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Zum Tod Richard von Weizsäckers:Laute Stimme der Erfahrung

  • Nach dem Ende seiner Amtzeit als Bundespräsident entwickelte Richard von Weizsäcker unter anderem Vorschläge zur Reform der UN und der Bundeswehr.
  • Immer wieder legte er sich mit Politikern an - von Helmut Kohl bis Klaus Wowereit.
  • Auch um Europa kümmerte er sich, vor allem die Anbindung des Balkans an die EU war ihm ein Anliegen.

Von Jannis Brühl

Den Begriff des "elder statesman" interpretieren ehemalige Staats- und Regierungschefs sehr unterschiedlich. Der eine kümmert sich wie Gerhard Schröder nach seinem Ausscheiden aus dem Amt eher um die eigenen Verdienstmöglichkeiten, zum Beispiel in einem Pipeline-Konsortium. Andere tauchen nur ab und zu auf, um mal wieder ihre Meinung zu sagen, wie die Bundespräsidenten a. D. Walter Scheel und Roman Herzog.

Richard von Weizsäcker entschied sich dafür, den Staatsmann in "elder statesman" wörtlich zu nehmen. Er nahm weiter regelmäßig aktiv am politischen Geschehen teil, national und international. Er wusste, dass seine Stimme Gewicht hatte und setzte sie ein. Das machte ihn auch im Leben nach dem Amt zu einer Ausnahme unter den Bundespräsidenten.

Nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit 1994 wagte er zumindest den Versuch, das Machtgefüge der Welt zu verändern. Als Vorsitzender einer Kommission zur Reform der Vereinten Nationen forderte er, das Vetorecht der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates einzuschränken. Zudem sollte die Macht im Rat breiter verteilt werden, indem die UN das Gremium von 15 auf 23 Staaten erweiterten. Auch wenn Weizsäcker unermüdlich für seine Empfehlungen warb, auch persönlich im US-Senat, wurde aus den meisten bis heute nichts. Zu wenig Interesse hatten die Vereinigten Staaten und andere Länder an grundlegenden Neuerungen.

1995 bremste er auch die Hoffnungen deutscher Außenpolitiker, das Land könne ganz oben mit am Tisch sitzen: Bevor Deutschland einen festen Sitz im Sicherheitsrat erhalte, seien erst einmal Staaten aus Afrika oder Lateinamerika dran. Da ging ihm Fairness vor nationalem Interesse.

Neben seiner Unterstützung vieler Organisationen wie "Deutschland hilft" und der Theodor-Heuss-Stiftung mischte er sich immer wieder in die Tagespolitik ein. Vor der Bundestagswahl 2009 nervte er CDU und FDP, indem er ihr Versprechen, Steuern zu senken, öffentlich in Frage stellte. Wie schon zu Amtszeiten interessierte ihn das Parteibuch derer, denen er widersprach, wenig. Klaus Wowereit (SPD), einem seiner Nachfolger als Regierendem Bürgermeister von Berlin warf er 2009 vor, die Stadt im Streit um verpflichtenden Religionsunterricht zu spalten. In der Finanzkrise geißelte er die Verantwortungslosigkeit im US-Bankensystem, die zur Krise geführt hatte.

Sein Sohn Fritz verglich von Weizsäcker mit einem Fahrrad: "Wenn es nicht fährt, fällt es um." Vor dem Umfallen schützte sich der Vater bis ins hohe Alter, indem er insgesamt zehn Mal für das deutsche Sportabzeichen rannte, schwamm und sprang. Mit über 80 Jahren lief er noch Langlauf. Ähnliche Energie brachte er für Kommissionen auf, in die er immer wieder berufen wurde.

Wie eine Ohrfeige für Scharping

Die Welt hatte sich schon während seiner Amtszeit verändert, nach ihrem Ende sollte er mithelfen, die deutsche Armee für eine Zeit umzubauen, in der Deutschland erstmals nur von befreundeten Staaten umgeben ist. 1999 beauftragte ihn Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD), Empfehlungen zur Reform der Bundeswehr zu erarbeiten. Das Urteil der Weizsäcker-Kommission fiel harsch aus: Die Bundeswehr sei "zu groß, falsch zusammengesetzt und zunehmend unmodern". Die Forderung des ehemaligen Bundespräsidenten, die Zahl der Wehrpflichtigen deutlich zu verringern, galt als Ohrfeige für Scharping. Der Minister hatte versucht, Einfluss auf die Kommission zu nehmen, aber mit Weizsäcker war das nicht zu machen. Später wurden einige seiner Empfehlungen Realität.

Der ehemalige Bundespräsident, der als so unabhängig galt wie kein anderer, schreckte aber auch nicht vor dem Streit mit seiner eigenen alten Partei zurück, der CDU. Während der Parteispendenaffäre meldete sich Weizsäcker im Jahr 2000 zu Wort: Bundeskanzler und Parteivorsitzende sollten nicht unbegrenzt im Amt bleiben dürfen - klare Kritik an Kohl, der so lange beide Ämter inne gehabt hatte.

Der hatte 1997 versucht, von Weizsäcker aus der Partei auszuschließen. Seine Mitgliedschaft hatte dieser ruhen lassen, seit er Bundespräsident geworden war. Kohls Plan scheiterte aber, denn er hatte die Formalien der eigenen Partei nicht eingehalten. Der Spiegel schrieb, als einziges CDU-Mitglied befinde er sich "in einem ungreifbaren Schwebezustand über allen anderen in den Niederungen der Parteilandschaft".

Europa blieb ihm immer ein Anliegen: Als Deutschlands Vertreter saß er 2005 in der Balkan-Kommission, die der EU die Aufnahme aller Balkanländer bis 2014 empfahl. Im Interview mit der SZ warnte er damals, die EU im ehemaligen Jugoslawien dürfe keine "Art von Besatzungsmacht in einem schwarzen Loch" bleiben. Die Staaten dort müssten besser gefördert und enger an die EU gebunden werden.

Vier Mitarbeiter beschäftigte Weizsäcker noch 2012. Auch räumlich bliebt er nach dem Ende seiner Amtszeit in der Nähe zur Macht. Sein Büro lag nahe der Museumsinsel in Berlin-Mitte. Gleich ums Eck: die Privatwohnung von Angela Merkel.

© SZ.de/mati

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