Archäologie Schätze in der Tiefe

Im Untergrund der Stadt Trient erstrecken sich Reste des antiken Tridentum, das gute Einblicke ins Leben der Römer gibt - inklusive Weinflaschen, Austernschalen und einem Ferkelgerippe.

Von Stephanie Schmidt

Ein Karree, das von kargen Hausfassaden in matten Ocker-, Grau- und Beigetönen begrenzt wird - viel nüchterner kann ein öffentlicher Platz kaum aussehen. Aber so hielt man es eben zur Zeit der Diktatur in Italien: Die Piazza Cesare Battisti in der Altstadt von Trient, der Hauptstadt des Trentino, stammt aus dem Jahr 1938. Sie erinnert heute an den Trentiner Sozialisten Cesare Battisti, der im Ersten Weltkrieg für den Anschluss des einst zu Tirol gehörenden Trentino an Italien kämpfte und von den Österreichern hingerichtet wurde. Die Piazza ist aber auch der Ausgangspunkt für eine Zeitreise, die nicht nur ein paar Dekaden, sondern 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit führt: Wer die Treppe neben dem Caffè Città ein paar Meter hinabsteigt, taucht ein ins Römische Reich, das sich unter der Altstadt von Trento - so heißt die Stadt auf Italienisch - versteckt. Eine schlichte Informationstafel weist oben auf den wichtigsten Teil des Projekts "Tridentum. Die unterirdische Stadt" hin. Dabei handelt es sich um ein archäologisches Netzwerk, das aus vier Stationen besteht.

Wären da nicht die Schulkinder, die wie ein Schwarm Vögel um den Eingang des Museums S.A.S.S. herumschwirren, dann könnte man den Eingang zu dieser 1700 Quadratmeter großen Ausgrabungsstätte leicht übersehen. Das Akronym steht für Spazio Archeologico Sotteraneo del Sas. Das Viertel, in dem sich das Museum befindet, heißt Sas. Das unterirdische Areal setzt sich aus den Überresten öffentlicher und privater Gebäude, von Höfen und Handwerksläden zusammen. Dazu gehören auch ein langes Stück der östlichen Stadtmauer von Tridentum und ein Abschnitt einer fünf Meter breiten gepflasterten Straße sowie die Reste eines römischen Aquädukts aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. Als "splendidum municipium" bezeichnete Kaiser Claudius im Jahr 46 nach Christus Tridentum. Da die Siedlung nach zwei Jahrtausenden viel von diesem Glanz eingebüßt hat, ist eine Führung hilfreich, bei der Besucher einen Einblick in die Lebenswelt und Baukunst der Römer bekommen. "Hier sieht man, wie sie Ziegel so zwischen die Steine eingebaut haben, dass eine stabile Stadtmauer entstand", sagt die Stadtführerin Carmen Picciani. Sie erklärt auch das Kanalisationssystem der Römer und weist auf Spuren von Wagenrädern hin. Die Römer hatten mehrere Arten von Lastkarren und Reisekutschen in Betrieb. In einem Schaukasten liegt das gut erhaltene Skelett eines römischen Ferkels. "Es muss in die Kanalisation gefallen sein", meint Picciani. Zur Führung gehört aber auch ein Besuch der Werkstätten des Museums. So entdeckte man zum Beispiel die Reste einer Glaserei aus dem sechsten Jahrhundert nach Christus. Diejenigen, die dort aktiv waren, würde man heute Recyclingkünstler nennen. "Man weiß, dass sie altes Glas gesammelt und miteinander verschmolzen haben", berichtet Cristina Bassi, die als Archäologin für die Autonome Provinz Trient tätig ist.

Ein 3-D-Film zeigt, wie Tridentum, die Siedlung, mit der die Geschichte der Stadt ihren Anfang nahm, zur Zeit ihrer Entstehung im ersten Jahrhundert vor Christus aussah. Die Römer errichteten sie, weil sie einen Standort brauchten, um das Etschtal kontrollieren zu können, das schon damals die Hauptverbindungsachse zwischen Mitteleuropa und dem Mittelmeerraum bildete. Die Strukturen unterhalb der Altstadt, die teils mit Kellern mittelalterlicher Häuser verwoben sind, wurden zwischen 1990 und 2000 bei der Renovierung des Teatro Sociale entdeckt. Im Foyer des aus dem frühen 19. Jahrhundert stammenden Theaters blickt man über ein Sichtfenster hinunter auf Mosaiken des S.A.S.S.

Die dort ausgestellten Arbeiten sind teils nur in Bruchstücken erhalten. Akribische Forscher brachten dennoch interessante Erkenntnisse zutage: So konnte man zum Beispiel ein Mosaik des Wassergottes Oceanus rekonstruieren. Aus seinem Kopfhaar und Bart ragen Krebsscheren heraus. "Höchstwahrscheinlich war der Auftraggeber kein Einheimischer aus Tridentum, sondern stammte aus Süditalien oder Nordafrika. Dort huldigte man solchen Wassergöttern", erläutert Cristina Bassi.

