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Vielfalt in Deutschland:"Die Landschaft ist zu aufgeräumt"

Prof. Dr. Josef Settele

Josef Settele ist Professor für Agrarwissenschaften am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Er hat sich viel mit dem Thema Insektensterben beschäftigt.

(Foto: Sebastian Wiedling/UFZ)

Der Co-Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrates erklärt, warum auch in Deutschland so viele Arten verschwinden - und warum ein bisschen Unordnung durchaus Abhilfe schaffen könnte.

Josef Settele hat als Co-Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats die jahrelange Arbeit am jetzt vorliegenden IPBES-Bericht mitgeleitet und koordiniert.

SZ: Sterben auch in Deutschland Tiere und Pflanzen weiter aus?

Josef Settele: Ja natürlich! Wir verlieren viele Spezies. In Deutschland ist vor allem ein Verlust der Biodiversität zu beobachten, das heißt, es gibt immer weniger Tier- und Pflanzenarten. Zudem geht die Zahl der Individuen zurück, zum Beispiel bei vielen Insekten. Der Artenschwund findet direkt vor unserer Haustür statt.

Welche Spezies sind besonders betroffen?

Besonders schlecht geht es Vögeln und Insekten, die in der Agrarlandschaft leben. Der Bestand des Kiebitz ist in den vergangenen 30 Jahren dramatisch eingebrochen. Ähnlich ist es bei der Feldlerche. Agrarlandtypische Wildbienen und Schmetterlinge kämpfen ebenfalls ums Überleben.

Warum ist das so?

Die Landschaft in Deutschland ist zu aufgeräumt. In der intensiven Landwirtschaft wird jeder Zentimeter Boden effektiv genutzt. Viele Arten verlieren dadurch ihren Lebensraum. Es bleibt schlicht kein Platz mehr. Verloren gehen deshalb auch alle Lebewesen, die Chaos mögen. Interessanterweise gehören in Deutschland Truppenübungsplätze zu den artenreichsten Flächen. Durch die Übungen entstehen zum Beispiel immer wieder offene Stellen an denen das Erdreich aufgebrochen ist.

Was sind in Deutschland die Hauptursachen für das Artensterben?

Das größte Problem ist mit Sicherheit die Landnutzung, und zwar nicht nur in der Landwirtschaft, sondern beispielsweise auch in den Städten. Gärten und öffentliche Grünanlagen sind viel zu ordentlich. Kritisch ist der aktuelle Trend zu Steingärten, die als unkrautfrei und pflegeleicht gelten. Oft sind das Steinwüsten, in denen Tiere und Pflanzen keinerlei Überlebenschance haben.

Was müsste sich in Deutschland ändern, damit es den Arten wieder besser geht?

Erstens: Mehr Chaos und Störung zulassen. Zweitens: Pestizideinsatz in der Landwirtschaft reduzieren. Ich bin nicht für ein totales Verbot, weil die Landwirte dann weniger produzieren würden, und wir müssen schon darauf achten, dass es keine größeren Einbußen gibt. Drittens: Um Arten zu schützen, müssen wir auch den Temperaturanstieg durch den Klimawandel in den Griff bekommen. Was haben wir davon, Arten zu retten, wenn diese dann in zehn oder zwanzig Jahren verschwinden, weil es ihnen bei uns zu heiß wird?

Was kann jeder einzelne gegen das Artensterben tun?

Wer einen eigenen Garten hat, sollte den Rasen reduzieren und stattdessen verschiedene Kräuter und Blumen pflanzen. Natürlich sollte man auch privat auf Chemikalien verzichten und zum Beispiel Fugen nicht mithilfe eines Herbizids reinigen. Ein wichtiger Punkt ist auch das Konsumverhalten. Wer lokale Produkte kauft und solche, die möglichst ohne den Einsatz von Pestiziden hergestellt wurden, hilft den Arten und gleichzeitig auch dem Klima.