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Zwickauer Neonazis:Carsten S. - Kontaktmann zum Terrortrio

Er hatte sich früh das Vertrauen der heimlichen Größen des rechten Untergrunds erdienert: Als einziger der inhaftierten Terrorverdächtigen packt Carsten S. aus, gesteht, der Zwickauer Zelle ihre wichtigste Tatwaffe geliefert zu haben. Sein Fall ist kompliziert: Ahnte er wirklich nicht, was die Jenaer Bombenbauer mit der Waffe vorhatten?

Hans Leyendecker

Der Vermerk des Bundesamtes für Verfassungsschutz vom 8. Dezember vergangenen Jahres wurde, wie es sich für einen ordentlichen Geheimdienst gehört, als "vertraulich" eingestuft. Unter der Betreffzeile steht "Erkenntniszusammenstellung zu Carsten S." Auf zehn Seiten dokumentieren die Verfassungsschützer mit vielen Belegstellen, dass der Anfang Februar 1980 in Delhi geborene Carsten S. für einige Zeit der wichtigste Kontaktmann der rechtsradikalen Szene zu den Ende Januar 1998 untergetauchten späteren Zwickauer Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gewesen sei.

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Carsten S. auf seinem Weg zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe: Er wird der Beihilfe zum Mord verdächtigt.

(Foto: dapd)

Eine solche Aufstellung zu einer einzigen Person ist auch in einem sehr umfangreichen Verfahren ungewöhnlich. So einer muss schon eine zentrale Rolle gespielt haben. Strafverfolger der Bundesanwaltschaft, Fahnder der Ermittlungseinheit "Trio" und auch ein Kapitän des Amtes für den Militärischen Abschirmdienst (MAD) studierten das Dokument, aber die strafrechtlichen Vorwürfe waren verjährt.

Ende 2000 war Carsten S. laut Vermerk aus der Szene ausgestiegen. Am 25. Januar 2012 gab es dann wieder mal Durchsuchungen in der Szene. Tags darauf wurde ein Zeuge vernommen, der, nach einigem Zögern, über eine Waffe redete, die 1999 von der Zelle bestellt worden sei. Eine Pistole mit Schalldämpfer. Carsten S. habe die Waffe bei ihm abgeholt.

Am 1. Februar wurde Carsten S. in Düsseldorf festgenommen und nach Karlsruhe geflogen. Er ist der dreizehnte Verdächtige in dem monströsen Verfahren und er machte etwas, das zuvor noch niemand gemacht hatte. Schon beim Haftrichter packte er umfangreich aus. Er habe der Bande früh eine Handfeuerwaffe mit Schalldämpfer geliefert, bestätigte er. Das Fabrikat kenne er nicht, aber ganz sicher sei ein Schalldämpfer dabei gewesen.

Die Beamten der Bundesanwaltschaft waren elektrisiert. Zwanzig Waffen hatten die Terroristen in ihrem Arsenal, aber nur eine hatte einen Schalldämpfer: Das war die Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65 Millimeter, mit der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zwischen September 2000 und April 2006 neun Migranten ermordet haben. Die Waffe der Waffen. Sie kam aus der Schweiz in das kriminelle Milieu in Deutschland und landete dann bei Rechtsextremisten. Auf Ceska-Fotos erkannte Carsten S. das Modell.

2500 Mark für die Lieferung der Pistole

Zweimal ist er seitdem von einem Bundesanwalt vernommen worden. Der mittlerweile wegen Beihilfe zu den Morden verdächtige Carsten S. macht reinen Tisch. Ja, er sei zwischen Herbst 1998 und August 2000 der Kontaktmann zwischen dem späteren NPD-Funktionär Ralf Wohlleben und dem Trio gewesen. Ja, das Geld für die Ceska, rund 2500 Mark, habe er von Wohlleben erhalten. Er könne nicht mehr genau sagen, wann er Böhnhardt die Waffe gegeben habe. Wahrscheinlich sei die Übergabe Ende 1999 erfolgt. Er habe aber nicht gewusst, dass das Trio Straftaten geplant habe.

