Frankreich Pappe im Sturm

Auf der Belle-Île im Süden der Bretagne kann man in einem Haus aus Karton übernachten. Das ist erstaunlich robust - und das ist gut, bei dieser Lage.

Von Karoline Meta Beisel

Wer einen Bretonen mit Klischees über das schlechte Wetter nervt, erhält bisweilen eine deutliche Antwort: Der Regen fällt nur auf die Dummen, und das in dicken Tropfen. Ja, das bretonische Klima ist feucht, auch hier auf der größten Insel der Bretagne, der Belle-Île im Süden, die tatsächlich so schön ist, wie der Name verspricht. So schön, dass selbst der Bürgermeister noch das Handy aus der Tasche zieht, um seine Insel zu fotografieren, wenn er mit der Fähre die 45-minütige Überfahrt aufs Festland nach Quiberon antritt. Wen stört da schon der Regen? Die Bretonen sind ja nicht aus Pappe. Aber, und das ist an einem Ort wie diesem dann doch erstaunlich, der Anbau am Haus von Alain und Nicole Lenoble, der ist es sehr wohl.

Die Belle-Île ist, neben der rauen bretonischen Landschaft, die Monet oft malte, vor allem für ihre Befestigungsanlagen bekannt. Sogar der Hauptort heißt so: "Le Palais", nach der sternförmigen Zitadelle des berühmten Baumeisters Vauban aus dem 17. Jahrhundert, die über der Hafeneinfahrt thront. Die zweitwichtigste Sehenswürdigkeit der Insel ist das kleine Fort an der Pointe des Poulains, der Nordspitze der Insel, das sich die Schauspielerin Sarah Bernhardt Ende des 19. Jahrhunderts zum Wohnhaus umbauen ließ, und das man heute besichtigen kann. Und ausgerechnet auf dieser Insel hat in dem Mini-Ort Borvran, nur ein paar Hundert Meter vom Meer entfernt, vor Kurzem ein Bed and Breakfast eröffnet - in Frankreich sagt man Chambre d'Hôtes -, in eben jenem Anbau, der aus Karton gebaut wurde. Die Lenobles interessierten sich schon lange für ökologisches Bauen, den Tipp mit der Pappe gab ihnen ein Freund.

Von Besuchern werde sie ständig gefragt: "Und das soll halten?", sagt Nicole Lenoble. Ihre Standard-Antwort: "Und wie das hält!" Nur ein paar Tage nach dem Bau im Herbst 2013, im Erdgeschoss fehlte noch das große Tor, habe ein Wintersturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 140 Kilometern pro Stunde auf der Insel gewütet. Das Haus rührte sich nicht. "Da wussten wir: Wenn es das aushält, hält es auch alles andere aus", sagt Lenoble. Der Anbau sei außerordentlich stabil, und Karton ein ausgezeichnetes Isolationsmaterial.

Tatsächlich: Auch nach einem heißen Tag bleibt es im Zimmer erstaunlich kühl. Und wenn eine Bö durch den Ort an der Südküste fegt, ächzt zwar das Gebälk des Haupthauses. Gäste hören das aber nur, wenn das Fenster offen steht - oder wenn sie nach der Nacht im Îlot Carton (Karton-Inselchen) auch noch eine im geräumigen Baumhaus verbringen, das Alain Lenoble im Garten gebaut hat.

Man sieht dem Bau nicht an, dass er aus Blöcken gepresster Pappe besteht, die in einer Behindertenwerkstatt auf dem Festland gefertigt wurden. Das Dach ist mit Schiefer gedeckt, wie es das strenge Bauordnungsrecht der Belle-Île vorschreibt, die Wände sind mit Holz verkleidet. Damit sich Gäste trotzdem vorstellen können, wo sie da eigentlich schlafen, hat die frühere Lehrerin ein Stück einer Kartonplatte, der beim Bau übrig geblieben ist, zu einem Hocker verarbeitet. Auch andere Möbel und die Dekoration in dem gemütlichen Zimmer unter dem Dach stammen aus ihrer Papierwerkstatt im Garten. Dass sogar die typischen Belle-Îloiser Spitzengardinen aus Papier gemacht sind, merkt man erst, wenn man sie anfasst.

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Und was wäre, wenn man hier aus Versehen ein Glas Wasser umstoßen würde?, fragt man bei dem vorzüglichen Bio-Frühstück mit Apfel-Ingwer-Rosmarin-Marmelade und selbst gebackenen, fettigen Galettes. "Dann ist es erst nass", sagt Nicole Lenoble, "und dann trocknet es wieder." So einfach kann das sein.

À l'îlot Carton, Borvran, F-56360 Locmaria, Belle-Île en mer, zwei Pers. im DZ ab 90 Euro pro Nacht (Frühstück inklusive), Tel.: 0033/297 31 73 37, www.alilotcarton.com