Vietnamesen in Deutschland:"Ich wollte immer auf die Uni

Ein Besuch bei Herrn Hong und seiner Frau kann helfen, das Rätsel zu lösen. Beide bringen eigentlich Voraussetzungen für ein Scheitern in Deutschland mit: Sie sprechen auch nach 30 Jahren nur gebrochen Deutsch, sie kamen ohne Studium oder Ausbildung. Du-Vi Hong beschichtete jahrelang im Aalener Zeiss-Werk Brillengläser, seine Frau verdient ihr Geld als Verkäuferin im Asia-Shop - nichts, was den Kindern eine akademische Karriere aufdrängt. Doch Hong machte ihnen klar: Mit einem Studium ist die Jobsuche und das ganze Leben einfacher. Das kam an. "Eine Ausbildung kam für mich nie in Frage, ich wollte immer auf die Uni", sagt Helga Hong. Durchkämpfen musste sie sich selber, die Mutter konnte ihr nur in der Grundschule helfen. Sonst gab es gelegentlich Nachhilfe - und Druck vom Vater. "Hab' ich schlechte Noten heimbracht, gab's halt scho Ärger", sagt Jürgen in breitem Schwäbisch.

Die Hong-Kinder sind so integriert, da kommen beim Reporter schon Schamgefühle auf, die üblichen Ausländer-Problemthemen abzufragen: Nein, es gibt keine Benachteiligung in der Schule, keine Sehnsucht nach Vietnam, keine religiösen Probleme mit dieser Gesellschaft, erzählen sie. "An bestimmten Tagen sollen wir beten, aber mehr weiß ich dann auch nicht", sagt Helga Hong. Immerhin, auf dem Wohnzimmerregal mit dunklem Holzfurnier, das in jeder guten schwäbischen Stube stehen könnte, steht noch ein Foto vom Großvater. Die Ahnen zählen viel in der fernöstlichen Volksreligion. Doch Vietnam ist weit weg. Seit 18 Jahren hat die ganze Familie deutsche Pässe. "Ich fühle mich als Deutscher, ich kenne ja nichts anderes", sagt Jürgen.

Die Wertschätzung für die Schule haben die Hongs aus Vietnam mitgebracht. Lernen gilt viel in ihrer Kultur, ein vietnamesisches Sprichwort sagt: nur Bildung führt weg vom Reisfeld, dem beschwerlichen Leben als Bauer. Die Professorin Karin Weiss hat dies als weit verbreitete Mentalität der Vietnamesen in Deutschland festgestellt. Dass man die erfolgreiche Einwanderergruppe mit den oft arm gebliebenen Gastarbeiterfamilien aus der Türkei oder Jugoslawien vergleicht, ist allerdings nicht ganz fair. Die 40.000 in Westdeutschland kamen einst Ende der siebziger Jahre als Bootsflüchtlinge ins Land, meist von den vietnamesischen Kommunisten vertriebene Geschäftsleute. "Sie hatten von Anfang an alle Integrationshilfen, die man sich denken kann", sagt Weiss.

Die andere, größere Gruppe bilden die ehemaligen Vertragsarbeiter in Ostdeutschland, von denen etwa 60.000 geblieben oder nachgezogen sind. Hier zieht der Vergleich mit den westdeutschen Gastarbeitern schon eher, denn die Vietnamesen wurden ebenso für einfache Arbeit auf wenige Jahre in die Ostblockländer geholt und sollten ebenfalls bald wieder verschwinden. Dann aber kam der Mauerfall dazwischen. Die Vertragsarbeiter verloren massenweise ihre Jobs und schlugen sich als Imbissbesitzer oder fliegende Kleiderhändler durch. Es war eine ganz andere Klientel als im Westen: kommunistisch-regimetreu, jung und heimatverbunden.

"Wir machen hier die Drecksarbeit"

Einer von ihnen ist Dinh Dang. Er fing 1987 in der Sowjetunion an und machte sich 1991 auf den Weg nach Deutschland, wo es ihn schließlich nach München verschlug. Dang hat wenig mit Hong gemein, er kämpfte im Vietnam-Krieg auf der anderen Seite, und einen deutschen Pass mag er aus Liebe zur alten Heimat auch nicht haben. Den Willen zum Aufstieg aber brachten er und seine Frau Dung Le ebenso mit wie die Hongs. Der Kartenzeichner fing noch im Asylbewerberheim als Tellerwäscher an; heute ist er zwar nicht Millionär, aber immerhin Eigentümer einer Vier-Zimmer-Wohnung, was in München fast das Gleiche bedeutet. Dang hat dafür am Münchner Flughafen geputzt und am Wertstoffhof Plastikmüll und Schrott sortiert. Derzeit fährt er für einen Bringdienst "Hähnchen Tom Yum" oder "Ente Gum Pao" aus, seine Frau ist Kantinenköchin. "Wir machen hier die Drecksarbeit, aber du sollst es einmal besser haben", sagt er zu seiner Tochter Mai. Auch Dang spricht kaum Deutsch, er lächelt wenig. Er ist stolz auf seine Kinder Mai und Hai: Die 20-Jährige studiert Betriebswirtschaft in Nürnberg, ihr jüngerer Bruder geht aufs Gymnasium.

Dieser Weg war Mai nicht vorgezeichnet: Die ersten drei Schuljahre hausten die Dangs im Asylbewerberheim, einem Containerlager voll enger Zimmer und lärmender Nachbarn. Mai musste wegen ihrer schlechten Deutschkenntnisse auf eine Förderschule und lernte wie besessen. Das fruchtete, sie schaffte den Sprung aufs Gymnasium. Der Aufstieg aber hat einen hohen Preis. Mai selbst spricht von einem "wahnsinnigen Druck" der Eltern. "Du sollste es einmal besser haben - das hämmern die mir ein, seit ich denken kann", sagt sie. Als sie in der zwölften Klasse einen Freund hatte, gab es Dauerhausarrest, die Eltern fürchteten, sie könnte schwanger werden oder schlecht in der Schule. "Mach dein Abitur, als Studentin hast du dann Freiheit", sagten sie. Hauptsache gute Noten. Solange die im Zeugnis standen, konnte sich Mai alles erlauben. "Bei schlechten Noten gab es Ausgeh-, Internet- und dann Alles-Verbot."

Es war ein Druck, bei dem viele deutsche Mädchen wohl weggelaufen wären von zu Hause, vor den herrischen Eltern. Doch Mai blieb. Der viele Streit aber hat sie krank gemacht. Es ging nicht nur um den Freund, auch das Studienfach wollten die Eltern mitbestimmen. Sie forderten, Mai solle Medizin studieren. Das sei überall hoch angesehen, sagt die Mutter. Die Tochter aber wollte "etwas Kreatives" lernen, Design oder Innenarchitektur. Jetzt studiert sie Betriebswirtschaft. Der Respekt vor den Eltern sei in ihrer Kultur eben sehr sehr hoch, sagt Mai. "Wir sind anders erzogen als deutsche Kinder."

Helga Hong ist deutschen Kindern schon ähnlicher und hat ihren Kopf durchgesetzt: Sie brach ihr Betriebswirtschafts-Studium ab und will Gymnasiallehrerin werden für Englisch und Deutsch. Ihr Vater lächelt, als sie davon erzählt.

© SZ vom 01.04.2010
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