Wirtschaft:Narrenfreiheit

Fasching, Halloween, Oktoberfest - der Kostümhandel boomt. Vorbei sind die Zeiten, da die Branche ihren Umsatz fast nur an Karneval machte.

Von Martin Zips

Karneval ist mehr als nur ein Spaß. Karneval bringt Geld in die Kasse. 3000 Unternehmen mit mehr als 40 000 Mitarbeitern leben ganzjährig davon, das hat der Bund Deutscher Karneval errechnet. Der Kostümbranche ging es nie besser: Von einem "enormen Umsatzwachstum", spricht Björn Lindert, Geschäftsführer des Kölner Familienunternehmens Deiters, des Platzhirschen am deutschen Kostümmarkt. Köln, Düsseldorf, Mainz, Stuttgart, Berlin und Frankfurt - in den vergangenen drei Jahren habe sich sein Filialnetz verdreifacht.

Kann man da überhaupt noch von einem Saisongeschäft reden? Dieter Tschorn von der Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie nimmt für sich in Anspruch, durch die Etablierung des Halloween-Festes im Jahr 1994 den Fasching quasi um einige Tage verlängert zu haben. So würden heute von 273 Millionen Euro Umsatz in der Saison 2014/15 gut 28 Millionen Euro mit Halloween-Tand gemacht. Und das ist längst nicht alles: Mottopartys, Schlager-Moves, Christopher Street Days, Flower-Power - im Jahr 2017 scheint die ganze Welt unter permanentem Kostümzwang zu stehen. Ein Ventil, natürlich. Von einem vergleichbaren Ganzjahresgeschäft jedenfalls können Lebkuchenbäcker und Skilehrer nur träumen.

Da seine Firma nicht mehr - wie einst - 90 Prozent ihres Umsatzes in der jecken Zeit mache, sondern nur noch etwa 65 Prozent, sei sie viel besser aufgestellt, sagt Kostümhändler Lindert. Und Sascha Hoffmann, Marketingfachmann beim Online-Versandhaus Karneval Megastore, sieht weiteres Wachstumspotenzial. So sei der in Mexiko zelebrierte "Día de Muertos" sicher auch woanders noch ausbaufähig.

Sogar mit Lederhosen kennen sich die Pappnasenhändler aus. Der weltweite Oktoberfest-Boom habe die Nachfrage an Trachten-Imitaten aus China immens vergrößert, ist zu erfahren. Irgendwie sei halt immer Karneval. Eine Entwicklung, die Max Bertl, Landesvorstand des Bayerischen Trachtenvereins, kritisch sieht: "So etwas ist doch keine Tracht. Das ist höchstens ein Gewand." Zur besseren Unterscheidung kann sich Bertl eine Art Echtheitszertifikat vorstellen. "Aber ein echter bayerischer Einnäher reicht auch."

Kostüm? Gewand? Der Branche geht es schlicht darum, dass niemand mehr als 100 Euro hinblättern muss, für ein bisschen Mummenschanz. Um das Geschäft voranzutreiben, organisiert sich die Sparte sogar eigene Events: "Deutschlands größte Halloween-Party" in der Kölner Arena zum Beispiel. Oder, am 19. Februar, den Berliner Karnevalsumzug auf dem Ku'damm. Kostümhersteller Deiters und der Berliner Karnevalsverein rechnen mit 200 000 sehr lustig Verkleideten - Trauer und Terror hin oder her. "Das normale Leben muss ja weitergehen", erklärte jüngst die Vizepräsidentin des Berliner Karneval-Festkomitees, Christiane Holm.

Rasch reagiert die Kostümbranche auf aktuelle Trends. Darth Vader und Minions müssen bei Bedarf ebenso schnell in die Regale wie Piraten und Indianer. Der auffälligste Trend 2017 aber sei eine blonde Perücke mit hoher Tolle, weiß Kostümhändler Lindert. Davon habe er nach der US-Wahl gleich massenhaft in Auftrag gegeben. Politik ist manchmal eben auch gut, fürs heitere Geschäft.

© SZ vom 27.01.2017
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