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USA:Die Sonnenkönigin

Hillary Clinton ist vielen Amerikanern bis heute fremd. Schuld daran trägt sie selbst. Die Nähe zu Banken und der lässliche Umgang mit der Wahrheit werden ihr im Wahlkampf schaden.

Die Besucher amerikanischer Parteitage erhalten meist ein kleines Geschenk, bei den Republikanern war das jüngst ein schwarzer Regenschirm. Zwar regnete es nicht wirklich, aber immerhin beschrieb ein aufgeputschter Wetteransager namens Donald Trump ein solches Gewitter, dass man sich instinktiv am Schirm festhielt. Nun treffen sich in Philadelphia die Demokraten, die als erste große US-Partei eine Frau für das Weiße Haus nominieren werden. Sie sollten ihren Gästen eine Sonnenbrille schenken.

Die Sonnenbrille steht dafür, wie die Parteispitze die Wetterlage sieht: überwiegend sonnig. Anders als die Republikaner behauptet sie nicht, dass Amerika ausgebeutet, belagert, erledigt ist. Die Demokraten werden sich als Partei der Vielfalt und Toleranz, vor allem aber des Optimismus' darstellen. Schließlich stellen sie den Präsidenten Barack Obama, dessen Politik Hillary Clinton weitgehend fortsetzen will.

In diesem Jahr aber ist es gefährlich, mit Schönwettermiene und Sonnenbrille herumzulaufen. Auch viele Demokraten finden nämlich, dass das Wetter gerade nicht so berauschend ist. Der "Sozialist" Bernie Sanders hat Clinton in den Vorwahlen sehr zugesetzt mit seinem eigenen Lagebericht. Demnach hat Obama das Land zwar aus der Wirtschaftskrise geführt, aber es bedarf gleichwohl einer Revolution - gegen die Korruptheit der Politik, gegen Turbokapitalismus und Freihandel, gegen die Ungleichheit in der Gesellschaft.

Optimismus und Filz - es beginnt der Parteitag der Demokraten

Sanders' Erfolg ist eine Warnung für Clinton: Das Land hasst den Status quo, den sie verkörpert. So kompetent sie sein mag, es wird nicht reichen, das schöne Wetter zu beschwören. Denn viele Bürger kämpfen mit niedrigen Löhnen, mit einer noch immer völlig überteuerten Gesundheitsversorgung, mit der Angst vor Gewalt. Clinton muss die Amerikaner davon überzeugen, dass man den Sonnenschutz vielleicht noch nicht braucht, ihn aber sicher brauchen wird, wenn sie Präsidentin ist.

Hillary Clinton mit Sonnenbrille: Das beschreibt auch ihre persönlichen Schwächen. Sie ist vielen Amerikanern fremd geblieben, und die allermeisten halten sie für so unehrlich, als sei sie eine notorische Ladendiebin. Clinton ist selbst daran schuld, unter anderem wegen ihres Privatvermögens, der Nähe zu Großbanken, der undurchsichtigen Familienstiftung und wegen ihrer E-Mail-Affäre, in der sie in unwirklichem Maße Regeln missachtete und Unwahrheiten verbreitete.

Jetzt hat sie sich den unscheinbaren Senator Tim Kaine zum Vize genommen. Wie Trump setzt Clinton damit auf einen biederen Stellvertreter. Offensichtlich ist beiden Hauptkandidaten bewusst, dass sie sehr viel Erdung brauchen. Kaine dürfte Clinton bei weißen, männlichen Wählern helfen, wo sie besonders schlecht abschneidet. Allerdings ist Kaine auch ein Experte für persönliche Bereicherung: Als Gouverneur hat er sich so reichhaltig beschenken lassen, dass sich Durchschnittsamerikaner vom Gegenwert zwei Häuser kaufen könnten. Optimismus und etwas Filz - es beginnt der Parteitag der Demokraten.

© SZ vom 25.07.2016

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