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Deutsche und ihr Aussichtsturm in Kanada:"Ein Turm war nie geplant"

Thousand Islands Tower

Ungewöhnlich: Die Notfalltreppe windet sich außen am Thousand Islands Tower empor.

(Foto: oh/Linckh)

Ein Düsseldorfer Ehepaar besitzt die Touristenattraktion Thousand Islands Skydeck an der Grenze zu den USA. Im Interview berichtet Konrad Linckh über sein neues Leben mit der Sehenswürdigkeit - und über Höhenangst.

Das Düsseldorfer Ehepaar Heidi und Konrad Linckh hat sich im April eine Sehenswürdigkeit gekauft. Nun leben die Auswanderer am Fuße eines mehr als 130 Meter hohen Aussichtsturms in der kanadischen Region Thousand Islands. Mehr als 20.000 Besucher blicken vom Skydeck aus jedes Jahr über den Sankt-Lorenz-Strom, der die Grenze zu den Vereinigten Staaten bildet. Doch es müssen noch mehr werden. Daher wollen die Deutschen auch Kanadier und Amerikaner für ihre Touristenattraktion als Besucher gewinnen, zum Beispiel zum US-Unabhängigkeitstag am 4. Juli: Die Aussichtsplattform bietet dann einen Blick auf das Feuerwerk - in Augenhöhe.

SZ.de: Wann waren Sie sich mit Ihrer Frau einig: Dieser Turm muss uns gehören?

Konrad Linckh: Ich hatte gesehen, dass der Aussichtsturm zum Verkauf stand und die Anzeige gleich meiner Frau gezeigt. Aber die meinte: "Unsinn, das ist völlig neben der Spur. Und wenn es schiefgeht, kauft uns den keiner wieder ab." Wir wollten uns damals selbständig machen und hatten schon einige Hotels, Campingplätze und sogar eine Sägemühle und ein Geschäft für Fensterläden angeschaut. Ein Turm war nie geplant. Dennoch wollte ich ihn mir mal ansehen.

Und was sahen Sie?

Einen Turm, der in den frühen 1960er-Jahren gebaut wurde, und zwar sehr solide. Der steht noch ewig da. Der Vorbesitzer hatte 28 Jahre lang seinen Spaß damit, nun wollte er mit 84 Jahren in Rente gehen. In einem der zugehörigen Gebäude fanden wir Überreste einer Ausstellung von den Turmerbauern, die das Leben der Ureinwohner zeigen wollten. Da stehen Styropor-Iglus, ausgestopfte Huskys und Kanus aus Robbenfell. Bei uns sieht es aus wie in einer Geisterbahn.

Da möchte man doch gleich zugreifen ...

Wenn Sie die Aussicht von den drei Plattformen sehen, verstehen Sie uns! Außerdem ist die Region Thousand Islands das Grenzgebiet zu den USA. Auf der Straße neben uns fahren jährlich 800.000 Autos, aber nur ein Bruchteil hält bisher. Das wollen wir natürlich ändern - nicht nur mit einem neuen Schild am Highway, auch mit Aktionen wie Weinverkostungen. Der Vorbesitzer kam uns mit dem Preis entgegen, weil er wollte, dass der Turm als Touristenattraktion erhalten bleibt. Und nicht zum Privatquartier oder zum Gebetsturm einer islamischen Gemeinde wird. Also haben wir uns nach einer Woche Durchrechnen unseren eigenen Arbeitsplatz gekauft - fünf Wochen vor Saisonstart. Immerhin fehlte uns da die Zeit, uns Gedanken um das "Was wäre, wenn ...?" zu machen. Auch jetzt in der Winterpause gibt es so viel zu tun, wir bauen zum Beispiel die Lagerhalle in ein Wohnhaus um.

Thousand Islands Tower

Blick vom Skydeck: ein paar der tausend Inseln im Sonnenuntergang.

(Foto: oh/Linckh)

Wo wohnen Sie denn jetzt?

Früher hatte die Anlage ein Restaurant, da campieren wir jetzt im Gastraum, mit Regalen als Raumteiler, und kochen in der Großküche. Ein Gefühl wie in der Jugendherberge.

Dafür entschädigt Sie die tägliche Aussicht über den Sankt-Lorenz-Strom?

Jeden Tag schaffe ich es leider nicht hoch. Wenn ich auf dem Deck die Geographie und Geschichte erkläre, dann schon - das macht richtig Spaß. Aber meist übernimmt das eine Mitarbeiterin. Neben dem Souvenirladen und dem Ticketverkauf betreiben wir eine Wechselstube. Und dann bin ich auch noch der Hausmeister. Wenn das Klo verstopft ist, Regen hereintropft oder der Rasen zu mähen ist, flitze ich los.

Müssen Sie auch die spektakuläre Treppe streichen, die außen am Turm hochführt?

Unsere Notfall-Treppe? Zum Glück nicht, das hat vor Jahren eine Firma übernommen. Ich bin nur ein Mal ein Drittel hoch gestiegen, dann war ich sowieso aus der Puste. Aber sportliche Kunden fragen immer wieder mal nach, deshalb wollen wir im nächsten Jahr einen Wohltätigkeitslauf auf der Treppe organisieren. Im normalen Betrieb ist die Wendeltreppe aber gesperrt. Sonst müssten wir ständig Leute dort herunterholen, die nicht mehr weiterkönnen oder plötzlich Höhenangst bekommen.

Ein Gefühl, das Ihnen wahrscheinlich fremd ist?

Nun, sagen wir so, ich hatte als Kind großen Respekt vor Höhen. Aber heute kann ich ganz gut damit leben. Die Treppe möchte ich trotzdem nicht jeden Tag hochgehen müssen. Von unseren Besuchern haben die wenigsten Probleme mit Höhenangst, schließlich ist das erste Deck verglast und die beiden Plattformen darüber haben brusthohe Geländer. Aber wer plötzlich feststellt, dass er nicht damit klarkommt, 120 Meter über dem Boden zu stehen, bekommt sein Geld zurück. Er hatte ja nichts davon.

Thousand Islands Tower

Hoch genug: Bei dieser Brüstung müsste eigentlich niemand Angst vor der Tiefe haben.

(Foto: oh/Linckh)

Nach einem halben Jahr als Besitzer einer Sehenswürdigkeit: Was haben Sie über Touristen gelernt?

Manche Klischees sind recht nahe an der Realität. Aber das hilft uns dabei, dass sich unsere Gäste wohlfühlen. Asiatische Großfamilien zum Beispiel wollen Spaß wie auf einem Kindergeburtstag. Die frage ich während der Aufzugfahrt, die 40 Sekunden dauert, ob ich das Licht ausmachen soll. Das ist ein Riesenknaller, sie jauchzen und johlen im Dunkeln. Der europäische Individualreisende hingegen möchte auf dem Aussichtsdeck gar nicht unbedingt angesprochen werden, ihm reichen die Infotafeln. Er genießt lieber alleine für sich.

Informationen:

Der Turm mit dem Thousand Islands Skydeck steht östlich des Ontario Sees, fast direkt an der Grenze zu den USA am Highway 137 auf Hill Island, südlich von Landsdowne. Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage von Konrad und Heidi Linckh; näheres zur Region der Tausend Inseln unter visit.1000islands.com

© SZ.de/cag/rus/leja
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