Süddeutsche Zeitung

Wiener Kongress:Wendehals, Luder, Strippenzieher

Sie ordneten Europa neu, begruben die Idee der Freiheit - und hatten dabei noch jeder Menge Spaß. Die wichtigsten Köpfe des Wiener Kongresses.

Der Strippenzieher: Metternich

Ein glänzender Diplomat weiß, wie man sich auf glattem Parkett bewegt und dabei auch noch eine elegante Figur macht.

Klemens Wenzel Fürst Metternich war eine Ausnahmefigur auf dem Wiener Kongress - allein deshalb, weil sich kein anderer besser an den Fürstenhöfen Europas auskannte. Metternich hatte zuvor als Gesandter in Dresden, Berlin und Paris gedient, wo er nicht nur mit konservativen Gelehrten, sondern auch mit großen Gesellschaftsdamen seiner Zeit engen Kontakt hielt.

Mit Fürstin Katharina Bagration, der späteren Vertrauten von Zar Alexander, hatte er während einer stürmischen Liebesbeziehung 1803 eine Tochter gezeugt, es war nur eine von vielen Affären. Auf dem Wiener Kongress brillierte "le beau Clement" als politischer Stratege, der in unzähligen Salongesprächen ein fein austariertes Gleichgewicht der Kräfte wiederherstellen wollte.

Das geschlagene Frankreich sollte im Konzert der Mächtigen neben Österreich, Preußen, England und Russland eine wichtige Rolle spielen, aber nie mehr so übermütig auftreten wie unter Napoleon. Metternich hielt einen dauerhaften Frieden in Europa für möglich, sollten sich die alten Monarchien gegen die Ideen des Nationalismus und des Liberalismus behaupten - deshalb plädierte er für einen deutschen Staatenbund unter österreichischer Führung.

Weil er das uneingeschränkte Vertrauen von Kaiser Franz I. besaß, konnte Metternich als eine Art Super-Außenminister agieren, sein Amtssitz, das Palais am Ballhausplatz, war auch das Kraftzentrum des Kongresses.

Wenn man so will, war der Realpolitiker Metternich der Herrscher des Wiener Kongresses, der mit seinen "Liebesromanzen, Hintertreppenaffären und Schlafzimmerintrigen, mit seinem Klatsch, seinen rauschenden Festen, den Schulden der daran Beteiligten und den Ausgaben des österreichischen Staates, der dafür in fünf Monaten etwa zwanzig Millionen Gulden auf Kosten des Steuerzahlers aufbringen musste, alles bisher Dagewesene" übertraf. (Eberhard Weis).

Text: Christian Mayer

Die Sünde: Wilhelmine

Ein hochwohlgeborenes Luder, das schon in sehr jungen Jahren auf eine moralisch steil nach unten weisende Bahn geraten war - so sahen zumindest die Zeitgenossen die Herzogin von Sagan.

Wilhelmine von Biron war eine der drei Töchter des ehemaligen Herzogs von Kurland, bei dessen Tod sie ein niederschlesisches Titularfürstentum erbte, Sagan. In ihrem kleinen Schloss Ratiborschitz traf sich Metternich im Frühjahr 1813 mit den Vertretern Russlands und Preußens, es ging um die Allianz gegen Napoleon.

Der österreichische Außenminister hatte durchaus auch Augen für die schöne Schlossherrin, mit der er seine politischen Ideen diskutierte, und die er einem österreichischen Offizier verfallen glaubte. So war es auch, einerseits. Andererseits verliebte sich Metternich in die 32-jährige Herzogin, die bereits drei Ehemänner hinter sich gelassen hatte, und sie sich in ihn. Bald sahen sich beide in Wien wieder, wo sie ein großes Haus führte.

Eine gute Bekannte schrieb über Wilhelmine, sie besäße "edle und regelmäßige Züge, eine herrliche Figur und die Haltung einer Göttin". Allerdings: "Der Lebhaftigkeit ihrer Sinne überlassen, bar jeder religiösen Grundsätze, ihre Phantasie von verderblichem Beispiel gebrandmarkt, sah sich Wilhelmine den großen Gefahren, denen ihre Schönheit sie aussetzte, wehrlos ausgeliefert."

Daraus konnte nichts werden und so sah es später auch der verbitterte Metternich: "Sie sündigt siebenmal am Tag und liebt so oft wie andere dinieren." Nicht nur ihn, wie er während des Wiener Kongresses schmerzerfüllt feststellen musste. Das Wiener Publikum aber fühlte sich bestens unterhalten durch die Affäre der beiden.

Text: Cord Aschenbrenner

Der Patriot: Humboldt

An "jener großen und intriganten Komödie, die als ,Wiener Kongreß' bekannt ist" (so der Historiker Adam Zamoyski) war auch Wilhelm von Humboldt als Gesandter Preußens am Wiener Hof und rechte Hand des preußischen Staatskanzlers Hardenberg beteiligt.

Humboldt war eigentlich Sprachforscher und Philosoph, ein bekannter Intellektueller, der als Bildungsreformer in die preußische Politik gegangen war. Der ältere Bruder des noch berühmteren Naturforschers Alexander von Humboldt war ein Freund Schillers, als junger Mann Mitglied des literarischen Salons von Rahel Levin und ein überzeugter preußischer Patriot.

Tagsüber machte er Politik, abends übersetzte er griechische Klassiker wie Aischylos oder Plutarch, statt zu den zahlreichen Festlichkeiten zu gehen. Das Wiener Geschachere um künftige Macht, Einfluss und Grenzen in Europa verfolgte Humboldt oftmals angewidert, was er nicht verbarg.

Viele Freunde machte er sich dadurch nicht. Doch auch sein Hang fürs Küchenpersonal war bekannt, möglichst üppige Mädchen und Frauen aus dem Volk, denen er nachts nachstellte, Plutarch hin oder her.

Seinem Freund Friedrich von Gentz, dem Sekretär des Kongresses, "vermachte" er, wie dieser schrieb, "Suzette, eine sehr schöne Person". Abstoßende Sitten habe Humboldt, war in Wien zu hören. Seiner Frau Caroline, "Li", so nannte er sie, blieb ihm dennoch gewogen, die Ehe kann man nicht unglücklich nennen.

Text: Cord Aschenbrenner

Der Reformer: Freiherr vom Stein

Es liegt so etwas wie Wehmut über den deutschen Freiheitstraditionen, wahrscheinlich deshalb, weil die Gegenseite immer gewann. Sinnbildlich dafür ist das Schicksal des Heinrich Friedrich Karl vom Stein.

Als einer der Köpfe der preußischen Reformpartei das Bündnis mit Russland gegen Napoleon betrieben. Auf dem Kongress vertrat er nicht etwa Preußen, sondern Russland. Stein, nicht der heiterste Typ Mensch, verfolgte mit Grausen das kindsköpfige Gebaren des Zaren in Wien.

Der Freiherr war alles andere als ein Revolutionär, die Befreiungskriege hatte er auch gegen das geführt, was er für die moralische Verderbtheit Frankreichs hielt. Im Grunde wollte er eine Art idealisiertes Reich schaffen, mit einem guten und gerechten Kaiser und einer ebensolchen Ordnung für ein geeintes Deutschland.Daraus freilich wurde nichts.

Unter Metternichs Führung suchen Europas Monarchen ihr Heil im gestern; gerade Preußen beseitigte viele Reformen wieder und wurde nun immer reaktionärer. Stein stand schon in Wien faktisch vor den Trümmern seines Werks, schimpfte über die "Kleintyrannen" und zog sich in seine Geschichtsstudien zurück.

Es passt, dass er an den Lustbarkeiten des Kongresses und "nichtswürdigen Weibern" keinen rechten Gefallen fand, ein Grund mehr für die Fürsten, ihn für einen faden Tropf zu halten. Gerechter ist die Inschrift in der Familiengruft: "demütig vor Gott, hochherzig gegen Menschen, der Lüge und des Unrechtes Feind".

Text: Joachim Käppner

Der Opportunist: Talleyrand

Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754 - 1838) erwartete als Vertreter des besiegten napoleonischen Frankreichs die wohl undankbarste Aufgabe aller Konferenzteilnehmer.

