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Woody Allen:Unklarheiten

Der Protest gegen die Veröffentlichung seiner Memoiren ist verständlich - aber kein moralisch klarer Fall.

Von Meredith Haaf

Ungefähr so üblich wie Pandemien sind streikende Verlagsleute. Dass viele Mitarbeiter des amerikanischen Hachette-Verlags aus Protest ihre Arbeitsstelle verlassen haben, weil die Memoiren des Regisseurs Woody Allen bei ihnen erscheinen, ist also ein starkes Zeichen. Sie solidarisieren sich mit Allens Adoptivtochter Dylan, die ihrem Vater Kindesmissbrauch vorwirft, und ihrem Bruder, dem Investigativjournalisten Ronan Farrow. Dessen Buch über Harvey Weinsteins Verbrechen ist auch bei Hachette erschienen. Weil er sich verraten fühlt, hat er seine Zusammenarbeit mit dem Verlag aufgekündigt. Das ist aus seiner Sicht richtig. Gilt das auch grundsätzlich?

Es gibt keine zwei Wahrheiten in der Frage, ob Allen seine Tochter missbraucht hat, als sie sieben Jahre alt war. Entweder ist es passiert, und Allen hat sich durch Dreistigkeit, Glück und gesellschaftliche Privilegien aus der Verantwortung gezogen. Oder es ist nicht passiert, und Allen wurde zunächst zur Zielfigur und in den letzten Jahren zum Opfer einer Schmutzkampagne.

Nur: Man weiß es wirklich nicht. Dies ist einer der seltenen Fälle, bei denen es vor allem eine emotionale Entscheidung bleibt, wem man Glauben schenken will. Allen hat sich immer nur abwiegelnd und ignorant in der Sache verhalten, die Farrows können nichts beweisen. Sie haben nach jahrelangen Kämpfen den Zeitgeist auf ihrer Seite. Wie es mit der Gerechtigkeit und der Moral steht, bleibt unklar. So schmerzhaft das grundsätzlich ist.

© SZ vom 07.03.2020

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