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Kaukasus:Geist und Weingeist

Buchcover für die Literaturbeilage vom ET 9.10.2018

Constanze John: 40 Tage Georgien. Unterwegs von Tiflis bis ans Schwarze Meer. Dumont Reiseverlag, Ostfildern 2018. 412 Seiten, 14,99 Euro.

Constanze John besucht Künstler und Literaten in Georgien. Das endet fast immer in einem Festmahl mit viel Schnaps und Wein.

40 Tage. Da muss man zwangsläufig an Jesus in der Wüste denken oder zumindest ans Fasten. Wer nach Georgien fährt, wird allerdings schnell merken, dass dies kein Land für Asketen ist, denn wo man auch hinkommt, immer ist schon eine Tafel gedeckt, voll mit Köstlichkeiten und natürlich reichlich Schnaps und Wein.

So erging es auch Constanze John, die 40 Tage lang durch das Land im Kaukasus gereist ist. Zwei Konstanten ziehen sich durch das sonst recht frei assoziierende, nach Reisetagen geordnete Buch: hier die Kunst, vor allem Literatur und Film - dort die Supra, das traditionelle Festmahl, mit dem sich die Autorin sowohl praktisch als Gast sowie theoretisch und kulturgeschichtlich auseinandersetzt.

Supra, erfährt man, bedeutet nichts anderes als Tischtuch, es braucht nicht mal einen Tisch dazu. Wo man das Tuch ausbreiten kann, findet die Supra statt. John schreibt dazu eine schöne Geschichte auf, die ihr ein Ethnologe erzählt hat: Er habe zwei Männer beobachtet, die in einem Park an einem kleinen Tischchen saßen und nichts außer etwas Wodka und Trockenfisch dabei hatten. "Obwohl sie nur zu zweit waren, haben sie erst einmal einen Tischmeister gewählt, einen Tamada, der für das Ausbringen der Trinksprüche verantwortlich ist. Sie haben dann auch ihre weitere Unterhaltung nach Trinksprüchen strukturiert." Diese Tradition ist nach wie vor weit verbreitet in Georgien, das Trinken steht eindeutig im Vordergrund, auch wenn sich die Tafeln oft unter dem vielen Essen biegen. Die Toasts werden auf die Liebe, auf die Gastfreundschaft, manchmal auch auf Heilung von einer Krankheit, auf das Leben im Hier und Jetzt ausgebracht.

Und Gott sprach: Nehmt das schönste Land. Aber ich schicke euch Gäste - seid nett zu ihnen!

"Wir sind Gäste in dieser Welt der Minute / Wir vergehen und die Nächsten bleiben hier / Was wir miteinander tun, all diese freundlichen und angenehmen Dinge / das ist es doch, wofür wir leben, oder?" Zutisopeli heißt das alte Gedicht, "Minutenwelt", es ist den meisten Georgiern sehr geläufig, weil es eine innere Haltung widerspiegelt: den Augenblick nutzen, statt sich an Unwichtigem abzuarbeiten. Dazu erzählt John eine Legende, die man als Gast in Georgien sicher zu hören bekommt, selbst wenn man nie zu einer Supra eingeladen wird: Als Gott die Landschaften unter den Völkern verteilte, zogen es die Georgier und Armenier vor, zu feiern und zu singen, statt sich anzustellen. Am Ende war alles verteilt, die Armenier erhielten noch das Land der Steine, aber für die Georgier war nichts mehr da. Gott hatte aber ein Einsehen. Er gab ihnen das schönste Stückchen, das er eigentlich für sich als Alterssitz vorgesehen hatte. Mit folgender Auflage: "Ich werde euch immer wieder Gäste schicken. Seid freundlich zu ihnen, ganz egal, woher sie kommen und woran sie glauben."

Es sind derlei positive Stereotype, die John wiedergibt, Gastfreundlichkeit erfährt sie auch über die Maßen, da sie sich schon vor ihrer Reise ein Netzwerk an Literaten, Übersetzerinnen, Filmemachern aufgebaut hat, die sie dann im Land immer weiter empfehlen. Das gibt ihrer Reiseerzählung teils eine schöne Zufälligkeit, und man erfährt dadurch manches über die Lebenswelt georgischer Künstler im Jahr 2017. Doch gleichzeitig verliert sich John passagenweise in Nebensächlichkeiten, schildert Tagesabläufe und das Zustandekommen von Verabredungen, beschreibt Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten. Hier wäre statt einer chronologischen, Tag für Tag schildernden Struktur eine thematische Kapitelordnung für den Leser weniger ermüdend.

Über Armenien erschien von der Autorin ein ähnlich gestricktes Buch. Und in Georgien fällt ihr auf: "Während mich in Armenien Priester und der Glauben der Menschen in die Kultur eingeführt haben, sind es hier in Georgien vor allem die Künstler aller Art sowie Übersetzer." Sie schreibt nicht nur über lebende, sondern auch über längst tote Künstler, die Einfluss auf die Kultur des Landes haben - ob das nun der mittelalterliche Poet Rustaweli ist, der eine Art georgisches Nibelungenlied geschrieben hat, oder der Filmemacher Sergei Paradschanow - hier erfährt man viel über die Kultur eines postsowjetischen Landes, das sich nach den Turbulenzen der Wende stark nach Westen, nach Europa ausgerichtet hat. Kaum berichtet John aber über die aktuelle Politik, die voll von Skurrilitäten ist, fast nichts über die unerfreulichen Dinge, die sich in diesem Transitionsland zutragen.

John bewegt sich mit Marschrutkas fort, den Sammeltaxis, und sie übernachtet meist in Privatzimmern. Starke Reportageelemente sind in ihrem Buch aber selten, es ist eher eine Sammlung von Interviews, ihre meist gebildeten Gesprächspartner zitiert sie oft seitenlang. Das touristisch viel besuchte, auf 2200 Metern höchstgelegenen Dorf Uschguli in Swanetien erschließt sich John nicht über die faszinierende Bergwelt, sondern über eine junge Regisseurin, die dort oben den Sommer verbringt und einen Film über das Leben ihrer Großmutter gemacht hat. John erzählt ganze Szenen aus dem Film nach: Ahnenkult, Blutrache und aktueller Geisterglauben klingen darin an. Man kann es sich gut vorstellen, aber wirklich dabei war man nicht.

© SZ vom 09.10.2018
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