Kunstmarkt Viel Prestige

Putzige, pastellfarbene Baggerschaufeln und farblich passende Wände zogen Zuschauer bei der Art Berlin im vergangenen Jahr an. Zeitgenössische Kunst steht derzeit hoch im Kurs.

(Foto: Stefan Korte/Art Berlin)

Zeitgenössische Kunst wird oft zu Rekordpreisen gehandelt, doch sie ist kein Privileg der Reichen. Man findet auch erschwingliche Werke.

Von Astrid Mania

Da ist jemand richtig wütend. Eines seiner Werke sprengt alle Dimensionen, und so hat man dem Maler den ganz großen Auftritt verwehrt. Und das auf der Schau, zu der Hunderttausende in Paris strömen werden. Einen besseren Kontext, seine Kunst zu vermarkten, gibt es nicht. Also lässt der international gefragte Künstler einen Pavillon nur für sich und seine Werke bauen; auf die Unterstützung seines wichtigsten Sammlers, Sohn aus reichem Hause, kann er sich dabei verlassen.

Wir schreiben das Jahr 1855, und der ehrgeizige Maler heißt Gustave Courbet. Er hat die soziale Frage zum Gegenstand seiner Kunst gemacht und gewiss nicht vor, selbst zu darben. Der Kunstbetrieb im Paris jener Tage ist so etwas wie der historische Mikrokosmos heutiger Verhältnisse: Die Revolutionäre haben aus dem Louvre und den königlichen Sammlungen eines der ersten öffentlichen Kunstmuseen gemacht. Der Salon de Paris, die ehemals royale, später staatlich organisierte Kunstausstellung, zieht bei jeder Ausgabe zwischen einer halben und einer knappen Million Interessierte an - so viel wie eine Documenta heutzutage. Die neue Pariser Bürgerschaft definiert sich natürlich auch über Kunst und Kunstbesitz. Um die Aufmerksamkeit der Bürger ringen die Künstler, und in jenen Tagen ist der Salon ihr Marktplatz.

Im 21. Jahrhundert verfügt Paris mit der Fiac zwar noch immer über eine der ältesten Kunstmessen überhaupt, doch Frankreich ist heute nur noch ein kleiner Player auf dem globalen Markt der Kunst und Antiquitäten. Laut Kunstmarktbericht der Art Basel entfielen im Vorjahr 83 Prozent sämtlicher Verkäufe, gestaffelt nach Wert, auf die USA, China und Großbritannien. Der Anteil Deutschlands liegt demnach bei zwei Prozent. Heutzutage finden sich die Kunstmarktzentren an den Finanzplätzen dieser Welt. Vor allem in aufstrebenden Ökonomien wie China, den Emiraten oder Indien werden der neue Wohlstand und das neue Selbstbewusstsein - wieder - auch mit Kunst demonstriert. Da etwa Auktionsergebnisse öffentlich kommuniziert werden, setzt manche Sammlung mehr auf die Attraktion des Preises als der Kunst. Bei dem Wort Versteigerung sollte man also nicht nur an Teppiche oder Landschaftsidylle im Schnörkelrahmen denken. Der Auktionsmarkt hat sich als bedeutender Umschlagplatz für zeitgenössische Kunst aus zweiter Hand etabliert. Und die Jagd auf immer neue Rekordpreise nimmt kein Ende.

Die zeitgenössische Kunst ist noch aus anderen Gründen attraktiv. Sie bietet sich als Geldanlage an. Auch das hat Historie. Werke von anerkannten Künstlern, durch Ausstellungen in Museen und entsprechende Publikationen abgesichert, gelten als die Blue Chips auf dem Markt. Die Kunst der Gegenwart wird immer mehr zu einem Objekt der Spekulation, befeuert durch Null-Zinsen und eine Mentalität, die in nahezu allem ein Instrument zur Geldvermehrung sieht. Künstlerinnen und Künstlern werden dabei gezielt über die sozialen Medien gepusht. Nicht immer geht das gut. Wer aber gibt schon zu, dass er auf Werken sitzt, die im ungünstigsten Fall nur noch einen Bruchteil des gezahlten Geldes wert sind?

Ein weiterer Reiz des Kunstmarkts ist seine soziale Durchlässigkeit. Während etwa elitäre Clubs auf Bürgschaften oder anderen Ausschlussmechanismen beharren, reicht im Kunstbetrieb ein Koffer Geld, und schon öffnen sich die Türen zur exklusiven VIP-Bespaßung. Seit Film- und Popstars erkannt haben, dass sie vom Umgang mit Kunst profitieren und umgekehrt, hat beider Glamourfaktor ungeahnte Höhen erreicht - bis in die Königsklasse von Beyoncé und Jay-Z. So boomt alles, was deutlich über der Millionengrenze liegt.

