bedeckt München 20°

Zwei Jahre NSU-Prozess:Taten statt Worte

  • Das zweite Jahr im Prozess gegen die rechtsradikale Terrorgruppe NSU ist am Mittwoch zu Ende gegangen.
  • Der Beisitzende Richter Peter Lang verlas ein Schriftstück, das 1998 bei Beate Zschäpe in der Garage in Jena gefunden worden war und eine Anleitung für den bewaffneten Kampf im Untergrund darstellt.
  • Außerdem finden sich in der Kampfschrift Anweisungen, wie man sich in der Gesellschaft unauffällig verhält und "Zellen" bildet.

Von Annette Ramelsberger

Das zweite Jahr im Prozess gegen die rechtsradikale Terrorgruppe NSU ist am Mittwoch zu Ende gegangen - und gerade dieser letzte Tag in diesem Jahr hat wieder einmal deutlich gemacht, welches Gedankengut die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und ihre beiden Gefährten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vertraten. Eine Gedankenwelt, die manchmal in den vielen Mosaiksteinen der Beweisaufnahme fast untergeht.

"Sonnenbanner" heißt die Kampfschrift, die 1998 in der Garage von Beate Zschäpe in Jena gefunden wurde. Sie ist quasi eine Anleitung für den bewaffneten Kampf im Untergrund. Und zwar genau in der Ausprägung, wie ihn der NSU betrieb. Der Beisitzende Richter Peter Lang verlas das Schriftstück, das verziert ist von gezeichneten Adlern, Fäusten und Stiefeln.

Ein "Karl Ketzer" schrieb dort, es sei einfach für die Polizei, Skinheads an ihrem Aussehen zu erkennen. "Also Verzicht auf B-Jacken, Springerstiefel, Braunhemden oder Ähnliches. Überlege auch, ob es nicht günstig ist, Deinen Haarschnitt zu ändern. Streng gescheitelt oder mit frisch rasierter Glatze fällst Du automatisch auf. Wichtig ist nicht Dein Äußeres, sondern Dein Inneres. Einen gefestigten Menschen erkennt man nur an seinen Taten."

"Bildet Zellen"

Und dann kommen die Anweisungen: "Passe Dich also in Deinem Erscheinungsbild dem Normalbürger vollkommen an. Vermeide Äußerungen zur Ausländerfrage, zum Holocaust oder ähnlichen Themen. Konzentriere Dich in der Öffentlichkeit hauptsächlich auf die sozialen Missstände. Prangere die viel zu hohe Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Umweltverschmutzung und Sauereien durch amtierende Politiker an. Das ist viel wirkungsvoller und absolut legal!" Und dann noch der Hinweis: "Bildet Zellen."

So eine Zelle bildete wie nach dem Rezeptbuch des "Sonnenbanners" der NSU: Äußerlich angepasst, unauffällig, keiner der drei propagierte nach dem Untertauchen im Untergrund Ausländerhass. Zeugen berichten, dass sich die drei ganz normal kleideten und die Männer auch ihre Haare wachsen ließen. Aber der NSU nahm sich zum Wahlspruch: Taten statt Worte. Die Gruppe soll zehn Menschen ermordet haben.

Das Jahr 2014 war im NSU-Prozess von Mühe gezeichnet: der Mühe, all die losen Enden zusammenzubinden, Mosaiksteine in ein sehr braunes Bild zu setzen. Im ersten Halbjahr traten noch Angehörige von Getöteten als Zeugen auf, sowie eine Polizistin und eine Ärztin, die Anschläge des NSU schwer verletzt überlebt haben. In den letzten Monaten bestimmten Zeugen das Bild, die in erster Linie schwiegen - aus eiserner Solidarität zur rechtsradikalen Szene. Es waren mühevolle Tage.

NSU Prozess - Nürnberger Kneipe

Im Nürnberger Lokal Sonnenschein explodierte 1999 eine Rohrbombe.

(Foto: Timm Schamberger/dpa)

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite