küstenebene eine eigenständige Anlage zu bilden", sagt der einstige Kongresshallenleiter Richard Felices, der den Architekten und sein Team persönlich kannte. "Außerdem ermöglicht die Pyramidenform große Terrassen und sonnige Apartments."

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Balladur setzte auf weiß beschichteten Stahlbeton. Dazu inspirierte ihn die moderne Architektur von Oscar Niemeyers Bauten für die brasilianische Hauptstadt Brasília. "Dort hat er gelernt: Beton ist schön", erklärt Felices. Aber in La Grande Motte kommt die weiß strahlende Moderne nicht bauhäuslerisch streng daher, sondern verziert mit witzigen geometrischen Ornamenten: stilisierten Schnurrbärten, Bikinis oder tierischen Silhouetten. "Der runde Vorsprung der Balkone stellt die Nase von Charles de Gaulle dar", meint Felices.

Markenzeichen von La Grande Motte ist die Große Pyramide mit 300 Wohnungen. Ihr Umriss folgt den Konturen des Berges Pic Saint-Loup, dessen markante Spitze von der Küste aus erkennbar ist. Der Bau steht im östlichen "männlichen" Bezirk Levant, zu deutsch "Sonnenaufgang", dessen Pyramiden geradlinig gestaltet sind. Im "weiblichen" Stadtteil Couchant ("Sonnenuntergang") haben sie hingegen abgerundete Formen.

Felices ist begeistert von der Architektur: "Die Stadtteile sind wie Yin und Yang; beides braucht man zum Leben. Balladurs Symbole sprechen zu meinem Herzen", sagt er. "Ich wohne hier seit 25 Jahren und entdecke immer noch Neues."

Noch heute dient La Grande Motte als Vorbild: für eine grüne, weitgehend autofreie Stadt. Vor allem aber als Alternative zum industriellen Wohnungsbau, bei dem sich jeder Quadratmeter rechnen muss.

Weitere Informationen: www.lagrandemotte.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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