Der Fall des Carsten S. ist ein komplizierter Fall. Hat er wirklich nicht ahnen können, was die Jenaer Bombenbauer mit einer Waffe machen wollten? Seit 1996 wurde in der Thüringer Szene über den bewaffneten Kampf schwadroniert und auch darüber, dass die "Schmelztiegel" in den Metropolen bekämpft werden müssten.

Gewaltakte gegen Farbige, die "Nigger" genannt wurden und gegen Türken, die alle "Ali" hießen, waren in der Szene geradezu systemimmanent: "Er plündert, raubt und wird dann frech, doch heut noch stirbt er so ein Pech" stand auf einem Pamphlet, das die Kameraden Böhnhardt und Mundlos, zu denen Carsten S. Kontakt hielt, früh in der Szene verbreitet hatten. Und den braunen Terror gab es schon bevor die Terrorvereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" von dem Trio gegründet wurde.

Der gelernte Kfz-Lackierer Carsten S. war früh mittendrin. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes war er ein führendes Mitglied der Sektion Jena des "Thüringer Heimatschutzes". Seit Frühjahr 1999 war er Mitglied des NPD-Kreisverbandes Jena und er soll im Juni 1999 bereits Vorsitzender des Kreisverbandes gewesen sein. Von Oktober 1999 an war er Stützpunktleiter der Jungen Nationaldemokraten Jena und Landesvertreter der Jungen Nationaldemokraten im Bundesvorstand der Partei.

Es war kein Zufall, dass er der Kontaktmann zu dem Trio war. Leute wie Wohlleben und die Größen der militanten Blood-and-Honour-Szene in Thüringen waren umschwirrt von Agenten und Spitzeln. Auf einem älteren Funktelefon fanden die Ermittler im November 2011 eine Nachricht an das Trio vom 15. September 2000: "Mir ist es zur Zeit nicht möglich, mit euch zu sprechen wegen NPD-, wegen Blood-and-Honour-und bald Thüringer-Heimatschutz-Verbot. Ich gehe davon aus, dass ich überwacht werde! Meld mich! Ralf."

Warum stieg Carsten S. 2000 aus?

Die Ermittler sind sich sicher, dass diese Botschaft von Ralf Wohlleben stammte, der Carsten S. zwischengeschaltet hatte. Der damals noch sehr junge Carsten S. galt als nicht belastet. Und er hatte sich das Vertrauen der heimlichen Größen des rechten Untergrunds erdienert.

Ende 2000 brach der junge homosexuelle Mann dann die meisten Beziehungen in die Neonazi-Szene ab und hielt nur noch ein paar private Kontakte. 2003 zog er zu seiner Schwester ins Rheinland, begann ein Studium der Sozialpädagogik, engagierte sich im Schwulenreferat der Düsseldorfer Fachhochschule und arbeitete auch in der Düsseldorfer Aidshilfe. Er sprach nach der Einstellung zwar manchmal über seine rechte Vergangenheit, aber die Ceska kam in der Beschreibung seiner Biographie nie vor.

Warum er im Jahr 2000 wirklich ausgestiegen ist, ob er bei den ostdeutschen Neonazis sein Coming-out hatte und danach auf Ablehnung stieß, ist unklar.

Das Leben ist auch ganz rechts oft bizarr: Zu den Verdächtigen im Terror-Fall gehört eine Mandy S., die dem Trio beim Untertauchen behilflich gewesen ist. Sie arbeitete in der rechtsextremistischen "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" und kümmerte sich um einen Gefangenen, der zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden war. Der frühere Skinhead hatte 1995 in Amberg gemeinsam mit einem Kumpanen einen homosexuellen Busfahrer mit Stiefeln getreten und in die Vils geworfen. Der Fahrer ertrank.

© SZ vom 25.02.2012/hai

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