Dass sich die allgemeine soziale und ökonomische Ungleichheit naturgemäß im Kunstmarkt spiegelt, stellt einen Großteil ihrer Akteure vor Probleme. Galerien, die über eine Heerschar von Angestellten verfügen, Produktionskosten für bombastische Projekte stemmen und ihre Kunden schon mal im Privatjet zu einer Ausstellung fliegen können, gibt es wenige. Doch solche Galerien können natürlich Museen oder einer Biennale finanziell etwa bei Transportkosten unter die Arme greifen, damit einer ihrer Künstler dort zu seiner - marktwertsteigernden - Ausstellung kommt. Solche Verquickungen sind kein Geheimnis. Sie sind die Folge kleiner Budgets öffentlicher Häuser und Events, gepaart mit Besucherzahlen-Druck durch die Politik. Aber auch Ausstellungsmacher lassen sich bisweilen vom Markt-Erfolg eines Künstlers blenden.

Große Galerien lassen Kunden schon mal per Privatjet zu einer Ausstellung fliegen

Die Situation der meisten Galerien indes sieht anders aus. Zeitgenössische Galerien vertreten meist eine bestimmte Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern, für die sie so etwas wie eine Agentur sind: Sie sind Anlaufstelle für Sammler und Kuratoren, und Künstler brauchen Sichtbarkeit. Wie will man sonst von ihrem Tun erfahren? Die Galerie behält üblicherweise 50 Prozent vom Verkaufspreis ein, wovon sie ihre Unkosten bestreitet. Aus Umfragen weiß man, dass in Deutschland die meisten Galerien so eben über die Runden kommen, vor allem jene, die mit inhaltlich oder formal anspruchsvoller Kunst handeln. Malerei ist nun einmal das mit Abstand erfolgreichste Medium am Markt.

Die Kunstmessen sind der Ort, an dem eine Galerie richtig viel Geld verdienen oder verlieren kann. Selbst wenn die meisten Großausstellungen immer Marktplätze waren - die Biennale von Venedig etwa wurde 1895 mit zu diesem Zweck gegründet - sind die Messen eine Erfindung jüngster Zeit. 1967 ging die Kölner Kunstmesse, heute Art Cologne, an den Start, 1970 die Art Basel. Heute lässt sich die Zahl der weltweiten Kunstmessen schwer schätzen, auch sie kommen und gehen pleite. Die Art Basel gilt als die Messe aller Messen, gemeinsam mit ihren Ablegern in Hong Kong und Miami. Eine Teilnahme dort kostet eine mittelständische Galerie gut und gern über 100 000 Euro. Noch dazu muss man sich bewerben, und ob man mitspielen darf, darüber entscheidet eine Kommission aus Kollegen. Klagen über mafiöse Strukturen werden natürlich nur hinter vorgehaltener Hand geäußert.

Je näher man dem Sockel dieser Nahrungspyramide kommt, umso ernüchternder werden die Zahlen und Fakten. Allein in Deutschland beginnen jährlich 5000 junge Menschen ein Studium der Kunst. Doch eine Galerievertretung wird für die meisten ein Traum bleiben - wenn sie das überhaupt wollen. Bei den männlichen Absolventen geht der Traum öfter in Erfüllung: Zwar sind Frauen an den Akademien in der Überzahl, in den Galerien dreht sich das Verhältnis jedoch um. Dass es Frauen auf dem Kunstmarkt schwerer haben, hat viele, vor allem historische Gründe. Natürlich ist die Kunstwelt vor strukturellem Sexismus keinesfalls gefeit. Nach wie vor erzielen Männer die höheren Preise, vor allem bei Auktionen. Gerhard Richter wird dort für Millionen gehandelt, der durchschnittliche deutsche Künstler verfügt über ein Jahreseinkommen von 11 662 Euro, seine Kollegin über klägliche 8 390 Euro, laut einer Studie des Instituts für Strategieentwicklung. Auch so sehen Realitäten im Kunstmarkt aus. Das heißt, positiv gewendet, dass man in diesem so disparaten Markt ein großes Segment an erschwinglicher Kunst finden kann. Und dass der Erwerb von Kunst somit nicht das Privileg der Superreichen ist.