Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten:Gauck fordert mehr Hilfe für Flüchtlinge

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"Tun wir wirklich schon alles, was wir tun könnten?" Bundespräsident Gauck mahnt die Deutschen zu größerer Anteilnahme gegenüber den Opfern von Verfolgung und Armut. Und verweist darauf, dass auch die Weihnachtsgeschichte um Maria und Josef eine Geschichte von Flucht und Sehnsucht sei.

Von Stefan Braun, Berlin

Bundespräsident Joachim Gauck ruft die Bundesbürger dazu auf, mehr für die Flüchtlinge auf dieser Welt zu tun. Das Staatsoberhaupt mahnt in seiner Weihnachtsansprache mehr Offenheit und Sensibilität für Menschen auf der Flucht an. "Machen wir unser Herz nicht eng mit der Feststellung, dass wir nicht jeden, der kommt, in unserem Land aufnehmen können", sagt Gauck. Er erinnerte daran, dass "seit Menschengedenken alle Flüchtlinge erfüllt von der Sehnsucht nach dem besseren Leben" seien. "Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, kommen nicht mit der Erwartung, hier in ein gemachtes Bett zu fallen", sagt das Staatsoberhaupt laut vorab verbreitetem Redemanuskript. "Sie wollen Verfolgung und Armut entfliehen."

Der Bundespräsident erinnert daran, dass an vielen Orten der Welt Menschen auf der Flucht seien. "Wir denken an das schreckliche Schicksal der Familien aus Syrien, wir denken an die Verzweifelten, die den gefährlichen Weg nach Europa über das Wasser wagen." Dabei gehe es nicht nur um soziale Nöte, es gehe genauso um die Menschen, die "bei uns die Freiheit, das Recht und die Sicherheit finden, die ihnen in ihren Ländern verwehrt werden".

Gauck verweist darauf, dass auch die Weihnachtsgeschichte eine Geschichte von Flucht und Sehnsucht sei. So seien Maria und Josef bald nach der Geburt ihres Kindes auf der Flucht gewesen. Man solle es sich deshalb nicht einfach machen mit der Feststellung, dass man ohnehin nicht alle aufnehmen könne. Zur Wahrheit werde diese Feststellung erst, "wenn wir zuvor unser Herz gefragt haben, was es uns sagt, wenn wir die Bilder der Verletzten und Verjagten gesehen haben", betont der Bundespräsident. "Krieg und Hunger, Verfolgung und Not - es gibt viele Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen." Gauck fragt offen: "Tun wir wirklich schon alles, was wir tun könnten?"

"Wegschauen missachtet unsere europäischen Werte"

Nach dem Bootsunglück vor der italienischen Insel Lampedusa, bei dem Anfang Oktober Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken waren, hatte Gauck den Umgang der EU mit Flüchtlingen scharf kritisiert. "Wegzuschauen und diese Menschen hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, missachtet unsere europäischen Werte", so der Bundespräsident. Europa brauche tägliches Engagement, um "dem elementarsten Recht Geltung zu verschaffen: dem Recht auf Leben".

Nach jüngsten Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks sind weltweit mehr als elf Millionen Menschen auf der Flucht. Zählt man Flüchtlingsbewegungen innerhalb von Staaten dazu, sind es mehr als 22 Millionen, die ihre Heimat verlassen haben und andernorts ein sichereres Leben suchen. Unterdessen werden die Debatten über Wirtschaftsflüchtlinge selbst innerhalb der EU schärfer. Bis zu seinem Abschied aus dem Amt hatte auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich in der EU eine schärfere Gangart gefordert und alternativ Überlegungen angestellt, um mit einigen EU-Staaten getrennt Abkommen anzustreben, sollte sich seine Linie nicht durchsetzen. Friedrich wollte die vom 1. Januar 2014 an geltende Freizügigkeit für Bulgaren und Rumänen einschränken, weil er Wirtschaftsflüchtlinge fürchtete.

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