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Verhütung:Die Baby-App

Immer mehr Frauen verlassen sich aufs Handy.

Von Werner Bartens

Sollen Frauen beim Arzt angeben, wann sie ihre letzte Periode hatten, zücken viele von ihnen das Handy. Was früher im ornamental geschmückten Taschenkalender oder Tagebuch vermerkt wurde, verwaltet inzwischen eine App. Etliche Anbieter gibt es, seit Jahren steigt die Zahl der Benutzerinnen. In den USA hat die Kontrollbehörde FDA gerade die App "Natural Cycles" zugelassen. Sie soll fruchtbare und unfruchtbare Tage anzeigen und so ungewollte Schwangerschaften verhindern - oder dabei helfen, den Kinderwunsch endlich zu erfüllen. Zyklustag fünf und "not fertile" - nicht fruchtbar - zeigt das Display dann beispielsweise an.

Mithilfe der Apps werden zwar lediglich jahrhundertealte Erfahrungen digital erfasst: Wann kam es zur letzten Monatsblutung, wie ist die Beschaffenheit des Zervixschleims, hat sich die morgendliche Temperatur verändert? Im Fall von "Natural Cycles" wird ein Thermometer mitgeliefert, der Wert sollte jeden Morgen bestimmt und eingetragen werden. Schließlich steigt um den Eisprung herum die Körpertemperatur um bis zu einem halben Grad an, sodass auf diese Weise die fruchtbare Phase in der Zyklusmitte ermittelt werden kann.

Doch obwohl sich die Grundlagen der Zyklusbestimmung nicht verändert haben, muss offenbar davor gewarnt werden, wahre Wunderdinge von den Apps zu erwarten, die schlicht Veränderungen des Körpers aufzeichnen. Der Hersteller gibt denn auch an, dass die App "nicht vor Geschlechtskrankheiten schützt". Und Terri Cornelison, bei der FDA für Frauengesundheit zuständig, warnt, dass "Frauen wissen sollten, dass keine Verhütungsmethode absolut zuverlässig ist, sodass es auch bei korrekter Anwendung des Produkts zur ungewollten Schwangerschaft kommen kann".

In Europa, wo diverse Zyklus-Apps bereits von Hunderttausenden Frauen genutzt werden, gibt es schon erste Beschwerden. So werden in Schweden 37 Fälle ungewollter Schwangerschaften untersucht, zu denen es trotz angeblich gewissenhafter Anwendung der App gekommen ist. "Natural Cycles" verweist auf umfangreiche klinische Daten, die an mehr als 22 000 Frauen erhoben wurden. Dabei wurde eine Wirksamkeit von 93 Prozent erreicht. Für eine natürliche Verhütungsmethode ist das nicht schlecht, aber eben nicht perfekt. Wieso sollte die bewährte Mischung aus Tage zählen, Schleim fühlen und Temperatur messen auch sicherer sein, nur weil sie das Handy in bunten Grafiken speichert? Und wäre eine Frau früher auf die Idee gekommen, sich bei Herstellern von Notizbüchern zu beschweren, wenn sie trotz gewissenhafter Einträge schwanger geworden wäre?

"Von digitalen Vermessungsgeräten geht das Versprechen aus, dass es zwischen dem Körper und den Daten eine jederzeit verlässliche, gewissermaßen natürliche Übersetzung geben muss", sagt Andreas Bernard, Kulturwissenschaftler an der Leuphana-Universität Lüneburg. "Ziffern auf dem Display erscheinen vielen Menschen wahrer als das eigene Empfinden." Diese Vorstellung wird auch bei Schlaf-Apps enttäuscht. Statt sich auf die digital ermittelte Schlaftiefe zu verlassen, sollte man dem wohligen Gefühl am Morgen vertrauen - und dann bei Bedarf Temperatur messen.

© SZ vom 22.08.2018

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