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Zuwanderung:Zusammen leben

Die meisten Deutschen sehen den Alltag mit Migranten positiv. Doch es gibt auch Vorbehalte - vor allem bei denen, die am wenigsten Kontakte zu Migranten haben, wie das aktuelle Integrationsbarometer ergab.

Es mag überraschen in diesen Tagen, in denen die Migration so kontroverse Debatten provoziert, doch das Zusammenleben zwischen Deutschen und Einwanderern wird von beiden Seiten überwiegend positiv wahrgenommen. Das hat eine repräsentative Befragung des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) ergeben. "Unsere neueste empirische Erhebung zeigt, dass die Alltagserfahrungen hinsichtlich des Zusammenlebens und der Integration besser sind, als dieser Diskurs insgesamt erwarten lässt", sagte Thomas Bauer, Vorsitzender des SVR, bei der Vorstellung des Integrationsbarometers in Berlin am Montag. Vorbehalte gegen Zuwanderung gab es demnach vor allem bei jenen, die am wenigsten Kontakte zu Migranten haben.

Der SVR befragte knapp 9300 Personen zu Bildung, Arbeitsmarkt und sozialen Beziehungen. Rund 70 Prozent der Befragten haben einen Migrationshintergrund, die Auswertung wurde jedoch so gewichtet, dass das Verhältnis der Zuwanderer dem in der Bevölkerung entspricht. Zu den Fragen gehörten: "Wie häufig haben Sie Kontakt zu Personen mit Migrationshintergrund?" Sowie: "Würden Sie Ihr Kind an einer Schule mit hohem Migrantenanteil anmelden?" Der daraus abgeleitete Integrationsklimaindex, eine Art Stimmungsmesser, lag bei den verschiedenen Gruppen zwischen 64 und 70 Punkten auf einer Skala von null bis 100, wobei alle Werte über 50 eine tendenziell positive und alle darunter eine tendenziell negative Wahrnehmung der Integration abbildeten.

Besonders pessimistisch waren Ostdeutsche, die keinen Kontakt zu Migranten haben

Im Vergleich zur vorangegangenen Befragung im Jahr 2015 hat sich das Integrationsklima bei Befragten ohne Migrationshintergrund minimal, nämlich um 1,6 Punkte, verschlechtert. Dafür haben vor allem Bürger aus den östlichen Bundesländern und Männer gesorgt. Besonders pessimistisch waren Ostdeutsche, die keinen Kontakt zu Migranten haben. Bei ihnen lag der Index bei 46,5 Punkten und damit im negativen Bereich. Die Zuwanderer selbst sowie ihre Nachkommen sind insgesamt positiver eingestellt. Auch bei einzelnen Fragen gab es mitunter große Unterschiede zwischen den Gruppen: 60 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund befürworteten beispielsweise, dass Deutschland weiterhin Flüchtlinge aufnimmt. Unter den Einwanderern aus der Türkei war die Zustimmung noch etwas höher. Bei den Aussiedlern und Spätaussiedlern jedoch war die Mehrheit dagegen.

Einig waren sich alle befragten Gruppen darin, dass eine Obergrenze für weitere Flüchtlinge eingeführt werden soll. Claudia Diehl vom SVR ergänzte jedoch: "'Obergrenze' wird vielleicht von vielen Befragten damit gleichgesetzt, dass man überhaupt eine Begrenzung will." Die juristischen Probleme, die eine Europagrenze mit sich brächte, seien den Befragten vermutlich nicht gänzlich bewusst.

Die Ergebnisse, "die auf den meist ganz unspektakulären Alltagserfahrungen beruhen", fasste Bauer zusammen, "setzen damit einen Kontrapunkt zum medialen Diskurs, der oft eher die negativen Erfahrungen in den Mittelpunkt rückt". Die Ereignisse in Chemnitz sind im Integrationsbarometer zwar nicht berücksichtigt, da die Befragung zwischen Juli 2017 und Januar 2018 stattfand. Die Erfahrungen hätten jedoch gezeigt, dass solche "kurzfristigen Diskussionen" den Index "vergleichsweise wenig beeinflussen", sagte Bauer.

Die Ergebnisse zeigten, wie wichtig es sei, genauer hinzuschauen, sagte Annette Widmann-Mauz (CDU), Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. "Wir brauchen diese sachliche, differenzierte und vor allen Dingen unabhängige Betrachtung mehr denn je." Man müsse Gelegenheiten und Orte schaffen, an denen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft begegnen können.

Genau bei dieser Aufgabe sieht Filiz Polat, Migrationssprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Nachholbedarf: "Anstatt sich rechts anzubiedern, sollte die Bundesregierung die Zivilgesellschaft und die Kommunen bei ihrer guten Arbeit unterstützen und Räume für Begegnung schaffen." Das Integrationsbarometer zeige, dass der "Abschottungswahn" der CSU wenig mit der eigentlichen Stimmung im Land zu tun habe.