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Premier Erdogan:Aufsteiger mit Hang zum Paschatum

Die rasante Modernisierung der Türkei fasziniert nicht nur westliche Betrachter, sie gilt auch als Modell für den Nahen Osten. Dafür steht auch die Karriere von Premierminister Tayyip Erdogan, dessen Partei AKP bei der heutigen Parlamentswahl wohl siegen wird. Wie das Land, so ist auch Erdogan vor allem einer Gefahr ausgesetzt: dem eigenen Größenwahn.

Hoch über der Hauptstadt, weithin sichtbar in einer Säulenhalle auf einem Hügel, ruht der Staatsgründer in einem Sarkophag. Das Atatürk-Mausoleum ist gebaute Mahnung, Pilgerstätte und Pflichtprogramm auch für eiligste Staatsgäste, und sei es im Schnelldurchlauf: Abschreiten der Ehrenformation, Kranzablage, Schweigeminute. Auch Tayyip Erdogans islamisch grundierte AKP hat es in neun Regierungsjahren nicht gewagt, an diesem republikanischen Ritual zu rütteln. Keine Atatürk-Statue wurde geschleift - und doch hat sich das Land in der vergangenen Dekade tiefgreifender verändert als in einem halben Jahrhundert zuvor.

Istanbul - Places To Visit

Die neuen Eliten des Landes tragen ihr Selbstbewusstsein zur Schau: Junge Türken vor einem Modegeschäft in der Innenstadt Istanbuls.

(Foto: Getty Images)

Die Türkei stürmt mit Aufsteigerstolz auf die Weltbühne zurück, wo sie lange Zeit nur den Kulissenschieber gab. Die Skepsis vieler Europäer gegenüber dem EU-Beitrittskandidaten hat dies bislang kaum verringert, im Gegenteil. Die Türkei bleibt vielen ein Rätsel - und ein Faszinosum zugleich.

Atatürks Reformsturm nahm vor fast 100 Jahren vieles von dem vorweg, was sich nun in den arabischen Revolutionen Bahn bricht: die Befreiung von Despotentum und religiös begründeter Herrschaft.Aber der Republikgründer bescherte seinem Land auch die Widersprüche, mit denen es bis heute lebt: Atatürk mochte die Religion nicht, gleich welche. Er sah in ihr ein Bildungshemmnis - und sich selbst als obersten Erzieher der Nation. Der Staat sollte säkular sein. Atatürks Epigonen aber machten aus seiner Lehre rasch eine eigene Religion. Und sie störte es nicht, den Islam für nationale Zwecke zu nutzen: Wer Türke ist, ist auch - sunnitischer - Muslim. Damit ließen sich Armenier, Griechen, aber auch alevitische Kurden zu inneren Feinden erklären. Die Ausgrenzung ganzer Völkerschaften gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Türkei im 20. Jahrhundert.

Atatürk war General; Erdogan - heute der mächtigste Mann des 72-Millionen-Volkes - wäre beinahe Fußballprofi ge-worden, ein Emporkömmling aus den Docklands von Istanbul, Spross einer frommen Familie. Ein "schwarzer Türke", wie sie in Istanbuls feineren Kreisen sagen; einer, der erst einmal nichts zu tun hat mit der türkischen Bürokraten- und Militärbourgeoisie. Erdogans Aufsteigerkarriere steht für den Aufbruch einer ganzen Generation fleißiger anatolischer Schwaben, die in ihren Hinterhofklitschen in Gaziantep und Kayseri nur darauf gewartet haben, dass ihr Land aus dem Tiefschlaf erwacht.Der Wirtschaftsliberalismus der AKP, der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, ist ihr Programm, die Konsumfreude der Türken ihr Glück. Aber erst die neue Außenpolitik der Türkei, die alte Feindstaaten (wie Russland, Syrien oder Griechenland) in neue Märkte verwandelte, beschert den Firmen der frommen Aufsteiger Millionenumsätze. Die neuen Eliten tragen ihr Selbstbewusstsein zur Schau: die Frauen auch mit Kopftuch.

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