Weihnachtsbotschaft 2011:Erzählen heilt

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Eine solche Erfassung scheint für Ordnung in einer unordentlichen Gegenwart zu sorgen. Sie sorgt aber vor allem für Effizienz und Gewinn. Die heutige Allgegenwart der Erfassung ist Kennzeichen und Symbol für eine Gesellschaft in ihrem Übergang von der festen zur flüchtigen Phase der Moderne: Aus Arbeit wird Leiharbeit, aus dem Beruf werden Jobs auf Zeit, aus dem Leben eine Aneinanderreihung von Situationen, wechselnden Rollen, Projekten und Episoden.

Arbeit und Leben werden zerlegt in immer kleinere Stücke; stabile Gemeinschaften und soziale Bindungen werden abgelöst von Netzwerken und wechselnden Patchwork-Konstellationen. Früher gab es Identitätszwänge, aber es gab immerhin Identität; diese Identität wird von Flexibilität abgelöst, und Lebensplanung zu einem Wort aus der Vergangenheit. Das Leben von immer mehr Menschen verliert seinen Faden.

Daraus resultieren mehr Ängste als aus den Turbulenzen um den Euro. Der Mensch wird, und das macht Angst, dem Geld immer ähnlicher: Geld treibt dahin, ist flüchtig, ballt sich zusammen. Es muss nicht wundern, dass die Flüchtlingsströme den Geldströmen folgen. Die Existenz dieser Flüchtlinge wird allenfalls als Zahl registriert, ihre Geschichte interessiert niemanden.

Große Geschichten vom Alltag kleiner Leute

Leben wird aber nicht durch Zahlen erfasst, sondern durch Erzählung beschrieben. Eine Lebensgeschichte ist nicht Addition und Subtraktion bestimmter Zahlen und Daten, sondern Erzählung des nicht Be- und Verrechenbaren. Die Weltreligionen wissen davon. Sie stellen den Menschen große Geschichten bereit, in die sie ihre kleinen Lebensgeschichten einschreiben können.

Es sind dies allgemein anerkannte Grunderzählungen, in denen die Menschen ihre eigenen Lebenserzählungen miterzählt wissen. Diese großen Geschichten, in der Bibel heißen sie oft Gleichnisse, handeln vom Alltag kleiner Leute, die dem Leben der Bedeutungslosen Bedeutung geben und dabei Krankheit, Verlorenheit, Angst, Verzweiflung und Tod nicht auslassen.

Die Weihnachtsgeschichte ist ein Beispiel. Sie ist Ouvertüre zu vielen anderen Geschichten, in denen gespeist, gerettet, geheilt und von den Toten auferweckt wird. Es sind Hoffnungsgeschichten. Jahrhundertelang haben sich die Menschen darin wiedergefunden. Das funktioniert nicht mehr so richtig, nicht nur wegen der Säkularisierung. Auch deshalb, weil die Menschen in der getakteten Welt das Erzählen und Zuhören verlernt haben.

Um zu erzählen, braucht man ein Gegenüber, das die Geschichte hören will und sich die Zeit nimmt. Mit dem Erzählen beginnt die Gegengeschichte zur flüchtigen Moderne, beginnt der Widerspruch. Erzählen schützt davor, im Gefühl der Sinnlosigkeit zu versinken. Erzählen heilt. Zuhören auch. Man nimmt dabei den anderen wahr - als Mensch, nicht als Gefahr. Das ist Weihnachten.

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