Vatikan:Unselige Geschäfte

Der Papst nimmt dem vatikanischen Staatssekretariat die rätselumwobene "cassa" weg - über sie liefen dubiose Geschäfte.

Von Oliver Meiler, Rom

"Brüderlich, Francesco" - so endet ein Schreiben des Papstes vom vergangenen 25. August, das die Machtverhältnisse im vatikanischen Stadtstaat auf den Kopf stellt. Dass es erst mehr als zwei Monate nach Sendung publik geworden ist, hängt wohl an der besonders brisanten Materie, die es behandelt. Franziskus entzieht darin dem Staatssekretariat, dem höchsten Amt der römischen Kurie, alle Macht in finanziellen und wirtschaftlichen Angelegenheiten und unterstellt deren Sonderkasse der zentralen Güterverwaltung Apsa, die wiederum an das Sekretariat für Wirtschaft berichtet. Alle Geldströme sollen also zentralisiert werden, damit in Zukunft nicht mehr so viel Unseliges und zuweilen hochgradig Dubioses angestellt werden kann mit dem Geld der Kirche - auch mit dem Peterspfennig zum Beispiel, jener Spende also, die für karitative Zwecke reserviert sein sollte.

Am meisten undurchsichtige Investments hatte stets das Staatssekretariat getätigt, und das ging ganz einfach: Es brauchte nämlich bisher nie Buch zu führen über seine Ausgaben, wie das andere Ämter mussten, sein Budget war ein Enigma und nur Eingeweihten bekannt. Auch das soll sich nun ändern, und zwar "binnen drei Monaten": Jeder Euro muss künftig belegt sein, außer wenn es sich um geheime Missionen handele, die aber vorrangig als solche von einer dafür eingesetzten Kommission bewilligt werden müssen. Alle Autonomie ist weg.

In seinem Brief wird der Papst ganz konkret: Die Kirche riskiere eine "Rufschädigung", wenn sie sich nicht "so schnell wie möglich" von einer Immobilie in London und dem Investmentfonds Centurion trenne, schreibt er. Gemeint sind die beiden Objekte des jüngsten Finanzskandals. Von 2013 an hatte das Staatssekretariat in mehreren Etappen über Broker und Konsulenten für wohl insgesamt ungefähr 300 oder 400 Millionen Euro ein Gebäude an der Sloane Avenue im teuren Londoner Stadtteil Chelsea gekauft, um darin - das war der Plan der Investoren - Luxuswohnungen einzurichten. Der Immobilienmarkt brach zusammen, die Operation wurde für die Kirche zu einem gigantischen Verlustgeschäft.

Cardinal Giovanni Angelo Becciu speaks to the media in Rome

Giovanni Angelo Becciu bei einer Pressekonferenz im September: Der Papst hat ihn von allen Rechten und Privilegien seines Kardinalsstandes entbunden.

(Foto: Guglielmo Mangiapane/REUTERS)

Doch im Hintergrund verdienten die Mittelsmänner viel Geld mit Kommissionen, das sie offenbar im Fonds Centurion angelegt hatten. Im Vatikan laufen Ermittlungen zu allen diesen Transaktionen, der Verdacht lautet auf Geldwäsche, Korruption und Betrug. Diese Woche führte die italienische Steuerpolizei Guardia di Finanza auf Gesuch des Vatikans Hausdurchsuchungen bei einem Banker, einem Finanzier und einem hohen Funktionär des Staatssekretariats durch.

Drei Insider helfen den Justizbehörden bei ihren Ermittlungen. Der Vatikan nennt die Zeugen "Alfa", "Beta" und "Gamma". Einer von ihnen, so viel wurde schon bekannt, ist Monsignor Alberto Perlasca, der frühere Assistent von Kardinal Angelo Becciu, ehemals Substitut im Staatssekretariat und zuletzt Präfekt der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen.

Der Papst hat den sardischen Prälaten Becciu vor einigen Wochen, als immer mehr belastendes Material über dessen Umgang mit kirchlichem Geld bekannt wurde, von allen Rechten und Privilegien seines Kardinalsstandes entbunden - oder um es in weltliche Begriffe zu fassen: Er hat ihn rausgeworfen, weil er ihm nicht mehr traute. Für das Staatssekretariat, das unter anderem den diplomatischen Apparat und die Agenda des Papstes verwaltet, führt die organisatorische Neuordnung zu einem empfindlichen Machtverlust. Der Papst schreibt in seinem Brief, die Behörde habe genug zu tun mit ihren angestammten Aufgaben, Finanzgeschäfte gehörten nicht dazu, es gelte das Subsidiaritätsprinzip.

In ihrer sagenumwobenen cassa, auch als "dritte Bank des Vatikans" bekannt, lag etwa ein Zehntel aller Mittel der Kirche - ganz frei zur Verfügung. Dem Chef der Behörde gegenüber, dem italienischen Kardinal Pietro Parolin, hat Franziskus sein Vertrauen erneuert, obschon alle waghalsigen Operationen von seinen engsten Mitarbeitern beschlossen worden waren. Doch seinen Sitz im Aufsichtsrat der eigentlichen Vatikanbank, dem IOR, musste Parolin vor einigen Wochen aufgeben.

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