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Verhältnis Deutschland-USA:Gabriel in Washington: Kleine Gesten, große Baustellen

Der neue deutsche Außenminister wird in Washington sehr verhalten empfangen, die Stimmung ist angespannt. Die Deutschen wissen noch immer nicht, woran sie bei der Trump-Regierung sind.

Von Stefan Braun, Washington

Wenigstens das Papier bleibt standhaft und lässt sich nicht per Dekret vom Tisch fegen. Selbst Donald Trump könnte gegen dieses Dokument wenig ausrichten. Es ist eingerahmt und dort zu Hause, wo es wertgeschätzt wird: in der berühmten Library of Congress. Diese ist nicht nur eine der größten Bibliotheken weltweit, sondern so etwas wie das größte Gedächtnis der Vereinigten Staaten. Und das Papier, aus dem Sigmar Gabriel gleich vorlesen wird, ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.

Der neue deutsche Außenminister hat sich das selbst ausgedacht. Kaum in der amerikanischen Hauptstadt, möchte er an die Wurzeln und die Entstehung der Vereinigten Staaten erinnern. Also steht er schon eine gute Stunde nach seiner Ankunft in einem kleinen Raum der Bibliothek, nimmt den Bilderrahmen mit der Erklärung und zitiert aus der historischen deutschen Übersetzung: "Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht", liest der Außenminister, "dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit."

Gabriel nennt Donald Trump nicht beim Namen; das wäre zu platt, um Wirkung zu entfalten. Aber er sagt schon, dass es "in diesen Tagen besonders wichtig und eine sehr gute Idee" sei, an die Universalität der amerikanischen Verfassung zu erinnern. "Universelle Werte" seien dort niedergeschrieben, gedacht für jeden - und jeden beschützend.

Nun ist kaum zu erwarten, dass der neue US-Präsident sich von derlei Fingerzeigen von seinem Kurs abbringen ließe. Aber das Signal ist gesendet: Wenn ihr euch schon nicht daran erinnern möchtet - wir werden nicht vergessen, wo und wie und mit was alles anfing. Dazu erklärt der Direktor der Bibliothek, dass im Jahr 1776 sehr schnell zahlreiche Übersetzungen der Unabhängigkeitserklärung überall in den USA gedruckt, verbreitet und öffentlich vorgelesen wurden. Auch das unterstreicht die Botschaft: Amerika verletzt sich selbst, wenn es seine Werte nicht mehr ernst nimmt.

Die spürbare Leere, die sich in Washington auftut

Die kleine Inszenierung ist natürlich nicht schlecht an einem Tag, der ansonsten für Gabriel kaum schöne Momente bereithält. Ja, er trifft den neuen Vizepräsidenten Mike Pence, und er kann später auch dem neuen Außenminister Rex Tillerson die Hand schütteln. Aber die Gespräche und die ganze Atmosphäre wirken - zumindest noch - nicht so, als wäre diese amerikanische Regierung besonders scharf darauf, neben deutschen Politikern gemeinschaftlich aufzutreten. Kurze Fototermine sind gestattet, Pressekonferenzen gibt es keine.

Es wäre nicht allzu schwer, trotz aller Spannungen ein paar freundliche Worte zu sagen. Doch weder Vizepräsident Pence noch Außenminister Tillerson tun es. Ersteren dürfte das Protokoll dazu verpflichten, beim neuen Außenminister wirkt es allerdings doch wie ein kleiner Affront. Wer sich daran erinnert, mit welcher Selbstverständlichkeit Tillersons Vorgänger John Kerry gemeinsam mit ausländischen Partnern vor die Presse trat, der spürt die Leere, die sich in Washington plötzlich auftut.

So bleibt es Gabriel vorbehalten, zu erklären, was er mit seiner kurzen Visite erreichen möchte. Mit ausgestreckter Hand wolle er der neuen Regierung begegnen, sagt der Deutsche. "Wir wollen zeigen, dass wir an der transatlantischen Zusammenarbeit festhalten wollen."

Nahestehen, ohne Nähe zu spüren

Syrien, Ukraine, die Differenzen in der Handelspolitik: Alles wird angetippt, und bei allem hat Gabriel für Kooperation und gegenseitiges Verständnis geworben. Es habe zwar immer mal wieder Zeiten gegeben, so der deutsche Minister, in denen Deutschland und die Vereinigten Staaten nicht in jeder Frage einer Meinung gewesen seien. "Das ändert aber nichts daran, dass keine Region der Welt uns so nahe steht wie die Vereinigten Staaten von Amerika."

Falsch wirkt diese Sicht der Dinge auf viele Deutsche sicher nicht. Nur erspüren lässt sich die Nähe derzeit kaum, vor allem von Seiten der neuen US-Regierung. Deshalb ergänzt Gabriel auf dieser Visite jedes freundliche Wort über die eigentlich ja sehr guten Beziehungen mit einem Hinweis: Deutschland müsse nicht unterwürfig sein, könne selbstbewusst auftreten, habe etwas zu bieten.

Je häufiger er das sagt, desto stärker wirkt es wie der Versuch, sich in diesen stürmischen Zeiten selbst Mut zu machen.

© SZ.de/joku/liv
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