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Vorgezogene Präsidentenwahl in Polen:Stimmen der Trauer

Am Grab des verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski führte im polnischen Wahlkampf kein Weg vorbei - Jaroslaw Kaczynski schlägt politisch Kapital daraus und will "die Mission des geliebten Bruders vollenden".

Thomas Urban, Warschau

Beide Spitzenkandidaten sind in der Schlussphase des Wahlkampfs zur Grabstätte von Lech Kaczynski in der Heldenkrypta der Wawel-Kathedrale in Krakau gefahren. Jaroslaw Kaczynski betete dort am Freitag für den Zwillingsbruder, es war ihr gemeinsamer 61. Geburtstag. Sein Widersacher Bronislaw Komorowski hatte dort am Vorabend einen Kranz niedergelegt. Der Absturz der Präsidentenmaschine im dichten Nebel bestimmte in den vergangenen zehn Wochen das politische Klima Polens. Kaczynski begründete seine Kandidatur mit der Pflicht, "die Mission des geliebten Bruders zu vollenden". Das Regierungslager, dessen Kandidat Komorowski ist, sah sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, nicht entschieden genug bei den russischen Nachbarn auf eine lückenlose Aufklärung des Unglücks zu dringen.

People pass by an election poster of Jaroslaw Kaczynski, presidential candidate of Poland's Law and Justice Party (PiS) in Warsaw

Jaroslaw Kaczynski liegt in den Umfragen knapp hinter seinem Kontrahenten Bronislaw Komorowski.

(Foto: Reuters)

Lange Zeit schien es die Hauptfrage zu sein, ob der Präsident die Piloten angewiesen hatte, trotz der widrigen Wetterbedingungen zu landen. Dafür hat sich indes kein Beleg gefunden. Stattdessen muss sich das Verteidigungsministerium vorhalten lassen, unerfahrene Piloten eingesetzt zu haben. Vor allem aber hat das Flugzeugunglück einem glücklosen und unpopulären Präsidenten die Aureole eines Helden verschafft. Denn die polnische Delegation befand sich ja auf dem Weg zu dem Gräberfeld von Katyn, einem Ort polnischen Leidens im Zweiten Weltkrieg.

Die Trauer um den Bruder hat Jaroslaw Kaczynski, der noch vor wenigen Monaten ganz unten auf der Popularitätsskala stand, zweifellos viel Sympathie unter seinen Landsleuten eingebracht. In den letzten Tagen hat sich auch seine Nichte Marta zu Wort gemeldet, die Tochter des Präsidentenpaars. Sie lobte ihn als wunderbaren Onkel, der nun für ihre Töchter auch den Platz des Großvaters einnehmen werde. Auf diese Weise versuchten die Berater des Junggesellen Kaczynski, das Bild des Rivalen Komorowski als verantwortungsvoller Familienvater zu neutralisieren. Das vom Axel-Springer-Verlag herausgegebene Boulevardblatt Fakt brachte mit derselben Intention eine große Geschichte über eine Jugendliebe Kaczynskis. Doch habe diese Verbindung nicht zum Traualtar geführt, es sei Jaroslaw Kaczynski im Gegensatz zu seinem Bruder nicht vergönnt gewesen, eine Familie zu gründen.

Die Bestattung des Präsidentenpaars auf dem Wawel hat die polnische Gesellschaft tief gespalten. Komorowski musste sich den Vorwurf gefallen lassen, als amtierendes Staatsoberhaupt nicht selbst den Begräbnisort bestimmt zu haben, sondern den katholischen Bischöfen die Initiative überlassen zu haben. Diese nutzten die Gunst der Stunde und unterstrichen bei den Feiern für die Toten von Smolensk ihren Anspruch, in der Gesellschaft die bestimmende Kraft zu sein. So scheiterte auch die Initiative, andere prominente Opfer auf dem militärischen Teil des Powazki-Friedhof in Warschau zu begraben, wo bereits viele Politiker und Militärführer ruhen. Stattdessen setzten sich erneut die Bischöfe durch, die schon lange die "Kathedrale der göttlichen Vorsehung" am Südrand der Hauptstadt als "Pantheon der großen Polen" angepriesen haben. Diese Kathedrale wird seit fast einem Jahrzehnt gebaut, die Arbeiten ziehen sich hin, da die meisten polnischen Gläubigen diesen Bau für gänzlich überflüssig halten. Doch nun wird die Finanzierungslücke wohl vom Staat geschlossen werden.

Im Wahlkampf haben sich die Bischöfe nicht positioniert. Es war die Erfahrung der katholischen Kirche Polens in den letzten beiden Jahrzehnten, dass die von ihr offen unterstützten Kandidaten und Gruppierungen fast immer verloren haben. Der neue Primas Jozef Kowalczyk ermahnte seine Amtsbrüder ausdrücklich, sich aus der Tagespolitik herauszuhalten. Lediglich einige Bischöfe aus Provinzstädten gaben den Gläubigen die Empfehlung, denjenigen zu wählen, der das "Werk des heldenhaft gefallenen Präsidenten" vollenden könne. Die Bischofskonferenz ist ganz offensichtlich gespalten. Ein Teil ihrer Mitglieder, darunter Jozef Kowalczyk, vertritt die Auffassung, dass die Kirche sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor allem auf die Seelsorge und auf soziale Aufgaben konzentrieren solle. Andere aber, darunter der Krakauer Erzbischof Stanislaw Dziwisz, meinen, zu den Hauptaufgaben der Kirche gehöre auch "die Erziehung zum Patriotismus". Es war Erzbischof Dziwisz, der den Trauerzug zu der Heldenkrypta auf dem Wawel anführte.

© SZ vom 19./20. 06.2010/dana
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