Verhaftung von US-Agent in Russland:Spion aus der dritten Reihe

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Verhaftung von US-Agent in Russland: Ryan Fogle wurde in Moskau wegen Spionage verhaftet.

Ryan Fogle wurde in Moskau wegen Spionage verhaftet. 

(Foto: AFP)

Russland ist wachsam - traue dem Westen nicht: Das ist die Botschaft, die die Medien nach der Verhaftung des 3. Sekretärs der amerikanischen Botschaft in Moskau verbreiten. Eigentlich wollte der russische Geheimdienst die Verhaftung nicht groß aufblasen, um die momentane Annäherung zwischen den USA und Russland nicht zu gefährden. Doch das dreiste Verhalten des Botschaftsangestellten lies den Behörden kaum eine Wahl.

Von Frank Nienhuysen, Moskau

Da sitzt er nun mit traurigen Augen an einem Holztisch des russischen Geheimdiensts, und bindet sich mechanisch die Armbanduhr um. Ryan Fogle hat braunes, kurzes Haar, und es ist wohl sein echtes. Auf einem Tisch im Hintergrund liegen zwei Perücken, die blonde trug er, als er festgenommen wurde. Der Spott ist ihm deshalb nun sicher. Als "Austin Powers" wird der Amerikaner verhöhnt, der seit zwei Jahren als 3. Sekretär der amerikanischen Botschaft in Moskau akkreditiert war.

Jetzt ist der Spion aufgeflogen, und die russischen Medien machten daraus eine kleine Vorführung. Sie zeigten, wie Fogle in der Moskauer Dunkelheit abgeführt, in ein Auto gesetzt und in einen Empfangsraum des russischen Geheimdienstes FSB gebracht wird, wo ihn ein nicht zu sehender Mitarbeiter verhört.

Der Amerikaner wollte angeblich einen russischen Geheimdienstmitarbeiter anwerben und versprach ihm dafür 100.000 Dollar. In einem Brief Fogles, den der russische Sicherheitsdienst veröffentlichte, stellte er bei langfristiger Zusammenarbeit sogar bis zu eine Million Dollar in Aussicht, "plus Bonus für Informationen, die uns helfen". Der Brief ist eine Anleitung zum Überlaufen, begonnen mit den Worten "lieber Freund" und mit konkreten Wegweisern zur Kontaktaufnahme. Unter anderem soll dazu in einem Internet-Café oder Café mit Wifi ein Gmail-Account eröffnet werden, ohne dabei persönliche Informationen zu geben. Der Brief endet mit der Zeile "Eure Freunde".

Einfach ein arroganter Kerl

Nach Informationen der Zeitung Kommersant galt Fogles Anwerbeversuch einem Russen, der mit dem Anti-Terror-Kampf im Nordkaukasus beschäftigt ist. Gelegenheit dazu gab es, als nach dem Anschlag von Boston Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft und des FBI mit russischen Kollegen nach Dagestan reisten, wo die Eltern der Attentäter leben. Pikanterweise führte der Terror von Boston allerdings dazu, dass beide Staaten sich auf eine engere Zusammenarbeit verständigten.

Dass die Festnahme so offen gezeigt wurde, ist vermutlich eher als Botschaft für das heimische Publikum gedacht: Dass Russland wachsam ist, dass die staatlichen Sicherheitsdienste effektiv sind, und dass man dem Westen nicht trauen kann. Der Los Angeles Times erzählte ein ungenannter FSB-Mitarbeiter, dass Russland gar nicht vorgehabt habe, die Sache unnötig aufzublasen. "Aber dieser Kerl hat sich so arrogant und aufsässig verhalten, als wäre er in einem Spionagefilm. Er hatte einen Haufen Geld bei sich, Instruktionspläne, Make-up und anderes Zeugs."

Von Michael McFaul gab es zu dem Fall nur zwei spärliche Buchstaben, und diese schriftlich. "No", twitterte der US-Botschafter als Antwort auf die Bitte um einen Kommentar. Als er am Mittwoch am Smolenskaja-Platz das russische Außenministerium verließ, sagte er gar nichts. Immerhin, er winkte. Auch das Außenministerium tat nicht mehr als seine Pflicht. Es erklärte Fogle zur Persona non grata, die das Land verlassen müsse, bestellte Botschafter McFaul ein, protestierte offiziell, echauffierte sich aber nicht sonderlich.

Russland wiegelt ab

Der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitrij Peskow, bezeichnete den Spionagefall als "nicht wertvollen Beitrag bei der Stärkung des Vertrauens zwischen Russland und den USA, das auf ein neues Niveau" geführt werden solle. Und das scheint beiden Staaten derzeit das Wichtigste zu sein. Sogar der sonst so scharfzüngige Außenpolitiker Alexej Puschkow, Leiter des internationalen Duma-Ausschusses, versuchte die Lage zu entspannen und sagte: "Das Ereignis dürfte wohl kaum ernsthafte negative Folgen für die beiderseitigen Beziehungen haben."

Die Zeichen stehen wieder auf vorsichtige Annäherung, nach all den Kalamitäten der vergangenen Monate, dem Magnitskij- und Anti-Magnitskij-Gesetz, den beiderseitigen Sanktionen gegen Funktionäre, dem Adoptionsverbot gegen Amerikaner und anderen Dokumenten des Misstrauens. Die Außenminister Sergej Lawrow und John Kerry werben für eine Syrien-Konferenz, und Präsident Wladimir Putin arbeitet gerade an einem wohlwollenden Antwortbrief an seinen amerikanischen Kollegen Barack Obama.

Beide Präsidenten, da ist man sich sicher in Moskau, wollen verstärkt das Gemeinsame betonen: Das sind weitere Abrüstungsschritte, der Kampf gegen Terror- und Cyber-Attacken. Und sogar beim Thema Raketenabwehrschirm in Europa scheint sich die Stimmung aufzuhellen. Und natürlich weiß Moskau: Spionage ist kein Monopol der USA. Vor drei Jahren wurde ein russischer Agentenring in den USA enttarnt, in seiner Mitte die rothaarige Anna Chapman.

Der ehemalige Generalmajor des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Jurij Kobaladse, sieht deshalb im Fall Fogle "nichts Sensationelles". Niemand von den großen Mächten habe trotz wärmerer Beziehungen mit der Aufklärung aufgehört, sagte er dem Moskowskij Komsomolez. "Die Arbeit wird gemacht. Unsere tun das Gleiche in Amerika, und ich wünsche Ihnen aufrichtig Erfolg."

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