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Vatikan:Gott, Geld und Gier

Kurz vor der Amazonien-Synode erschüttert ein Finanzskandal den Vatikan. Die Umstände sind selbst für den Kirchenstaat einzigartig.

Ein neuer Finanzskandal umweht den Vatikan, garstig wie ein Herbstwind, und das kurz vor der dreiwöchigen Synode zu Amazonien, die am Wochenende beginnt. Obschon es ja weiß Gott nicht der erste Skandal um Geld und Gier hinter heiligem Gemäuer ist, sind einige Umstände der Ermittlungen gegen fünf Beamte auch für den Kirchenstaat einzigartig. Glaubt man den Indiskretionen, geht es diesmal um Millionendeals mit prestigereichen Immobilien im Ausland, etwa in London, die über britische Gesellschaften abgewickelt worden sein sollen, und um einen verdächtigen Umgang mit dem Peterspfennig, dem Sammelgeld der Gläubigen für die Ärmsten.

Die Fahnder der Gendarmerie schauten sogar schon im Apostolischen Palast vorbei und beschlagnahmten dort, in den Büros des Staatssekretariats, vertrauliche Dokumente und Computer. Normalerweise ist der Palazzo Apostolico, wo Franziskus' Vorgänger auch ihre Gemächer hatten, Hoheitszone der Schweizergarde. Doch die wurde erst kurz vor der Razzia unterrichtet. Die vatikanische Gendarmerie erließ auch eine Dienstverfügung, die dem Nachrichtenmagazin "L'Espresso" zugespielt wurde. Sie sieht aus wie ein Steckbrief: fünf schummrige Fotos, kurze Bildunterschriften. Eine Premiere.

Die vatikanischen Beamten, ein Monsignore und vier Laien, dürfen den Boden des Stadtstaates demnach nur noch mit richterlicher Genehmigung betreten. Von ihren Ämtern wurden sie suspendiert. Monsignor Mauro Carlino, bisher Bürochef für Information und Dokumentation im Staatssekretariat, kann vorderhand im Gästehaus Santa Martha wohnen bleiben, da wohnt auch der Papst. Carlino war ein hoher Funktionär, eine Prominenz des Apparats. Früher arbeitete er als Sekretär für den heutigen Kardinal Angelo Becciu, und der scheint in dieser Geschichte eine zentrale Rolle zu spielen.

Becciu war bis zu seiner Beförderung zum Präfekten der Kongregation für die Heiligsprechungen 2018 zuständig für die "Allgemeinen Dienste" im Staatssekretariat. Die Promotion wirkte auf viele wie eine Weglobung. Italienische Medien spekulieren jetzt, dass die laufenden Ermittlungen sich auf die Jahre von Beccius Tätigkeit im Staatssekretariat konzentrieren, von 2011 bis Sommer 2018. Ausgelöst wurden die Untersuchungen durch Hinweise aus dem vatikanischen Geldinstitut IOR, das früher selbst oft im Zentrum von Affären stand, und vom Generalrevisor. Beide hatten suspekte Geldtransfers ausgemacht.

Suspendiert wurde auch Tommaso Di Ruzza, bislang Direktor der vatikanischen Finanzaufsicht - ausgerechnet. Die "Autorità di informazione finanziaria", kurz AIF, war schon unter Benedikt XVI. eingesetzt worden. Sie sollte helfen, Geldwäsche aufzudecken und endlich etwas Transparenz zu schaffen in den windigen Finanzangelegenheiten des Vatikans. Benedikts Nachfolger Jorge Mario Bergoglio machte aus diesem Bekenntnis gar eine Hauptpriorität, richtete neue Gremien ein und versprach tiefgreifende Reformen.

In Rom fragt man sich nun, ob der neue Skandal eher ein Zeichen für mehr Transparenz sei oder ob er nicht im Gegenteil beweise, dass alle Reformen verpuffen. Auch der Zeitpunkt verleitet zu Mutmaßungen. In einigen Tagen will der Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi, bekannt seit "Vatileaks", sein neues und "sensationelles" Buch vorstellen - so bewirbt er es selbst in einem Post auf Facebook. Titel und Inhalt behält er noch für sich. "Habt noch etwas Geduld", sagt er. Erscheinen soll es mitten in der Synode, wenn die Welt ohnehin nach Rom schaut.

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