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Vatikan:Glaube, Liebe, Hoffnung

In einem Interview unterstützt der Papst gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Ist dies die von vielen erhoffte und von anderen gefürchtete Kehrtwende der katholischen Kirche?

Von Matthias Drobinski und Annette Zoch

Schwul sein oder lesbisch, das bringt immer noch viele Katholikinnen und Katholiken an existenzielle Grenzen. Als im September in München Bischöfe und Delegierte berieten, wie es weitergehen könnte mit der krisengeschüttelten katholischen Kirche in Deutschland, da stand ein junger Mann auf und sagte: "Ich lebe in schwerer Sünde, so steht es im Katechismus. Wir haben es satt, dass uns unser Glauben abgesprochen wird, weil wir lieben, wie wir lieben. Ich bin schwul und katholisch, und Gott steht auch mir bei."

Im Applaus der Versammlung klang Hilflosigkeit mit. Die Lehre der Kirche schien festzustehen: Homosexuelle sollen nicht diskriminiert werden, aber praktizierte Homosexualität ist Sünde.

Und jetzt das: Papst Franziskus selbst hat sich dafür ausgesprochen, dass seine Kirche zivile homosexuelle Lebenspartnerschaften anerkennt. "Homosexuelle haben ein Recht darauf, Teil der Familie zu sein", sagt er im Dokumentarfilm "Francesco" des russischen Regisseurs Jewgeni Afinejewski, und: "Was wir benötigen, ist ein Gesetz, das eine zivile Partnerschaft ermöglicht."

Wie diese Aussagen in den Film gekommen sind, ist nicht ganz klar. Möglicherweise fielen sie schon im Mai 2019 in einem Interview mit einem mexikanischen Sender, der die Passage aber dann nicht ausstrahlte. Wie auch immer: Franziskus dementiert die Aussagen nicht.

Der Satz des Papstberaters und Jesuitenpaters Angelo Spadaro jedenfalls, das alles sei nichts Neues, ist höchstens dazu geeignet, die erschrockenen Konservativen im Vatikan ein bisschen zu beruhigen. Zwar hat Jorge Mario Bergoglio schon 2010 als Kardinal von Buenos Aires im Streit um die Homo-Ehe in Argentinien Kompromissbereitschaft gezeigt. Als Papst aber hat er bislang das strikte Nein der katholischen Kirche zur rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften nicht infrage gestellt, das 2003 Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation festschrieb.

Die jetzige Abkehr von diesem Nein ist historisch: Zumindest der Papst beendet damit den jahrzehntelangen Kulturkampf der Kirche gegen die Ehe für alle. Für Papst Johannes Paul II. war die Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften Teil einer "Kultur des Todes", der die katholische Kirche entgegentreten musste. Entsprechend setzten weltweit Bischöfe Regierungen unter Druck, die homosexuelle Partnerschaften rechtlich absichern wollten. Noch 2013 demonstrierten in Frankreich Hunderttausende gegen die Einführung der Homo-Ehe und bis zu 1,5 Millionen Spanier, an der Spitze zahlreiche Bischöfe des jeweiligen Landes.

Doch selbst in Irland, dem katholischsten Land Europas, stimmten 2015 bei einer Volksabstimmung 62 Prozent der Teilnehmenden für eine gleichgeschlechtliche Ehe. Franziskus scheint hier nun aus seelsorgerischen Gründen eine Korrektur vollzogen zu haben: Wenn zwei Menschen füreinander einstehen wollen, warum soll der Staat das nicht rechtlich absichern?

Inwieweit der Papst damit insgesamt die Homosexualität theologisch neu bewertet, darüber lässt sich streiten. Streng genommen können Schwule und Lesben katechismusgemäß zusammenleben, wenn sie auf Sex verzichten - und das Thema Sex spart der Papst im Interview kunstvoll aus.

"Als Seelsorger ist Franziskus stark, theologisch aber lässt er viele Fragen offen", analysiert der katholische Frankfurter Theologe Ansgar Wucherpfennig. Er tritt seit Langem für eine kirchliche Neubewertung der Homosexualität ein - die biblischen Verdikte hält er für zeitbedingt und heute überholt, was ihm schon einigen Ärger mit Rom einbrachte. Sein Mainzer Kollege Stephan Goertz sieht in den Sätzen des Papstes sehr wohl eine Richtungsänderung: "Franziskus verfolgt weniger eine Theologie des Leibes wie Johannes Paul II. als vielmehr eine Theologie der Liebe." Die Interview-Passage könnte sich "vielleicht als wichtiger Schritt auf dem Weg zur Änderung der Lehre herausstellen". Der sei überfällig: "Die Kirche hinkt der kulturellen Entwicklung und den moralischen Standards um Jahrzehnte hinterher."

Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der vom Papst geschasste Präfekt der Glaubenskongregation, hat die Äußerungen im Interview dagegen kritisiert - der Papst stehe "nicht über dem Wort Gottes", das die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau eingesetzt habe. Für viele konservative Bischöfe dürfte die Passage ein weiterer Beleg dafür sein, dass Franziskus an der Verwässerung der kirchlichen Lehre arbeitet. So groß die Zustimmung in den westlichen Ländern sein mag: In Afrika oder in Osteuropa, wo Homophobie eher zu- als abnimmt, dürfte ein kirchliches Ja zu homosexuellen Lebenspartnerschaften auf großes Unverständnis stoßen.

Ansgar Wucherpfennig ist dennoch optimistisch: "Der Papst hat eine Tür geöffnet, eventuell wird erst sein Nachfolger durch sie hindurchgehen. Aber sie ist offen."

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