Wiener Kongress Der Opportunist: Talleyrand

Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754 - 1838) erwartete als Vertreter des besiegten napoleonischen Frankreichs die wohl undankbarste Aufgabe aller Konferenzteilnehmer.

Einerseits wollte er die gedemütigte Nation wieder im Kreis der europäischen Großmächte etablieren. Andererseits galt es zu verhindern, dass sich unter den Siegermächten das Hegemoniestreben vor allem Russlands und Preußens durchsetzte.

Im Grunde lief es darauf hinaus, die Sieger so lange gegeneinander auszuspielen, bis am Ende tatsächlich das angepeilte europäische Gleichgewichtssystem mit keinem die anderen überragenden Staat heraussprang.

Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754 - 1838)

(Foto: SZ Photo)

Auf diese heikle Aufgabe war niemand besser vorbereitet als der Mann, der im Laufe seines langen diplomatischen Lebens den denkbar unterschiedlichsten Herrschern gedient hatte. Und zwar so geschickt und undurchschaubar in seinen wahren Absichten und Überzeugungen, dass Talleyrand zum Sinnbild des Opportunisten geworden ist.

Als Bischof von Autun war er 1789 als Vertreter des Klerus in die Nationalversammlung eingezogen. An der Seite von Napoleon war er am Sturz des Direktoriums beteiligt und stieg zum Außenminister auf.

Als Napoleon erkannte, dass Talleyrand seinen maßlosen Herrschaftsanspruch über ganz Europa nicht guthieß, bezeichnete er ihn als "Scheiße im Seidenstrumpf", konnte aber auf seine glänzenden Kontakte zum europäischen Adel nicht verzichten.

Napoleons Desaster tat Talleyrands Karriere keinen Abbruch. Er reiste eben als Vertreter der Bourbonen nach Wien. Der Ruf als schamloser Wendehals eilte ihm voraus, dennoch hatte Talleyrand einen großen Anteil an der neuen restaurativen Staatenordnung und daran, dass Frankreichs Gebietsverluste sich in Grenzen hielten.

Als die Dynastie der Bourbonen in der Julirevolution 1830 gestürzt wurde, gab es einen politischen Überlebenden: Talleyrand diente Bürgerkönig Louis Philippe vier Jahre als Botschafter in England.

Text: Harald Hordych