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Ausstellung:Kofferkunst

Im Wiener Museum MAK wächst Moos aus Trolleys: ein Kommentar zum Stillstand des Reisens und ein Denkanstoß.

Von Evelyn Pschak

Die Idee, Koffer als Träger für ihre Kunst zu nutzen, sei ihr beim Hausputz gekommen, erklärt Sophie Gogl. Wie viele andere auch, sagt die 27-Jährige, habe sie in der Corona-Zeit begonnen, daheim so richtig auszumisten. Und dabei wurde ihr erst der Umfang ihrer Sammlung an Gepäckstücken bewusst. "Es war absurd, wie viel Platz die einnahmen", sagt sie, "vor allem angesichts der Tatsache, dass man sie nun auf unbestimmte Zeit zu verwahren hat, ohne sie nutzen zu können."

Die Ausstellung „Storno“ ist zu sehen im Wiener Museum für angewandte Kunst. Die raumgreifenden Installation erweckt den Anschein, dass man sich in einem verlassenen Flughafenterminal befindet.

Die gebürtige Tirolerin konnte sie dann aber doch gebrauchen - für ihre Ausstellung "Storno" im Wiener Museum für angewandte Kunst. Gogl erweckt mit ihrer raumfüllenden Kunstinstallation den Anschein, dass man sich in einem verlassenen Flughafenterminal befindet. Ein fingierter Metalldetektor, von künstlichen Schlingpflanzen überwuchert, erinnert den touristisch versierten Museumsbesucher an das einstige Flugabfertigungsprozedere - lästige Mühen, die man nun schon fast vermisst. Herrenlose Trolleys komplettieren das surreale Szenario, die Rollkoffer sind moosbewachsen oder von Pilzen überwuchert, aus manch geöffnetem Koffer schießen immergrüne Plastikfarne.

Während Corona habe sie daheim ausgemistet, sagt Sophie Gogl. Dabei stieß die 27-Jährige auf unbenutzte Koffer.

(Foto: Neven Allgeier)

Wo kommen die Reisenden hin? Ach ja, richtig, nirgendwohin. Alles ein Fake, und man muss die Bordkarte gar nicht erst suchen. Ein pinkfarbener, halb in Erde vergrabener Bikini erzählt von früheren, sorglosen Zeiten, als Handgepäckstücke ihren Besitzern noch Spontanität und schnelles Auschecken suggerierten. Jetzt, im Kontext der Ausstellung, möchte Sophie Gogl sie verstanden wissen als Mahnmal für klimafreundliches Reisen und als "Hommage an eine temporäre Ära des Stillstands", wie es im Begleittext heißt. Die schwarze Erde, so erklärt die Künstlerin, habe mehrmals stark erhitzt werden müssen, bevor sie in die Koffer durfte; so sind die Vorschriften des Museums. Kein organisches Material darf in die Räume.

Künstliche Pflanzen, Erde, in der nichts anders mehr wächst: ein surreales Szenario.

(Foto: Aslan Kudrnofsky)

Es gehe ihr nicht darum, den Menschen erklären zu wollen, dass sie letztlich ohne Reisen glücklicher seien, sagt die Österreicherin. Doch sei die Gesellschaft an einem Punkt angekommen, an dem sich "vieles erschöpft" anfühle: "die Umwelt, unser System, die Globalisierung". Ganz zu schweigen von den Exzessen der Selbstdarstellung: "Ich habe viele Freunde, die Urlaub als Hobby betreiben. Die hängen daheim täglich sieben Stunden auf Instagram rum - und tun das Gleiche auf den Kanaren. Da ist es also im Prinzip egal, wo du bist." Sie selbst sei 2017 das letzte Mal geflogen, fühle sich aber sowieso daheim am wenigsten gestresst. Am ärgsten findet sie die Warteschlangen hinauf zum Mount Everest, wo man sich dann ein Erlebnis kaufe: "den höchsten Punkt der Welt für fünf Minuten".

Als Gogl die Ausstellung vorbereitete, war gar nicht sicher, ob diese überhaupt irgendjemand sehen würde. Doch derzeit sind die Museen geöffnet, und Gogl ist als eine von fünf aufeinanderfolgenden Absolventen der Wiener Universität für angewandte Kunst mit einer Einzelschau in der Ausstellungsreihe Creative Climate Care im MAK zu sehen. Sie hofft, dass ihr Appell gehört wird: "Das Reisen, so wie es vor Covid betrieben wurde, hätte ein Update nötig." Und die Kunst ermögliche einen neuen Blick: "Ausstellungen sind wie ein kleiner Urlaub aus dem Alltag." Und selbst, wenn sie "zach", also nicht so gut seien, ermöglichten sie dem Betrachter einen kleinen Aufbruch: "Dann steht man immerhin schon mal an der Bushaltestelle." Das ist doch ein schöner Gedanke. Und zum Busfahren, da braucht man nicht mal einen Koffer.

Sophie Gogl. Storno, MAK - Museum für angewandte Kunst, Stubenring 5, 1010 Wien, bis 23. August, mak.at

© SZ vom 30.07.2020

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