Einerseits wollte er die gedemütigte Nation wieder im Kreis der europäischen Großmächte etablieren. Andererseits galt es zu verhindern, dass sich unter den Siegermächten das Hegemoniestreben vor allem Russlands und Preußens durchsetzte.

Im Grunde lief es darauf hinaus, die Sieger so lange gegeneinander auszuspielen, bis am Ende tatsächlich das angepeilte europäische Gleichgewichtssystem mit keinem die anderen überragenden Staat heraussprang.

Auf diese heikle Aufgabe war niemand besser vorbereitet als der Mann, der im Laufe seines langen diplomatischen Lebens den denkbar unterschiedlichsten Herrschern gedient hatte. Und zwar so geschickt und undurchschaubar in seinen wahren Absichten und Überzeugungen, dass Talleyrand zum Sinnbild des Opportunisten geworden ist.

Als Bischof von Autun war er 1789 als Vertreter des Klerus in die Nationalversammlung eingezogen. An der Seite von Napoleon war er am Sturz des Direktoriums beteiligt und stieg zum Außenminister auf.

Als Napoleon erkannte, dass Talleyrand seinen maßlosen Herrschaftsanspruch über ganz Europa nicht guthieß, bezeichnete er ihn als "Scheiße im Seidenstrumpf", konnte aber auf seine glänzenden Kontakte zum europäischen Adel nicht verzichten.

Napoleons Desaster tat Talleyrands Karriere keinen Abbruch. Er reiste eben als Vertreter der Bourbonen nach Wien. Der Ruf als schamloser Wendehals eilte ihm voraus, dennoch hatte Talleyrand einen großen Anteil an der neuen restaurativen Staatenordnung und daran, dass Frankreichs Gebietsverluste sich in Grenzen hielten.

Als die Dynastie der Bourbonen in der Julirevolution 1830 gestürzt wurde, gab es einen politischen Überlebenden: Talleyrand diente Bürgerkönig Louis Philippe vier Jahre als Botschafter in England.

Text: Harald Hordych

Die Ungeliebte: Zarin Elisabeth

Während die einen verhandelten, feierten und sich zwischendurch zwecks körperlicher und geistiger Liebe in ihre Gemächer zurückzogen, flüchtete sich eine mächtige Frau mit Mandelaugen, blonden Locken und schlanker Taille in die süße Melancholie.

Zarin Elisabeth Aleksejewna (1779 -1826), Mitte 30, Tochter des Erbprinzen von Baden und Gattin von Zar und Polygamist Alexander I., richtete zwar auch mal einen Empfang aus und tanzte Polonaise, doch die Rolle der Partymaus-Lobbyistin überließ sie anderen Zeitgenossinnen. Zu verheißungsvoll und zu düster war ihr Leben bis dato verlaufen.

Mit 14 an den russischen Großfürsten verheiratet und schließlich zum orthodoxen Glauben konvertiert, musste sie früh lernen, dass man zwar Landstriche und Paläste besitzen kann, aber keine lebenslustigen Kaiser.

Elisabeth verlor zwei Töchter an den Tod und wurde schwermütig, Alexander baute sich mit seiner polnischen Mätresse eine Parallelfamilie auf. Doch Elisabeths Aura blieb von diesem Schattendasein unberührt. Zeitzeugen schwärmten von ihrem "liebenswürdigen Charakter" und ihrer "unerschöpflichen Güte". Ja, sie war der "ungeliebte Engel des Himmels".

Ganz so altruistisch war das Engelchen dann aber nicht: Sie brachte ihre alte Liebschaft mit nach Wien, den ehemaligen russischen Außenminister Czartoryski. Nachdem der Zar kaum Zeit mit ihr verbracht und ihr schließlich auch noch einen Besuch bei seiner Eroberung Fürstin Bagration verordnet hatte, verbrachte Elisabeth die privaten Stunden mit Czartoryski eher semimelancholisch in dessen Schlösschen in Wien. Eine wahre Diplomatin.

Text: Friederike Zoe Grasshoff

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SZ vom 27.12.2014/flogo
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