Vereinigte Staaten:US-Notenbank behält niedrigen Leitzins bei

Die amerikanischen Währungshüter verschieben am Donnerstag die historische Zinswende noch ein Mal: Banken können sich weiterhin mit billigem Geld versorgen, Kredite bleiben günstig.

Von Claus Hulverscheidt, New York

Die US-Notenbank verzichtet vorerst auf die erste Leitzinserhöhung seit mehr als neun Jahren, behält sich den historischen Kurswechsel aber für den späteren Herbst weiter vor. Die Fed-Führung beschloss am Donnerstag, ihre sogenannte Zielspanne bis zur nächsten Sitzung Ende Oktober bei null bis 0,25 Prozent zu belassen. Notenbankchefin Janet Yellen wollte den Beschluss später begründen.

Experten hatten lange damit gerechnet, dass die Fed bei ihrer Septembersitzung die Wende einleiten würde, um einer durch steigende Löhne ausgelösten Inflation sowie der Bildung von Spekulationsblasen auf den Finanzmärkten vorzubeugen. Yellen und ihre Kollegen halten die heimische Konjunktur aber immer noch nicht für stabil genug, um eine Zinserhöhung zu verkraften. Zu der Einschätzung werden auch die jüngste Wachstumsschwäche in China und die großen ökonomischen Probleme in anderen Schwellenländern wie Brasilien beigetragen haben, die auf die US-Wirtschaft durchschlagen könnten.

Die Fed hatte nach vielen Erhöhungen Ende 2006 damit begonnen, ihren Leitzins zunächst stabil zu halten und dann schrittweise zu senken. Ziel war es, die Folgen der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit Kriegsende in den Griff zu bekommen. Seit Ende 2008 lag die Rate nahe null, die Fed verlieh ihr Geld also praktisch kostenlos an die Geschäftsbanken. Eine so lange Stillhaltephase und ein so niedriges Zinsniveau hat es zuvor noch nie gegeben.

Über die Höhe des Leitzinses ist eine Notenbank in der Lage, die Wirtschafts- sowie die Preisentwicklung - wenn auch nur sehr grob - zu steuern. Niedrige Zinsen stimulieren für gewöhnlich das Wachstum, bergen aber Inflationsgefahren. Höhere Zinsen dämpfen die Preisteuerung, aber auch die Konjunktur. Anders als die Fed denkt deshalb die Europäische Zentralbank (EZB) noch nicht über eine Ende der Null-Zins-Politik nach: Viele Euro-Länder leiden nach wie vor unter einer Wachstumsschwäche, die Inflation ist eher deutlich zu niedrig als zu hoch.

In den USA hingegen hat sich die Konjunktur trotz Schwankungen längst stabilisiert, die Erwerbslosenquote ist von zehn auf nur noch gut fünf Prozent gesunken. Allerdings gibt es Differenzen darüber, ob die tatsächliche Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht schwieriger ist, als es in der offiziellen Rate zum Ausdruck kommt. Auch ist die Inflationsrate weiterhin vergleichsweise niedrig. Kritiker wie der Nobelpreisträger Paul Krugman hatten die Fed daher wiederholt vor einem übereilten Handeln gewarnt. Ihr Argument: Strafft die Notenbank die Geldpolitik zu schnell, würgt sie damit womöglich die Konjunktur ab. Zieht hingegen die Inflation an, könne die Notenbank den Leitzins bei der nächsten Sitzung ja einfach umso deutlicher anheben.

Für die Fed geht es allerdings auch da-rum, irgendwann den ersten Schritt hin zu einem wieder normaleren Zinsniveau von vielleicht etwa drei Prozent zu gehen. Damit würde sie sich den verloren gegangenen Spielraum, die Zinsen je nach Konjunktur- und Preisentwicklung anzupassen, zurückerobern.

© SZ vom 18.09.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB