Zugausfälle und Verspätungen:Stillstand

Lokführer-Streik im Personenverkehr - Hessen

Der Frankfurter Hauptbahnhof zu Beginn des Streiks am Mittwochmorgen: Zahlreiche Reisende warten auf einen ICE nach Berlin.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Mitten in der Urlaubszeit trifft der Bahnstreik Millionen Reisende und Pendler. Vieles deutet darauf hin, dass dies erst der Anfang eines längeren Arbeitskampfes ist.

Von Markus Balser, Berlin

Die härtesten Bahnstreiks seit Langem haben in Deutschland zu massiven Problemen im Schienenverkehr geführt. Am Mittwoch fielen bundesweit 75 Prozent aller Fern- und 60 Prozent der Regionalzüge des Konzerns aus. Mitten in der Urlaubszeit traf der Ausstand damit Millionen Reisende und Pendler. Der Arbeitskampf laufe "hervorragend", bilanzierte GDL-Chef Claus Weselsky. Angesichts voller Züge kritisierte die Deutsche Bahn den Streik während der Corona-Pandemie scharf. "In diesen Zeiten ist ein Streik besonders verwerflich", sagte ein Konzernsprecher. Den Reservierungsstopp bei einer Auslastung von 50 Prozent, wie es ihn zuletzt für mehr Abstand und zum Schutz der Passagiere gegeben hatte, setzte die Bahn während des Streiks aus.

Teilweise ging auf den Schienen am Mittwoch nichts mehr. So mussten Passagiere zwischen Berlin und Dresden auf 150 Busse der Bahn ausweichen. Der Streik dauert noch bis Freitagfrüh um 2 Uhr. Die Bahn appellierte an ihre Kunden, Reisen möglichst zu verschieben. Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisierte das Krisenmanagement des Staatskonzerns und forderte verlässlichere Informationen über den Notfahrplan: "Nichts ist ärgerlicher, als bei einem Streik auf einen Zug zu warten, der dann nicht verkehrt."

Viele Reisende steigen ins Auto oder Flugzeug

Immer wahrscheinlicher wird derweil allerdings, dass die beiden Streiktage in dieser Woche erst der Anfang eines längeren Arbeitskampfes sind. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer will bereits in der kommenden Woche über weitere Streiks beraten. GDL-Chef Weselsky machte ein neues Tarifangebot der Bahn zur Bedingung für ein Einlenken. Die GDL kämpft für mehr Lohn für ihre Beschäftigten von diesem Jahr an, für eine Corona-Prämie von 600 Euro, bessere Arbeitsbedingungen und vor allem für mehr Einfluss im Konzern. Sie muss wegen des Tarifeinheitsgesetzes, das die Bahn derzeit erstmals anwendet und das kleinen Gewerkschaften das Leben schwer macht, um ihre Zukunft fürchten.

Infolge des Streiks steigen die Deutschen wieder verstärkt von der Bahn auf das Auto, aber auch auf innerdeutsche Flüge um. Behörden registrierten etwa in Berlin viele Staus. Wegen des Passagierandrangs setzt die Lufthansa bis Freitag größere Flugzeugtypen auf Inlandsflügen ein. Auf den 70 bis 80 Flügen pro Tag seien nun verstärkt auch Airbus A321 unterwegs, mit bis zu 215 Sitzen der größte Typ in der Lufthansa-Mittelstreckenflotte. Die Bundesregierung will zum Schutz des Klimas eigentlich den Umstieg von Autos und Flügen auf die Bahn fördern.

Auch Wirtschaftsverbände warnten vor den Folgen eines langen Streiks. Der Arbeitskampf, der auch den Güterverkehr lahmlege, belastete die Unternehmen, sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Autolobbyverbands VDA. Dauerten sie länger, könne es sogar zu Produktionsausfällen kommen. Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft bezifferte den drohenden Schaden auf bis zu 100 Millionen Euro täglich. Spüren werde das vor allem die Chemieindustrie. Die Branche transportiere nicht nur große Mengen, sie sei auch noch per Gesetz verpflichtet, die Schiene zu nutzen.

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