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Wahlkampf in Großbritannien:Cameron spürt Browns kalten Atem

Bislang war klar: Tory-Chef David Cameron gewinnt die nächste Wahl - locker. Doch drei Monate vor der Abstimmung ist der uneinholbar wirkende Vorsprung dahingeschmolzen.

Hohe Arbeitslosigkeit, immense Schulden, ein Premier, dessen Beliebtheitswerte stets auf den unteren Rängen der Skala dümpeln - unter diesen Bedingungen sollte es für einen halbwegs charismatischen Oppositionsführer ein Leichtes sein, die nächste Parlamentswahl für sich zu entscheiden.

Zumal, wenn der Oppositionsführer David Cameron und der amtierende Premier Gordon Brown heißen: hier Cameron, politischer Senkrechtstarter und bei seiner Wahl zum Parteichef der Tories mit 39 Jahren als boy wonder umjubelt, rhetorisch begabt, geschickt darin, sich als frecher und unkonventioneller Mutmacher zu stilisieren.

Auf der anderen Seite Pfarrerssohn Brown, hochintelligent, aber als Prinzipienreiter und Choleriker bekannt. Spätestens seit Großbritanniens Einsatz im Irakkrieg kämpft er einen aussichtlosen Kampf gegen seine Unpopularität.

Doch gut drei Monate vor den Wahlen in Großbritannien ist der bequeme Vorsprung der Tories dahingeschmolzen: In einer Umfrage der Sunday Times sprachen sich nur noch 37 Prozent der Briten für die Konservativen aus, der oft so glücklos agierende Brown kam mit Labour auf 35 Prozent. Shocking!

Zwei Prozentpunkte Abstand - im Dezember 2009 waren es noch fast 20 Punkte, der Vorsprung schien uneinholbar. Daran schien sich auch nicht viel zu ändern, als der ansonsten eher emotionslos und berechnend wirkende Brown Mitte Februar in einer Talkshow in Tränen ausbrach, als er vom Tod seiner zu früh geborenen Tochter kurz nach der Geburt im Jahr 2002 erzählte.

Viele Briten stimmte es sogar skeptisch, dass der Regierungschef, der ansonsten penibel darauf achtet, sein Privatleben und seine beiden anderen Kinder vor der Öffentlichkeit zu schützen, nun große Gefühle zeigte. Kritiker ätzten, Brown verrate seine Prinzipien und kämpfe offenbar mit alle Mitteln gegen seine schlechten Umfragewerte.

Brown könnte im Amt bleiben

Doch jetzt scheint es plötzlich im Bereich des Möglichen zu liegen, dass Brown nach der Wahl eine Minderheitsregierung stellen, dass der 59-Jährige im Amt bleiben könnte.

Die miserablen Umfragewerte haben die Tories am Wochenende im südenglischen Brighton aufgeschreckt. Dort traf sich die Partei ein letztes Mal vor den Wahlen, die vermutlich am 6. Mai stattfinden.

Entsprechend räumte der 43-jährige Cameron ein, dass er nunmehr mit einem knappen Wahlausgang rechne, dass es einen "echten Kampf" mit Brown um das Regierungsamt geben werde. Doch die Art und Weise, wie er seine Anhänger auf diesen Wahlkampf einschwören wollte, begeisterte nicht alle Tories.

So verwunderte er die eigene Partei damit, noch vor den Wahlen Details zu einer anvisierten Steuerentlastung von Verheirateten zu verraten. Bisher hatten es die Konservativen vermieden, Genaueres zu dieser kostspieligen und in der britischen Bevölkerung umstrittenen Idee zu sagen.

"Unsere patriotische Pflicht, das Blatt zu wenden"

Dass der frei redende Cameron auf dem Parteitag nun, scheinbar spontan und impulsiv, ankündigte, bald mehr zu verkünden, habe besonders ältere Parteivertreter und sogar Mitglieder seines Schattenkabinetts vor den Kopf gestoßen, berichteten Times und Guardian.

Ansonsten hatte Cameron seinen Leuten offenbar nicht viel zu bieten, denn er zog es vor, über Brown und Labour herzuziehen: Weitere fünf Jahre unter Labour wären ein "Desaster" für das Land, Brown ziehe Großbritannien in einem "gefährlichen Todestanz" in die Tiefe. Großbritannien stecke in einem "Schlamassel", und es sei "unsere patriotische Pflicht, das Blatt zu wenden und dem Land eine bessere Zukunft zu geben".

Cameron, der sich selbst gern als Mann für Wandel und Neuanfang vermarktet, nannte Brown inkompetent, mit seiner Schuldenpolitik habe er eines der besten Pensionssysteme der Welt ruiniert. Das werde sich bei den anstehenden Wahlen rächen.

Cameron versprach zwar, er wolle das Bildungssystem und den Sozialstaat reformieren sowie den Staatsapparat abspecken. Doch im Gegensatz zu seiner Kritik an Brown blieben seine Ausführungen zu seinen politischen Ideen recht vage.

Der Termin für die Parlamentswahlen steht derweil noch nicht genau fest. Als wahrscheinlicher Wahltag gilt der 6. Mai, da vier Tage später die Amtsperiode des Parlaments abläuft. Dann wird sich zeigen, ob Cameron mit seinen Tories den Vorsprung ins Ziel retten kann.

© sueddeutsche.de/cgn/woja/gba
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