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Wohnungsmarkt:Platzverweis

Wie die Corona-Krise Spaniens Innenstädte verändert.

Von Sebastian Schoepp

Als in der ersten Phase der Pandemie die in ihre Häuser eingesperrten Spanier auf die Balkone traten, um für das Gesundheitspersonal zu applaudieren, fiel das Klatschen ausgerechnet am zentralsten Ort der Hauptstadt ziemlich mau aus. Gerade einmal 35 Anwohner waren auf den Balkonen der Plaza Mayor in Madrid zu sehen, nicht eben viele auf einem Platz, der im 17. Jahrhundert als Ensemble erbaut wurde und 129 Meter lang und 94 Meter breit ist. Der Rest? Dunkel - denn viele Wohnungen sind Ferienapartments. Die Fernsehjournalistin Celia Blanco, die an der Plaza Mayor wohnt, sagte zur Zeitung Público: Die Stille und die Leere seien eines der eindrücklichsten Zeichen der Auswirkungen der Pandemie gewesen.

Praktisch kein Tourist hat im Juni Spanien besucht, im Juli war es nur ein Bruchteil der gewohnten Massen. Ferienwohnungen stehen größtenteils leer. Doch das könnte sich bald ändern. In Barcelona hat das Wohnungsamt die Initiative ergriffen und einen Brief an Vermieter von 194 leer stehenden Apartments geschrieben, wie die Zeitung El Periódico berichtete. Wenn diese bis Mitte August nicht vermietet seien, könne die Stadt die Immobilien enteignen. Es könnten noch mehr werden - denn die Wohnungsnot unter Einheimischen in Barcelona ist groß, und Touristen werden vorläufig nicht erwartet.

Es könnte also sein, dass Spanier bald ihre Plazas zurückerobern, die in Städten wie Madrid, Barcelona oder Valencia in den letzten 20 Jahren zu touristischen Themenparks geworden waren. Nach Daten der Immobilienplattform pisos.com sind zwischen März und Mai 16,5 Prozent der Ferienwohnungen in längerfristige Vermietungen umgewandelt worden. Allerdings stellt das Kleinvermieter vor enorme Probleme. Viele haben hohe Schulden gemacht. Dabei haben sie mit den Einnahmen kalkuliert, die von der Vermietung an Feriengäste zu erwarten sind, selbst bei relativ bescheidener Ausstattung sind das um die 100 Euro pro Nacht für eine möblierte 50-Quadratmeter-Wohnung. Das ist ein Vielfaches von dem, was bei einer normalen Monatsmiete anfällt, vor allem in Spanien, wo die Gehälter viel niedriger sind als in den meisten anderen Ländern Westeuropas. Die Vereinigung der spanischen Ferienwohnungsvermieter Fevitur teilt mit, dass der Sektor dieses Jahr bisher einen Umsatzrückgang von 448 Millionen Euro zu verkraften habe. Das Immobilienportal Fotocasa meldet allgemein sinkende Mieten, in Barcelona um 2,5, in Madrid um 1,7 Prozent im Monat Juli.

Vor der Krise waren nach Schätzungen bis zu 20 Prozent aller Mietwohnungen in Spanien touristisch genutzt. Manche Städte begannen, einen Riegel vorzuschieben. Palma de Mallorca verbot 2018 die Vermietung von Wohnungen, die auch für Familien geeignet seien, an Touristen. Man müsse einheimische Mieter schützen, sagte der damalige Bürgermeister Antoni Noguera. In Barcelona führte Bürgermeisterin Ada Colau scharfe Kontrollen ein. Heute, da Spanien froh ist, wenn überhaupt jemand kommt, klingt das wie aus einer anderen Epoche. Celia Blanco kann dieser Entwicklung durchaus Positives abgewinnen: "Mir gefällt das", sagte sie zu Público, "zum ersten Mal sehe ich die Plaza Mayor als einen Platz der einfachen Leute."

© SZ vom 12.08.2020
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