Das S.A.S.S., in dem auch Funde aus den nahegelegenen Städten Rovereto und Riva del Garda ausgestellt werden, gewährt im Rahmen der Sonderausstellung "Austern und Wein - in der Küche mit den alten Römern" Einblicke in römische Koch- und Essgewohnheiten. Man kann hier originale Austernschalen aus der Antike besichtigen. Oder riesige Pfannen aus Kupfer und Tonerde, die auf den Grill gestellt wurden. In Vitrinen stehen neben Tongefäßen auch Glasflaschen für Öl und Wein. "Glas besaßen nur die wohlhabenden Familien", sagt Stadtführerin Picciani. "Den Wein hat man verdünnt getrunken. Man würzte ihn auch mit Honig oder Nelken."

Im Museum geht es allerdings nicht allein um das Römische Reich, dort werden auch Wechselausstellungen gezeigt, derzeit zum Beispiel eine Fotoausstellung über Amazonien. Und einige Aufsteller mit Fotografien weisen auf das Schicksal von 600 Einwohnern des Viertels Sas hin: Als die Piazza Cesare Battisti errichtet wurde, vertrieben die faschistischen Machthaber die Menschen.

"Facciamo un giro di Sas" - "drehen wir im Sas eine Runde", das ist eine beliebte Redensart bei Einheimischen. Ein Spaziergang durch die Altstadt bietet sich auch für Besucher des Museums an - es ist sinnvoll, frische Luft zu schnappen, bevor man die zweite, ebenfalls unterirdische Station des Archäologie-Spaziergangs in Angriff nimmt - den Besuch des Palazzo Lodron. Renaissance-Palazzi, Laubengänge und verschiedenartige schmiedeeiserne Balkone prägen die Altstadt. 117 000 Einwohner zählt Trient - darunter etliche Studenten. Sie schätzen offenbar die kulinarische Vielfalt. In der Altstadt gibt es jedenfalls viele individuelle Lokale. Und neben großen Modeketten auch kleine Einzelhandelsgeschäfte, etwa eines mit Kupferwaren oder einen Laden, der allerlei Gerätschaften verkauft, die benötigt werden, um Pasta selbst herzustellen. Als Alternative zum Altstadtbummel bietet sich ein Spaziergang zum Garten des Landesmuseums Castello del Buonconsiglio an, dessen älteste Bauten aus dem 13. Jahrhundert stammen. Unbedingt sehenswert ist der "Zyklus der Monate" im Adlerturm des Kastells. Das Meisterwerk der Gotik lässt das höfische Leben im ausklingenden Mittelalter lebendig werden.

Info

Anreise: Mit dem Zug ohne Umsteigen aus Deutschland bis Trient, www.bahn.de, oder mit dem Auto über die Brennerautobahn bis zur Ausfahrt Trento.

Übernachtung: Hotel America, Doppelzimmer 90 bis 140 Euro mit Frühstück; www.hotelamerica.it

Gastronomie: Zum Ausflug in die Antike passt ein Mittagessen mit Teroldego-Rotwein-Risotto im Restaurant Scrigno del Duomo. Danach lohnt ein Blick in dessen Gewölbekeller mit römischen und mittelalterlichen Gemäuern, www.scrignodelduomo.com

Tridentum: Die Ausgrabungsstätte S.A.S.S. ist täglich außer montags geöffnet. Die Sonderausstellung zur römischen Küche läuft noch bis 31. Mai, www.cultura.trentino.it/Temi/Archeologia

Allgemeine Informationen: www.visittrentino.info

In der kleinen Ausgrabungsstätte an der Piazza Lodron 31 gehen verschiedene Epochen eine außergewöhnliche Allianz ein: Sie umfasst eine Fläche von circa 200 Quadratmetern und befindet sich im Keller eines mittelalterlichen Palastes. Der Besuch lohnt sich schon allein deshalb, weil man von dort den darüberliegenden historischen Arkadenhof so schön durch ein Panoramafenster überblicken kann. Auch im Palazzo Lodron lässt sich ein Stück römische Straße besichtigen, ein Abschnitt Stadtmauer - und die Überreste eines römischen Weinladens. "Sehen Sie diese Vertiefungen? Darin befanden sich einst die Weinfässer", sagt die Archäologin Cristina Bassi. Dort steht auch die Kopie eines Grabsteins für den aus Tridentum stammenden Weinhändler Publius Tenatius Essimnus. Das Original wurde in Passau gefunden, wo der Händler höchstwahrscheinlich einen Teil seines Lebens verbrachte. Auch die beiden weiteren Stationen des Archäologie-Spaziergangs sind von dort in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar - die Porta Veronensis im Diözesanmuseum und die Basilica Paleocristiana, die vom Inneren des Doms aus zugänglich ist.

Womöglich wird die Archäologie-Tour eines Tages erweitert. An Schätzen mangelt es jedenfalls nicht: "Erst vor Kurzem haben wir im Zentrum der Altstadt Gräber aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert nach Christus gefunden", verrät Bassi. Außerdem berichtet sie vom Fund eines "schönen Bodens mit Mosaiksteinen in vielen Farben". Wann wird die Öffentlichkeit diese Funde zu sehen bekommen? Das sei ungewiss, sagt die Wissenschaftlerin. "Mit der Archäologie ist es in Italien nicht einfach. Es gibt zu wenig Geld dafür."