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Zentralrat der Juden:Nesthocker und Nachdenker

Josef Schuster

Josef Schuster: Der Würzburger Arzt ist neuer Präsident des Zentralrats der Juden.

(Foto: dpa)

Josef Schuster ist neuer Präsident des Zentralrats der Juden. Dabei ist das Amt nicht seine Lebensplanung gewesen, es drängt ihn nicht in die Öffentlichkeit. Ihr wird er nun aber nicht mehr entkommen.

Von Matthias Drobinski

Den ersten Auftritt im neuen Amt hat er ordentlich über die Bühne gekriegt, ruhig, die Worte wägend, unpathetisch, die Sätze in fränkischer Melodie. Die jüdische Gemeinschaft sei "Teil dieser Gesellschaft", hat Josef Schuster gesagt, der gerade gewählte Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Man dürfe sie nicht nur aus der Perspektive "der Jahre 1933 bis 1945 sehen" - sie würden auch heute "jeden Juden tief prägen", aber es gebe eben auch ein lebendiges Gemeindeleben. Wenn es nötig sei, werde er gegen Antisemitismus und Rassismus die Stimme erheben, hat er gesagt; lieber sei es ihm, das nicht tun zu müssen, "aber da gebe ich mich keinen Illusionen hin". Josef Schuster hat an die muslimischen Verbände appelliert, mehr gegen Judenfeindschaft in den eigenen Reihen zu tun, aber auch das gemeinsame Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit erwähnt; er hat den christlich-jüdischen Dialog nicht vergessen. Alles in allem: ein guter Anfang.

Und doch wirkt der 60-jährige Internist aus Würzburg noch immer, als sei ihm noch ein wenig fremd, was da auf ihn zukommt. "Das Präsidentenamt anzustreben, war nicht meine Lebensplanung", hat Schuster vor der Wahl gesagt, und das war keine Bescheidenheitsfloskel. Doch Dieter Graumann, sein Vorgänger, wollte überraschend nicht für eine zweite Amtszeit antreten. Und weil halt die Arbeit weitergehen muss und es in der kleinen Gemeinschaft nur wenige gibt, die sie übernehmen können, hat er, der bisherige Stellvertreter, Ja gesagt. So übernimmt er für die kommenden vier Jahre eines der schwierigsten Ehrenämter in Deutschland.

Das Amt ist schwierig, weil dem Inhaber die Aufgabe des Mahners zukommt

Schwierig ist das Amt, weil die jüdische Gemeinschaft sich wandelt: Die Zahl der Gemeindemitglieder ist auf 100 000 gesunken; die Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion noch nicht abgeschlossen. Die Einheitsgemeinden sind religiös plural geworden, auch da haben Konflikte zugenommen. Schwierig ist das Amt des Zentralratspräsidenten aber vor allem, weil sein Inhaber, ob er will oder nicht, Mahner gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus sein soll, weil er die Politik Israels erklären, verteidigen, kritisieren soll. Der Sprecher der kleinen Gemeinschaft als moralische Instanz für ein ganzes Land - das ist eine strukturelle Überforderung.

Dieter Graumann, Schusters Vorgänger, hat den Zentralrat nach innen konsolidiert. Er hat in harten Verhandlungen den jährlichen Zuschuss des Bundes auf zehn Millionen Euro verdoppelt, hat mit dem Geld die Verwaltung professionalisiert, Jugendveranstaltungen gefördert, ein eigenes Begabtenwerk aufgebaut. Den Zentralrat aus der "Meckerecke" herauszuholen, was er 2010 als Ziel beschrieb, ist ihm aber nicht gelungen. Ob in der Beschneidungsdebatte, ob nach den Anti-Israel-Demonstrationen mit ihren antisemitischen Tönen - immer wieder musste er sich in den Streit werfen. Graumann hat betont, er gehe nicht aus Frust, und auch Insider sagen, es seien private Gründe ausschlaggebend für seinen Rückzug gewesen. Doch auch das Vergebliche der Arbeit hat Kraft gekostet.

Schuster ist ein Vertreter der Einheitsgemeinde, in der verschiedene Strömungen leben

Nun also soll Schuster weitermachen. In den Porträts über ihn finden sich die Worte "unaufgeregt" und "bedächtig". Wie Graumann wurde er nach der Schoah in Israel geboren. Auch Schusters Eltern kehrten zurück nach Deutschland. Seitdem lebt und arbeitet er in Würzburg; das Wort "Nesthocker" empfinde er als treffend, hat er einmal gesagt. Er sei ein nachdenklicher Typ, heißt es - seine Sätze sind jedenfalls bisher weder zum Ärgernis noch zum Wegweiser geworden. Innerjüdisch will Schuster die Einheitsgemeinden erhalten, in der die verschiedenen Richtungen des Judentums leben. Das Idealbild sei die Gemeinde in Frankfurt, "wo unter ein und demselben Dach ein traditioneller Gottesdienst stattfindet und eine Etage tiefer ein liberaler mit einer Rabbinerin." Selbst ist er theologisch eher konservativ, Vertreter des liberalen Judentums aber sind trotzdem zufrieden mit dem Kandidaten.

Er werde übrigens weiter als Arzt arbeiten, hat Schuster angekündigt. Das Amt des Zentralratspräsidenten solle ein Ehrenamt bleiben.

© SZ vom 01.12.2014/bön

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